Montag, 26. September 2022

Konferenz „Shaping Feminist Foreign Policy“ in Berlin

Rede der Bundesministerin des Auswärtigen, Annalena Baerbock

Wenn man mit feministischer Außenpolitik anfängt, dann sagen viele: Über was redest du da? Manche stören sich am Begriff Feminismus. Andere stören sich daran, dass überhaupt etwas anders ist. Und wieder andere denken: Na endlich! Aber sie fragen sich: Was steckt eigentlich dahinter?

Deswegen will ich hier zu Beginn plakativ mit drei Bildern erklären, was feministische Außenpolitik bedeutet.

Da ist Marzia, 15 Jahre alt. Sie stand im Frühjahr mit Tränen in den Augen vor ihrer verschlossenen Schule in Afghanistan. Weil, seitdem die Taliban das Land gewaltsam wieder unter ihre Kontrolle gebracht haben, für eine ganze Generation von Mädchen der Schulbesuch, das Recht auf Bildung, keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Dann ist da das Bild von einer Mutter im Norden Malis, die ich dort traf, als ich die in Mali stationierten deutschen Soldaten besuchte. Sie war auf das Gelände der internationalen Schutzmission gekommen und appellierte eindringlich: Bitte lassen Sie uns nicht im Stich! Wir trauen uns heute schon kaum, auf den Markt zu gehen und unser Gemüse zu verkaufen, weil wir Angst haben, verschleppt und vergewaltigt zu werden.

Und für das dritte Bild, liebe Gäste, möchte ich Sie hier im Saal bemühen. Nehmen wir an, Sie würden ein ganz normales Parlament dieser Welt abbilden. Wenn wir in den Deutschen Bundestag und in viele andere Parlamente blicken, dann ist dort nur jeder vierte Platz mit einer Frau besetzt. Das wäre so, als würden hier im Raum nur bis zu dem Herrn mit der blauen Maske im vorderen Viertel des Saales Frauen sitzen, und danach kämen nur noch Männer. Alle würden sagen: Was ist das für eine komische Konferenz? Bei Parlamenten aber haben wir uns irgendwie daran gewöhnt. Das heißt, wir haben eine Menge zu tun – und zwar nicht nur in weit entfernten Ländern, sondern auch hier bei uns im Deutschen Bundestag.

Mädchen, denen Bildung verwehrt ist. Frauen, die sich aus Angst vor Gewalt nicht um ihren Lebensunterhalt kümmern können. Parlamente, die ihre Gesellschaft nicht in ihrer Vielfalt abbilden. Das sind drei Bilder, die zeigen, warum eine feministische Außenpolitik nicht nur notwendig, sondern warum sie überfällig ist, warum sie ein „No Brainer“ ist. Denn kein Land dieser Welt, keine Volkswirtschaft, keine Gesellschaft kann es sich leisten, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht gleichberechtigt mitbestimmen oder mit beitragen kann.

McKinsey hat schon 2015 in einer Studie errechnet, dass gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am weltweiten Arbeitsmarkt innerhalb von zehn Jahren das globale Bruttoinlandsprodukt um 26 Prozent steigern könnte. Genug, um weite Teile dieser Welt aus der Armut zu befreien.

Es ist also nicht nur ein entscheidendes Recht von Frauen und marginalisierten Gruppen, gleichberechtigt teilhaben zu können, sondern es ist volkswirtschaftlicher Irrsinn, keine feministische Außenpolitik zu verfolgen. Es geht um die gesamte Gesellschaft. Es geht nicht darum, weniger zu machen, sondern mehr: alle Menschen an den Tisch zu bringen und zu erweitern, anstatt uns künstlich selbst zu beschränken.

Deswegen erarbeiten wir in den nächsten Monaten Leitlinien für eine deutsche feministische Außenpolitik. Wir fangen dabei zum Glück nicht bei null an, und wir tun das zum Glück nicht alleine, sondern wir können von anderen lernen, die sich schon früher auf den Weg gemacht haben.

Und deswegen freue ich mich sehr, heute Kolleginnen und Kollegen aus sehr vielen unterschiedlichen Regionen der Welt zu begrüßen – von Ruanda über Mexiko, Albanien, Luxemburg, Norwegen bis Schweden. Aber auch Mitglieder des Deutschen Bundestages sind hier, Vertreterinnen und Vertreter anderer Ressorts, Botschafterinnen und Botschafter aus der ganzen Welt und vor allen Dingen ganz viele Akteurinnen und Akteure aus der Zivilgesellschaft. Und stellvertretend für diese Zivilgesellschaft möchte ich hier – denn von dort kommt das Konzept einer feministischen Außenpolitik – das Global Partner Network for Feminist Foreign Policy begrüßen. Danke, dass Sie den Weg für uns in den Regierungen und in den Außenministerien geebnet haben.

Ganz besonders freue ich mich, dass Du, liebe Shaharzad Akbar, heute bei uns bist. Denn Du sprichst nicht wie ich nur theoretisch darüber, sondern Du weißt, wie es sich anfühlt, wenn man – auf der positiven Seite – es endlich schafft, dass Frauenrechte im eigenen Land wertgeschätzt werden, dass etwa Mädchen zur Schule gehen können. Und leider weißt Du – und das ist die dramatische Seite – erst recht, wie es sich anfühlt, wenn diese erkämpften Rechte einem wieder entrissen werden. Als Vorsitzende der afghanischen Menschenrechtskommission hast Du Dich unermüdlich für die Frauen in deinem Land eingesetzt – und Du tust das jetzt weiterhin aus dem Exil. Dafür möchte ich Dir von Herzen danken.

Du sprichst für die Frauen und Mädchen Afghanistans, Du bist ihre Stimme. Denn wenn andere nicht sprechen können, dann braucht es Fürsprecherinnen – für Mädchen wie Marzia, die ich zu Beginn erwähnt habe. Du hast neulich über ihre Situation gesagt: „Diese Mädchen haben das Gefühl, die Welt bewegt sich weiter – aber sie bleiben zurück.“ Heute sind wir deswegen auch hier, um Dir zuzuhören – stellvertretend für die hunderttausend, für die Millionen von Mädchen und Frauen in Afghanistan, die wir nicht zurücklassen werden. Ihnen gehört diese Konferenz, auch wenn sie heute nicht bei uns sein können.

Das Wichtige an Außenpolitik – nicht nur einer feministischen Außenpolitik – ist, dass man immer vor Augen hat: Es kommt nicht nur auf den schnellen Erfolg an. Manche Bretter müssen über Jahre, über Jahrzehnte gebohrt werden. Das Entscheidende ist aber, damit anzufangen und nie aufzugeben.

Auch wenn das jetzt etwas unverhohlen daherkommt: Die Wahrheit ist, dass Sie wegen solcher dicken Bretter heute hier gar nicht als Gäste sind. Sie sind vielmehr ein entscheidender Teil unseres Prozesses zu einer feministischen Außenpolitik – einer Politik, die wir nur global gemeinsam gestalten können. Denn kein Land der Welt hat bisher echte Gleichstellung erreicht.

Und wie für euch Vorreiter in Schweden, liebe Ann Linde, stehen auch für uns die „drei R“ im Fokus, die ihr erfunden habt: Rechte, Ressourcen und Repräsentanz. Wir wollen feministische Außenpolitik mit Blick auf diese „drei R“ „mainstreamen“. Das ist ein sperriger Begriff, aber er meint etwas ganz Konkretes – nämlich, dass eine feministische Außenpolitik kein Anhängsel ist, sondern eine Handlungsweise, die sich durch unsere gesamte Außen- und Sicherheitspolitik zieht.

Das hört sich selbstverständlich an, aber ich glaube, alle hier im Saal wissen genau, was der Unterschied ist. Ob man sagt: Wir machen da auch ein bisschen etwas für Frauen oder ob man den Ansatz eines wirklichen Mainstreaming wählt und sagt: Das zieht sich durch alle Bereiche.

Und leider ist da auch heute noch Vieles so wie vor zehn Jahren. Wir haben das in Sitzungen erlebt, als gesagt wurde: Ja, wir machen auch feministische Sicherheitspolitik, denn eine moderne Organisation muss feministische Sicherheitspolitik betreiben. Da haben dann die Frauen im Saal gesagt: Machen wir das jetzt pro forma, weil wir eine moderne Organisation sein wollen und sich das irgendwie heute so gehört – oder machen wir das, weil Sicherheitspolitik nur funktioniert, wenn alle in der Gesellschaft von Anfang an mitgedacht werden.

Feministische Außenpolitik zieht sich durch alle Handlungsstränge unserer Regierungen. Feministische Außenpolitik ist eine Außenpolitik, die Diversität in ihrer ganzen Vielfalt in den Blick nimmt – Diversität, die wir auch in unserer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie verankern werden. Feministische Außenpolitik setzt das um, was wir vor Jahren schon einmal als menschliche Sicherheit, als „human security“ definiert haben. Sie stellt Menschen in den Mittelpunkt – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Glauben oder davon, wen sie lieben. Wenn wir Frauen und marginalisierte Gruppen besonders in den Blick nehmen, dann macht das unsere Sicherheitspolitik umfassender. Es macht sie und uns stärker. Und darum geht es bei dem ersten „R“, den Rechten.

Wir sehen das auf dramatische Art und Weise derzeit in der Ukraine, wo bestimmte Gruppen besonders unter Gewalt, besonders unter Russlands grausamen Krieg leiden. Er betrifft gerade Frauen, ältere Menschen und Kinder. Er betrifft gerade die, die nicht so leicht fliehen können oder die aufgrund ihres Geschlechtes – zusätzlich zu all den Brutalitäten und Härten des Krieges – angegriffen werden. Er betrifft chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderung, die in den Kriegswirren ihre lebensnotwendige Behandlung nicht erhalten können. Und Frauen, Mädchen, aber auch Männer und Jungen, die misshandelt werden.

Deswegen helfen wir in diesen Tagen den mutigen Menschen in der Ukraine, sich selbst zu verteidigen – mit wirtschaftlicher, politischer und militärischer Unterstützung. Aber das ist nur das eine.

Das andere ist, dass, wenn Rechte gebrochen werden, dieses Unrecht irgendwann zur Anklage kommt. Auch das ist Teil des „R“, der Rechte: dass wir das Recht auf Schutz gewährleisten und dort, wo wir es nicht umsetzen können, die Täter, die Rechte missachten und missbrauchen, zur Anklage bringen.

Dafür werden wir alles tun: In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Strafgerichtshof, mit Menschenrechtsorganisationen, mit Staatsanwältinnen und Staatsanwälten. Denn wenn die Täter frei herumlaufen, dann laufen die Opfer in Angst. So hat es Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad mit Blick auf die Verbrechen an den Jesidinnen und Jesiden auf den Punkt gebracht. Und deswegen ist das, was wir in der Ukraine tun, mit Blick auf sexualisierte Gewalt und um Verbrechen an Frauen zur Anklage zu bringen, so entscheidend in diesen Tagen.

Ich sehe einige hier im Saal, die das getan haben, als es noch keine Selbstverständlichkeit war. Die Verbrechen an den Jesidinnen und Jesiden, die Sklaverei und Vergewaltigungen als brutalen Teil eines Völkermordes nicht nur gesehen haben, sondern sie benannt haben und dann hier bei uns in Deutschland und in anderen Ländern zur Anklage gebracht haben. Dafür herzlichen Dank – auch das ist ein Baustein in unserer gemeinsamen feministischen Außenpolitik.

Ich betone das hier so deutlich – deutlicher als bei den anderen beiden „R“. Denn dass es bei den Ressourcen ungerecht zugeht, sieht man, wenn man einfach in die Zahlen schaut, darauf, wie Geld, wie Macht verteilt ist. Aber bei den Rechten kommt oft der Reflex: Warum? Menschenrechte sind Menschenrechte. Die gelten auch für Frauen. Wo haben wir da eine Rechtslücke?

Und ich glaube, das ist auch das, was wir gerade in den nationalen Debatten zu Gleichstellung sehen. Wir können so dankbar sein für das, was unsere Mütter und Großmütter erkämpft haben: dass sie wählen können, dass sie ihren Beruf frei wählen können, dass sie ein Bankkonto haben können. Da hat man gesehen, was das Unrecht ist, als man erst den Ehepartner unterschreiben lassen musste, bevor man als Frau arbeiten durfte.

Jetzt ist dieser Kampf – und ich nenne es nach wie vor Kampf – auf einer anderen Ebene, weil strukturelle Diskriminierung oder Gewaltanwendung Ausdruck eines Rechtsbruchs ist und es dann nicht um ein Gesetz geht, das es einem verbietet, seine Rechte auszuüben, so wie das leider in Afghanistan noch der Fall ist.

Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir dort, wo wir sehen, dass Rechte strukturell oder mit Blick auf die Verfassung oder Strafgesetzbücher, angegangen werden, nicht darüber hinweggehen und sagen: „Ach, es wird schon nicht so schlimm sein – mal gucken, was passiert“, sondern dass wir begreifen, dass das auch ein Angriff auf liberale, freie Gesellschaften ist.

Auch das haben wir beim brutalen russischen Angriffskrieg gesehen. Auch das sehen wir in anderen Ländern, wenn plötzlich die Istanbul-Konvention wieder zurückgenommen wird. Das ist ein Angriff auf die Rechte von Frauen und damit ein Angriff auf die Menschenrechte. In Russland ging es Hand in Hand mit der Verhaftung und auch Ermordung von Oppositionellen, von Journalisten oder von denjenigen, die gegen die Haltung des Kremls aufgestanden sind. Natürlich war es kein Zufall, dass plötzlich auch häusliche Gewalt im Strafgesetzbuch anders definiert worden ist. Dass man seine Frau – ich sage es einmal ganz salopp – zweimal krankenhausreif schlagen musste, damit es überhaupt noch ein Straftatbestand ist.

Ich glaube, wir müssen uns das immer wieder vergegenwärtigen: die Frage von Gewalt gegen Frauen im sogenannten Alltag. Weil Frauenrechte ein Gradmesser für den freiheitlich demokratischen Zustand unserer Gesellschaften sind. Genau deswegen sind sie eben nicht ein Frauenthema, sondern sie sind ein Menschenrechts-, ein Demokratie-, ein Rechtsstaatsthema.

Daher ist es wichtig, dass wir diese Rechte aktiv auf die internationale Agenda heben. Heute ist das die Konferenz hier in Berlin, deswegen ist es mir eine große Ehre, dass zahlreiche Teilnehmer in persona hier sind. Wir werden das gemeinsam als Außenministerinnen und Außenminister fortführen, in Kürze auch bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen.

Und diese Konferenz wird eine Folgekonferenz haben. Die Niederlande haben bereits zugesagt, dass sie die nächste Feministische-Außenpolitik-Konferenz ausrichten werden. Dafür herzlichen Dank an die Niederlande.

Diese Vernetzung zwischen Ministerien, zwischen Ländern, zwischen Regierungen ist wichtig, weil wir sehen, was wir erreichen können, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen und das nicht jeder für sich in seinem nationalen Geschäft macht. Im März, bei der 66. Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen (VN), haben zum ersten Mal die VN-Mitgliedstaaten gemeinsam konkrete Maßnahmen zur Stärkung von Frauenrechten bei der Bewältigung der Klimakrise beschließen können, bei der größten Sicherheitskrise unserer Zeit.

Und das ist nur der Anfang. Der nächste Schritt ist jetzt, die Frage von Frauenrechten mit Blick auf die Sicherheitskrise „Klimawandel“ weiter konsequent umzusetzen. Die Klimakonferenz steht vor der Tür. Auch dort wird natürlich feministische Außenpolitik, die feministische Klimapolitik, eine große Rolle in den Verhandlungen des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderung spielen. Und warum? Weil es dort nicht nur um die Rettung des Klimas geht, sondern weil es dort auch um die Frage von Ressourcen, um die Frage von Geld geht, zum Beispiel bei „Adaptation“ und „Loss and Damage“.

Wir müssen aufpassen, dass wir, wenn wir eine Krise anfangen zu bewältigen – und zum Glück stellen wir mit vereinten Kräften bei der Klimakrise viele internationale Klimagelder zur Verfügung – von Anfang an den Genderaspekt in unseren Köpfen und erst recht in den Verträgen verankern.

Das ist das zweite „R“, das sind die Ressourcen. Das ist das Geld, bei dem klar ist, dass es nicht nur aus einer männlichen, nicht nur aus einer privilegierten Sichtweise betrachtet werden kann, sondern von Anfang an berücksichtigt werden muss, wie diese Ressourcen allen Menschen zur Verfügung kommen. Denn es ist klar, dass es ein neutrales oder geschlechtsblindes Budget nicht automatisch gibt. Wenn es um Geld, wenn es um Macht und Ressourcen geht, gibt es natürlich immer Interessen. Und deswegen müssen wir, wenn wir fördern, wenn wir unterstützen, immer auch Gendergerechtigkeit im Blick haben. Daher werden wir versuchen – und das ist eines dieser ganz dicken Bretter –, unsere Arbeit als Außenministerium mit Blick auf Förderprojekte einem Genderbudgeting zu unterziehen. Auch da können wir von anderen Staaten lernen.

Aber das müssen wir natürlich gemeinsam auch in internationale Organisationen übertragen. Denn um die Stärkung der Rechte und der Teilhabe von Frauen auch bei der Mittelvergabe stärker berücksichtigen zu können, brauchen wir als erstes einmal Daten. Wohin gehen sie eigentlich? An welche Menschen und Personengruppen gehen sie? Und wir brauchen überprüfbare Ziele, wie wir umsteuern können, wenn die Mittel nicht gleichberechtigt verteilt werden.

Das bringt mich zu meinem dritten „R“, der Repräsentanz. Weil natürlich, wenn nur einzelne Gruppen am Tisch sitzen, die Frage, wohin Gelder gehen, auch anders diskutiert und entschieden wird, als wenn alle mit am Tisch sitzen.

Für uns alle hier ist klar: Wir sehen Frauen und Mädchen nicht als Opfer, sondern als Teil der Lösung, als entscheidende Akteure, wenn es darum geht, Friedensabkommen zu verhandeln oder ihr Land besser vor Klimaschäden zu schützen. Daher ist es wichtig, dass nicht nur in Friedensverhandlungsgruppen, sondern gerade auch bei der Frage von „Adaptation“, von „Loss and Damage“, von Klimageldern dieser Blick mitberücksichtigt wird. Weil die Teilhabe, die Lösung umzusetzen, vor Ort stattfindet – in den Dörfern, in den Betrieben, manchmal auf den Feldern und in den Gemeinden, beispielsweise im Tschad, wo wir Frauen als Mediatorinnen bei Konflikten zwischen Landwirten und Hirten unterstützen. Im Irak, wo wir die Beteiligung von Frauen an Konfliktprävention fördern, als einer der größten Unterstützer des Women’s Peace and Humanitarian Fund. Oder eben auch bei uns, denn feministische Außenpolitik fängt bei uns zu Hause an.

Ich war in einem Land zu Besuch, wo ich nicht damit gerechnet hätte, dass feministische Außenpolitik das erste Thema ist, das mein Gesprächspartner anspricht. Und dann begann es damit, dass er sagt: „We’d also like to follow a Feminist Foreign Diplomacy.“ Das hat für mich noch einmal unterstrichen, dass wir gerade mit Blick auf Länder und Regierungen, die vielleicht noch nicht ganz so weit sind, genau hinschauen können: Wo sind die Anknüpfungspunkte, bei denen wir gemeinsam voneinander lernen können?

Da für uns feministische Außenpolitik im Auswärtigen Amt anfängt, ist feministische Auslandsdiplomatie einer unserer wichtigen Arbeitsbereiche, die uns selbst betreffen: um Wandel zu erreichen, selbst in Aktion zu treten und die eigenen Strukturen, die eigenen Ressourcen in unseren Häusern zu hinterfragen.

Daher ist es für uns alle, die feministische Außenpolitik machen, eine Selbstverständlichkeit, dass man nicht mit einer rein männlichen Delegation reist. Der Vorteil ist, wenn man selbst eine Frau ist, dann hat man einen Punkt schon mal abgedeckt. Und trotzdem muss man dann darauf schauen: Was ist eigentlich mit den Journalistinnen und Journalisten, die ich mitnehme? Sonst verzerrt sich plötzlich das ganze Bild, während man selbst denkt, man ist ganz gut unterwegs. Es sind ja nicht nur die Politiker, die Staatssekretäre, die Beamten, sondern wir repräsentieren auf unseren Reisen ja unsere Länder in unserer ganzen Vielfalt.

Deswegen sind es auch die Kolleginnen und Kollegen vom Protokoll oder auch die Bundeskriminalamtbeamtinnen, die einen Teil unserer feministischen Außenpolitik ausmachen. Weil das, was wir tun, nicht nur in Worte gefasst wird, sondern wie wir sind, ein Spiegel für andere ist. Wenn man einen Raum betritt und man kommt mit einer diversen Gruppe, spiegelt das natürlich auch etwas auf der anderen Seite wider. Oft erlebt man dann, dass man hereinkommt, als Teil einer Delegation, und dann kommt von der anderen Seite: „Oh, bei uns waren unsere Frauen heute krank.“ Da muss man gar nichts gesagt haben. Man muss im Zweifel einfach da sein, weil es auffällt, wenn Gruppen nicht divers sind.

Und das spiegelt natürlich auch zurück. Wenn ich jetzt in diesen Saal schaue, dann sehe ich ein sehr diverses Publikum. So divers ist das Auswärtige Amt nicht – weder bei Frauen und Männern noch mit Blick auf die Herkunft. Auch das ist wichtiger Bestandteil unser feministische Außenpoltik: Diversität. Wir repräsentieren Millionen von Menschen. Ich repräsentiere 82 Millionen Bürgerinnen und Bürger. Es ist gut, dass nach 150 Jahren einmal eine Frau ganz vorne steht. Aber ich repräsentiere auch ganz viele Menschen, die in zweiter und dritter Generation in Deutschland leben. Und auch in diesem Sinne ist bei uns mit Blick auf Vielfalt noch einiges zu tun. Daher freut es mich sehr, dass heute Morgen in den Workshops schon gemeinsam daran gearbeitet worden ist, wie wir praktisch einen Unterschied machen können.

Wir haben jetzt im Auswärtigen Amt unter drei Staatssekretären zwei Frauen. Wir haben an den Auslandsvertretungen 43 Botschafterinnen. Aber wir sind logischerweise nicht nur in 43 oder in 86 Ländern mit Botschaften vor Ort, sondern in vielen mehr. Wenn wir unser Haus in Gänze anschauen, dann haben wir in Führungspositionen einen Anteil von 27 Prozent. Ich langweile vielleicht die Gäste aus dem Ausland ein bisschen mit unseren deutschen Zahlen, aber es ist, um deutlich zu machen, wie viel Unterstützung wir auch von Ihnen noch für unsere Arbeit hier in Deutschland brauchen. Ich glaube, dass eine feministische Außenpolitik nur funktionieren kann, wenn wir vor allen Dingen zuhören; dass wir nicht kommen, um zu predigen und zu erzählen, was wir immer schon wussten und glaubten, sondern dass wir bereit sind für Neues und bereit sind, von anderen zu lernen.

Feministische Außenpolitik ist eine Politik, die die Ungleichheiten unserer Welt im 21. Jahrhundert schlicht und ergreifend erkennt und endlich angeht – ob in den Schulen Afghanistans, auf den Märkten in Mali oder bei uns in den Abteilungsrunden oder in den Bundestagsdebatten. Und unsere Politik tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger oder mit dogmatischen Slogans. Nein, wir tun das mit ganz konkreten, pragmatischen Maßnahmen. Ganz einfach, weil es richtig ist. Und weil es uns allen nützt.

In dem Sinne: uns allen viel Freude und viele Erkenntnissein den nächsten Stunden. Aber vor allen Dingen viel Kraft uns allen auf dem Weg für eine gerechte, für eine gleichberechtigte Gesellschaft und Welt.

Hier sind viele im Raum, die bereits überzeugt sind. Aber klar ist auch: Der Gegenwind bläst heftig und oft in unser Gesicht. In Afghanistan ist er kaum zu ertragen, aber auch bei uns manchmal. Als wir angefangen haben, hat nicht jeder gleich applaudiert. Ich glaube nur, dass wir verstehen sollten, dass dieser Gegenwind – auf Deutsch sagt man: „Was einen nicht tötet, härtet ab“, das ist zwar relativ hart –, aber dass dieser Gegenwind einen im Zweifel nur stärker macht, weil man weiß, man kämpft für die richtige Sache.

Ann Linde hat gesagt: Wenigstens haben wir das Kichern jetzt nicht mehr, dass es früher gegeben hat. Gegenwind kann auch Rückenwind sein, wenn wir ihn gemeinsam nutzen und als das begreifen, was er ist: das Nötige, was wir gemeinsam tun müssen, und Auftrag, bei kleinen Lüftchen von Gegenwind nicht zurückzuschrecken.

Denn was wäre das für ein Zeichen an die Mädchen und Frauen in Afghanistan, die zur Schule gehen, obwohl es ihnen verboten ist, die tagtäglich die Selbstverständlichkeit unserer Rechte erkämpfen müssen – und sei es nur, dass sie alleine auf die Straße gehen. In dem Sinne ist diese Konferenz den Frauen und Mädchen in Afghanistan gewidmet.

Es ist eine große Ehre, jetzt Ihnen das Wort das Wort zu erteilen, Frau Shaharzad Akbar. Sie vertreten und repräsentieren das Beste an Afghanistan. Ganz herzlichen Dank, dass Sie heute hier sind.

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