Am 2. Juli 1989 gewinnt die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen die Europameisterschaft mit einem 4:1 gegen Norwegen. 22.000 Zuschauer erlebten im ausverkauften Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück das, was heute als der Durchbruch des Frauenfußballs in der Bundesrepublik bezeichnet wird.

Den folgenden Artikel schrieb ich vor 33 Jahren für die Zeitschrift „Tempo“. Meine durch dieses Endspiel entfachte unverhohlene Begeisterung für den Frauenfußball war nicht nur dem damaligen entgegensetzten Zeitgeist geschuldet, sondern war vor allem echt und hält bis heute an. Das gilt für den Frauenfußball international. Man denke nur an Megan Rapinoes grandiosen Kampf gegen Donald Trump, der mit einem K.-o.-Sieg für sie und die US-Frauen endete.

Der DFB als Elefant im Porzellanladen: Das Kaffeeservice "Mariposa" von Villeroy & Boch als EM-Prämie - Foto: privat Der DFB als Elefant im Porzellanladen: Das Kaffeeservice "Mariposa" von Villeroy & Boch als EM-Prämie - Foto: privat

Dass der DFB damals seine Europameisterinnnen jeweils mit einem Kaffeeservice „belohnte“, zeigt, dass aus Sicht der alten DFB-Männerriege Frauen damals nicht auf das Spielfeld, sondern an den Herd gehörten. Ein unglaublicher Affront. Was die heutige Generation davon hält, wird in diesem Video perfekt persifliert.

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Heute spielt die deutsche Nationalmannschaft der Frauen übrigens bei der Europameisterschaft in England um 21.00 Uhr (ARD) gegen Spanien.

 

Kalla Wefel (3. Juli 1989 für „Tempo“)
Der Ball ist bunt

„Fußball ist nun mal kein … kein … ähm … kein Mädchensport. Obwohl viele Mädchen spielen. Ich sag‘ das so, ob da Mädchen oder Frauen beleidigt sind, ist mir egal!“
(Die gestammelten Worte des Horst Köppel – zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels Trainer von Borussia Dortmund – auf der Pressekonferenz nach dem Spiel Borussia Dortmund gegen den 1. FC Köln, das 54 grobe Fouls, acht gelbe und eine rote Karte, aber keine Tore sah.)

Die bis zum Erbrechen ausgelutschte Fußballweisheit, dass der Ball rund sei und ein Spiel zweimal fünfundvierzig Minuten dauere, hatte schon vor Jahrzehnten der Altbundestrainer Sepp Herberger mit seiner unnachahmlichen Weisheit festgestellt, die er einst aus dem Dritten Reich unbeanstandet in die Nachkriegszeit herüberretten konnte. Spätere Bundestrainer führten diese schier endlos erscheinende Reihe brillanter Aussagen mit Fachkommentaren wie „Hätten wir als erste ein Tor geschossen, wären wir in Führung gegangen“ oder „Eine rote Karte ist nun einmal rot“ nahtlos fort. All diese unumstößlichen Wahrheiten haben allerdings außer der Tatsache, dass sie ein Flutlicht auf die kognitiven Fähigkeiten von Fußballkapazitäten werfen, auch etwas Positives gemeinsam: Sie sind bei aller Hirnlosigkeit durchaus harmlos.

Herr Köppel, auch ehemaliger Assistenztrainer der bundesdeutschen Nationalmannschaft, will hingegen mit seiner Äußerung gleich die Hälfte der Bevölkerung von einer Sportart ausschließen, die, wenn schon „kein Mädchensport“, für ihn offensichtlich eine reine Männersache ist.

 

Der 2. Juli 1989

Als ich am Sonntag, dem 2. Juli 1989, bei prächtigem Sonnenschein um neun Uhr morgens nach zweistündiger Zugfahrt aus meiner Wahlheimat Hamburg in meiner Geburtsstadt Osnabrück eintreffe, sticht mir sofort ein Transparent in die Augen, das auf dem Bahnhofsvorplatz angebracht ist: „Willkommen zum Fußballeuropameisterschaftsendspiel Norwegen – Bundesrepublik Deutschland“.

Ich bedanke mich stumm für die Begrüßung, denn genau von diesem Fußballspiel soll ich im Auftrag von Tempo berichten. Zum altehrwürdigen Stadion „Bremer Brücke“ will ich ein Taxi nehmen. Die Taxifahrerin sieht mich nur mitleidig an und rät mir, lieber zu Fuß zu gehen, da aufgrund des großen Andrangs sämtliche Straßen verstopft seien. Zu Fuß würde ich es in knapp einer halben Stunde schaffen, mit dem Taxi käme ich allenfalls rechtzeitig zur Halbzeit des Spiels ‑ und dabei ist es erst kurz nach neun.

Warum das Endspiel an einem Sonntag um elf Uhr morgens stattfindet, kam mir schon zuvor äußerst schleierhaft vor: Da muss man sich mittlerweile zur besten Fernsehsendezeit vierstündige Live-Übertragungen von Golfturnieren gefallen lassen, nur weil ein Deutscher in der Spitzengruppe dieser Möchtegernsportart mitspielt. (Selbst ein Poloturnier in Hamburg lief kürzlich drei Stunden lang live über die Mattscheibe und gipfelte nebenbei in dem Kommentar von Hans Heinrich Isenbarth, die Pferde seien mit ihrem überschäumenden Temperament selbst dran schuld, wenn sie sich etwas antäten.) Dieses Fußballeuropameisterschaftsendspiel jedenfalls scheint den Herrschaften in den Sendestationen nicht interessant oder gar fein genug zu sein; mal sehen, wann es die ersten packenden Live-Übertragungen von den jährlichen Ausscheidungen im Austernschlürfen oder Kaviaressen oder anderen Exkrementen des Sports gibt.

Als ich nun über die schmale Humboldt-Brücke gehe und die Bahngleise überquere, sehe ich schon den mit Fahnen und bunten Transparenten geschmückten Menschenstrom auf das Stadion zutreiben. Die Leute sind ausgesprochen fröhlich, was am Wetter liegen mag, und voll gespannter Erwartung, was zweifellos an dem bevorstehenden Endspiel liegt. Niemand pöbelt, es fliegen keine Bierflaschen, es hat etwas von einem gemütlichen Sonntagsspaziergang, an dessen Ende ein Stadionbesuch steht.

Es ist etwas völlig anderes als letzte Woche, als ich das Spießrutenlaufen zwischen den rivalisierenden Fangruppen von der U‑Bahn bis zum Volksparkstadion, in dem der HSV gegen Bayern München spielte, nur mit knapper Not ohne ein blaues Auge überstanden habe.

Als ich jetzt aber das ausverkaufte prächtige Stadion des VfL Osnabrück betrete, spüre ich unverhofftes Herzklopfen ‑ obwohl ich geglaubt hatte, dass sich mein Herz schon seit Jahren nicht mehr richtig für den Fußball erwärmen kann. Seit profilsüchtige Vereinspräsidenten und um jeden Preis erfolgsorientierte Fußballtrainer und Manager das Sagen haben, seit Siege im Fußball nicht mehr erspielt, sondern erkämpft oder gar erkauft werden, und seit es nicht um den Spaß am Spiel, sondern um den Ärger ums Geld geht, empfinde ich als Zuschauer nur noch wenig Freude an meinem Lieblingssport.

Als die Mannschaften auflaufen, gibt es großen Applaus; beide Teams haben sich durch ihre ungewöhnlich faire und technisch ausgereifte Spielweise in der Vorrunde bereits viele Sympathien erspielt.

In der 22. Minute geht die deutsche Mannschaft durch ein wunderschönes Tor von Lohn in Führung. Der Jubel auf den Rängen ist riesengroß, und die mexikanische Welle „La Ola“ hält im Stadion Einzug. Aus den Kurven erschallen keine der sonst üblichen Schimpftiraden oder wilden Pöbeleien gegen die gegnerische Mannschaft oder den Schiedsrichter – wann gibt es eigentlich Schiedsrichterinnen? Im Gegenteil. Die vielen schönen Ballwechsel auf beiden Seiten werden gleichermaßen beklatscht, versierte Spielzüge rufen regelrechte Beifallsstürme hervor. Bösartige Fouls finden auf dem Spielfeld nicht statt und die spielfreudige Stimmung auf dem Rasen heizt die Volksfeststimmung auf den Rängen immer wieder zur neuen deutschen Welle der La-Ola-Begeisterung an. Als nach einem aufregenden und gekonnten Alleingang von Lohn in der 36. Minute das 2:0 fällt, ist das Stadion vollends aus dem Häuschen.

In der Halbzeitpause nehme ich die begeisterten Kommentare der Umstehenden mit meinem Diktiergerät auf: „So ein gutes Spiel hab‘ ich das letzte Mal vor zwanzig Jahren gesehen …“ „Unglaublich, wie die loslegen …“ „Und überhaupt keine Fouls …“ „Krieg ich noch ein Eis, Mama?“ „Mensch, Paul! Jetzt kannste mich auch mal zum VfL mitnehmen …“ „Lieber nicht, Hanne, lieber nicht …“ „Die Wurst schmeckt richtig scheiße …“

Als fünf Minuten nach Wiederanpfiff durch Mohr das 3:0 fällt, spielen sich bei den deutschen Spielerinnen auf dem Rasen und bei den Zuschauern auf den Rängen unbeschreibliche Jubelszenen ab. Und als die norwegische Mannschaft in der 54. Minute durch Grussel auf 3:1 verkürzt, gibt es nach einer kurzen ‑ nach einer sehr kurzen ‑ Schrecksekunde anerkennenden Applaus vom Osnabrücker Publikum – die Fairness auf dem Rasen hat sich längst gänzlich auf die Ränge übertragen. Oder ist es umgekehrt? War nicht schon vor dem Spiel eine für ein Fußballspiel heutzutage fast merkwürdig anmutende friedliche Stimmung auf den Straßen zu spüren gewesen? Egal. Oder ist es etwa nicht egal? Etwas ist jedenfalls anders als sonst. Ganz anders.

Obwohl das Spiel nach dem Anschlusstreffer auf der Kippe steht, zumal die norwegische Mannschaft immer stärker wird, werden die Aktionen beider Mannschaften beklatscht.

In der 73. Minute erzielt Fehrmann per Kopfball das zu diesem Zeitpunkt überraschende 4:1 für die deutsche Mannschaft. Der Rest des Spieles wird von Beifallsstürmen, „La Olas“ und rhythmischem Klatschen begleitet. Und am Schluss liegen sich die Zuschauer auf den Rängen in den Armen. Von der deutschen Mannschaft ist auf dem Rasen nur noch eine Menschentraube, ein undurchdringliches Jubelknäuel zu erkennen, während die norwegischen Spielerinnen zunächst dem Publikum und dann der deutschen Mannschaft – es muss in diesem Fall wohl wirklich Frauschaft heißen – anerkennend und völlig neidlos lächelnd Beifall spenden.

Schließlich verkündet der Stadionsprecher Heinz‑Gerd König, der eigens für dieses Spiel aus Köln nach Osnabrück geholt worden ist: „Sie haben eine Sternstunde des Damenfußballs miterlebt!“ Die meisten der 22.500 Zuschauer lachen kopfschüttelnd über diese dumme Belehrung, weil sie wissen, dass er sich gewaltig geirrt hat: Sie haben keine Sternstunde des Damenfußballs, sondern eine Sternstunde des Fußballs miterlebt. Ein Riesenlob gebührt also auch dem ebenso gescheiten wie begeisterungsfähigen Osnabrücker Publikum, das weitaus mehr Fachkenntnis an den Tag gelegt hat als so mancher Bundesligatrainer oder Kölner Stadionsprecher.

Schade, dass Herr Köppel nicht anwesend gewesen ist. Wahrscheinlich ist er gerade mit seinen „Herren der Schöpfung“ beim Training – Kondition bolzen und Gegner umnieten.

Ich habe jedenfalls an diesem Tag den Spaß an meinem geliebten Fußball wiederentdeckt und sehe mir seither manchmal am Wochenende – völlig freiwillig und nicht aus beruflichen Zwängen ‑ ein Spiel in der „Oberliga Nord“ an; natürlich in der „Damen-Oberliga Nord“. Denn Fußball ist nun mal kein Männersport, Herr Köppel! Ich sag‘ das so, ob da Jungen oder Männer beleidigt sind, ist mir egal!


„So mancher, dem die Fußballkost im Herrenbereich in jüngster Zeit nicht mehr so recht schmecken wollte, fand gestern in Osnabrück bei diesem Finale um die Damen‑Europameisterschaft wieder zu den Quellen fast schon vergessener Freude zurück. Und er ließ sich tragen auf der Woge einer ungewöhnlichen Begeisterungsfähigkeit der Fans und der Fußballerinnen.“

(Aus dem Bericht der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ am 03.07.89, einen Tag nach dem Fußballeuropameisterschaftsendspiel Norwegen gegen die Bundesrepublik Deutschland, das kein einziges grobes Foul, keine Gelbe oder Rote Karte, keinen Horst Köppel, aber fünf Tore sah.)


Auf der DFB-Seite hört sich das heute so an:

„Dieses Spiel bleibt etwas Unvergessliches“

Die Geschichte des Endspiels ist dagegen schnell erzählt. „Wir hatten uns vorgenommen, in diesem Endspiel alles zu geben und es einfach nur zu genießen“, berichtet Silvia Neid. „Diese Form von Unbekümmertheit war meiner Meinung nach auch ein Faktor, warum wir das Spiel für uns entscheiden konnten. Dazu kam die tolle Unterstützung der Fans im Stadion, die uns wahrlich beflügelt hatte. Und außerdem hatte uns das Trainerteam um Gero Bisanz und Tina Theune optimal eingestellt.“

So führt die DFB-Auswahl schon in der ersten Halbzeit 2:0, erhöhte dann sogar auf 3:0, so dass der Anschlusstreffer sie nicht aus dem Konzept bringen konnte und das 4:1 den Erfolg schließlich besiegelte.

Der Rest war Gänsehaut. Die Pokal-Übergabe und das Bad in der Menge erlebten die Spielerinnen wie in Trance. „Dieses Spiel bleibt immer etwas Unvergessliches“, sagt Silvia Neid. Und Hannelore Ratzeburg bestätigt das: „Ja, die EM 1989 war ein Schlüsselerlebnis in der Entwicklung des deutschen Frauenfußballs.“