Samstag, 13. April 2024

Sabrina C.: Kinderarmut und die Mär vom fröhlichen Bürgergeldparadies

Was bedeutet Kinderarmut?*

Was ich früher vom Kindergeld bezahlt habe: Kleine Rücklagen für die Kinder, Anschaffungen wie Möbel oder Kleidung nach Wachstumsschub, mal ein Spielzeug, Sachen wie Knete, Bastelzeugs, Ausflüge, die sonst nicht drin gewesen wären. Was ich heute vom Kindergeld bezahle:

So luxuriöse Sachen wie Bananen, Klopapier oder eine Busfahrkarte. Denn das Kindergeld wird beim schon knappen Bürgergeld als Einkommen berücksichtigt und wird somit zum Leben benötigt. Also: Kein Klamottenshopping,keine Ausflüge, keine neuen Möbel oder Bastelexzesse für eine Kinder. Von Rücklagen will ich gar nicht erst anfangen. Warum? Weil ich Bürgergeld beziehe. Wer da von Chancengleichheit spricht, hat schlicht und einfach keinen Überblick über die Situation armer Menschen in Deutschland. Und schon gar nicht über Kinderarmut.

Kinderarmut bedeutet, exakt ein Paar Schuhe zu besitzen, wenn man Glück hat, passend für die Jahreszeit. Kinderarmut bedeutet, nicht zum Friseur zu gehen, keine hippen Klamotten zu besitzen, Trendspielsachen nur aus dem Fernsehen oder von Freunden zu kennen.

Kinderarmut bedeutet zu essen, was auf den Tisch kommt, wenn man satt werden will, bei Geburtstagseinladungen nervös zu werden, weil sie Kosten verursachen und lange Fußwege gewöhnt zu sein, weil eine Fahrkarte nicht immer drin ist. Nach einem Eis fragt man gar nicht mehr.

Kinderarmut bedeutet auch, Wünsche für sich zu behalten, weil man niemandem zur Last fallen möchte. Bei der Auswahl der Brille das billigste Modell am besten zu finden (bis Mama es merkt und die Preisschilder zuhält) und das letzte Stück Kuchen nicht zu wollen, weil die kleine Schwester traurig guckt.

Kinderarmut ist ein trotzig vorgerecktes Kinn, wenn man behauptet, auf Markensachen nichts zu geben, denn wen interessiert das schon, welche Marke das ist? ICH finde meine Sachen schön.

Kinderarmut ist das Gegenteil von Privatsphäre. Niemals Ruhe, immer im Gewimmel, Hausaufgaben im Wohnzimmer und ständiges Beschützen persönlicher Gegenstände, weil man keinen geschützten Raum hat.

Kinderarmut ist der sehr kurze Wunschzettel, wenn man schließlich die Sache mit dem Christkind durchschaut hat. Schließlich ist Kinderarmut auch die Hinwendung zum Kapitalismus. Wir werden es mal besser haben, ich will Geld, viel Geld, und dann kaufe ich uns ein Haus, ein großes Haus, mit Garten, und wir machen Ferien, wir fliegen, endlich, Mama, vielleicht nach Japan, oder ans Meer?

Ich weiß das, weil ich es selbst als Kind erlebt habe. Mich hochgekämpft habe. Abgestürzt bin. Und nun alles wiedererkenne. Mit erschreckender Präzision. Kinderarmut gehört abgeschafft. Egal, woraus sie erwächst.


Nachtrag:

Nach diesem Thread habe ich viel Zuspruch und Unterstützung erfahren. Dafür allen vielen Dank,

Wenn ihr selbst betroffen seid: Seid laut! Teilt eure Erlebnisse und Sorgen, soweit ihr könnt, denn offensichtlich ist vielen gar nicht klar, wie die Realität aussieht, so ganz bar jeglicher Sozialromantik. Kinderarmut muss sichtbar werden, dauerhaft und direkt. Und wenn ihr helfen könnt: Tut es! Jede Kleinigkeit zählt. Wer sich nicht direkt mit Hilfesuchenden vernetzen möchte, kann sich an @sorgeweniger wenden**.

Solltet ihr jedoch Zweifel haben, ob die Person eure Hilfe verdient: Fragt höflich nach. Oder ihr vertraut einfach darauf, dass niemand freiwillig so lebt.

Die Mär vom fröhlichen Bürgergeldempfänger, der seine Tage chillig vor dem Fernseher verbringt, während ihr arbeitet, ist genau das: Ein Märchen, gewoben aus Vorurteilen und genährt durch die immer gleichen klischeehaften Darstellungen. Und zu guter Letzt: Solltet ihr der Meinung sein, es läge ja an jedem selbst, ob man arm sei oder eben nicht, habt wenigstens den Anstand und lasst die Menschen in Ruhe.

Niemand braucht noch mehr Missgunst, noch mehr Häme, noch mehr Hass. Es mag euch nicht immer bewusst sein, aber alles Glück im Leben, ob nun materieller oder emotionaler Natur, ist nur eine Leihgabe. Es könnte von heute auf morgen zu Ende sein.


*Die Autorin lebt südlich von Osnabrück in NRW, hat drei Kinder und musste wegen der Krankheit des Ehemanns ihre Arbeitsstelle aufgeben. Name und Adresse sind der Redaktion bekannt.

**https://oneworrylessorg.start.page/

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