Mittwoch, 26. Januar 2022

Ein großartig kämpfender VfL verliert nach Elfmeterschießen in einem denkwürdigen Pokalspiel gegen den SC Freiburg

Der VfL hat den Pokalmythos an der Bremer Brücke mit einer grandiosen Leistung gegen den SC Freiburg wiederbelebt und hätte den Sieg verdient gehabt.

Vor dem Spiel …

Nach dem eher drögen 0:0 gegen den Hallenschen FC präsentierten sich Trainer Daniel Scherning und Timo Beermann auf der PK einen Tag zuvor einigermaßen erholt und beteuerten ihre Vorfreude auf das heutige Pokalspiel, das ein absolutes Highlight sei. 

Auch Freiburgs sympathischer Trainer Christian Streich denkt positiv an seine Erlebnisse an der Bremer Brücke zurück: „Da bin ich immer gerne hingegangen, weil man wusste: Da brennt die Hütte.“

Die Stimmung ist vor Spielbeginn zwar erwartungsfroh, aber von einer prickelnden Pokalatmosphäre ist noch nichts zu spüren.

Beim VfL beginnt die gleiche Startelf wie beim 0:0 gegen Halle. Freiburg wechselt gegenüber dem Auswärtssieg in Wolfsburg auf drei Positionen: Kevin Schlotterbeck, Demirovic und Haberer stehen für Gulde, Jeong und Höfler auf dem Rasen.

Beginn

Schiedsrichter Robert Schröder aus Hannover pfeift bei trockenem, fast mildem Wetter um die 12 Grad an. Anstoß haben die in roten Trikots und Stutzen und weißen Hosen angetretenen Freiburger.

Gleich in der ersten Minute eine Riesenchance für den VfL: Nach einem katastrophalen Abspielfehler von Torwart Benjamin Uphoff kommt Opoku in der rechten Strafraumhälfte an den Ball, der nach der ersten Überraschung den Ball auf Höhe des Elmeterpunkts zieht, wo Heider und Higl jedoch zu spät kommen.  

Einen Konter der Freiburger über links schließt Günter mit einem scharfen Schuss aus gut 12 Metern ab, den Kühn indirekt zur Ecke abprallen lassen kann.  

Nach einer Viertelstunde …

... ist das Spiel ausgeglichen. Der VfL zeigt sich bislang gut organisiert und kommt immer wieder vor allem über Traoré und Opoku auf der rechten Seite zu Angriffen, die aber nie konsequent zu Ende gespielt werden. Freiburg ist, wen wundert es, die technisch versiertere Mannschaft, kommt aber seinerseits zu keinen zwingenden Chancen, sieht man von Hölers Chance in der 22. Minute ab, dessen Schuss im letzten Moment geblockt werden kann.

Wenig später kommt der VfL auch zu einigen Chancen und zeigt, dass er dem Drittligisten durchaus gefährlich werden kann. In der 33. Minute dann die Führung für die Gäste. Nach einem Querschläger von Trapp im eigenen Strafraum meint Philipp Kühn, das Tor verlassen zu müssen, obwohl sich der Ball vom Tor entfernt. Höler kommt vor Kühn an den Ball, legt zurück auf Griof, dessen Schlenzer aus 18 Metern im verwaisten Osnabrücker Tor landet. Ein Treffer aus der Kategorie „genauso unnötig wie kurios“.

Foto: Revierfoto

Zwei Minuten später fast der Ausgleich. Der stets präsente Opoku zieht auf der rechten Seite los und flankt nach innen, wo Heider den Ball aus wenigen Metern zwar aufs Tor bringt, Uphoff aber klären kann. Wenig später geht ein Schuss von Opoku rechts am Pfosten vorbei. Der VfL ist in dieser Schlussphase der ersten Halbzeit das bestimmende Team auf dem Platz, auch wenn die Freiburger nach einem Freistoß von Günter noch zu einem gefährlichen Kopfball durch Nico Schlotterbeck kommen, der aber knapp über die Latte geht.

Halbzeitfazit

Ein großartig kämpfender und spielender VfL wird mit Standing Ovations in die Kabine verabschiedet. Das 1:0 der Freiburger ist durchaus als glücklich zu bezeichnen, da es dank Kühns kompletter Fehleinschätzung der Situation mit einem Selbsttor gleichzusetzen ist.

Beide Teams gehen unverändert in die zweite Hälfte … 

… der VfL spielt nun auf die Ostkurve zu, und das macht er zunächst sehr gut. Nach Balleroberung durch Opoku und Traoré setzt sich Heider etwas zu entschieden gegen den Freiburger durch und erzielt das vermeintliche 1:1. Der VfL will mit aller Macht den Ausgleich und führt mittlerweile sogar mit 3:2 Ecken.

Das Spiel wird hektischer, die Brücke bebt. Das 1:1 liegt in der Luft, doch der VfL verstolpert immer wieder seine Angriffe durch ungenaue Pässe.

Nach 60 Minuten …

… ein gefährlicher Konter der Freiburger über rechts scheitert an der überhasteten Ausführung. Der VfL führt mittlerweile mit 5:2 Ecken, greift immer wieder an, wird aber stets vor dem Strafraum von der Freiburger Abwehr abgefangen. Der SC lauert auf den Konter für das entscheidende zweite Tor.

Das Publikum ist großartig und brüllt den VfL immer wieder nach vorn, sei es durch beeindruckend laute Wechselgesänge oder durch die wiederholte Versicherung der eigenen Herkunft, aus Osnabrück zu kommen und immer da zu sein.

Das Spiel ist nicht einmal besonders gut, aber stets unfassbar spannend. In der 76. Minute dann ein Freistoß aus 25 Metern durch den kurz zuvor eingewechselten Simakala, der nur knapp am linken Pfosten vorbeigeht. Eine Minute später schickt der ebenfalls eingewechselte Klaas seinen Mannschaftsführer auf die Reise, der im Freiburger Strafraum beim Zustürmen auf das Freiburger Tor gerempelt wird und zu Fall kommt, aber der Elfmeterpfiff bleibt aus.

Der VfL ist zwar spielerisch nicht das bessere, aber das kämpferisch sehr viel energischere Team in der zweiten Halbzeit. Der SC Freiburg versucht nun durch Fouls und mit allen Tricks, das Tempo aus dem Spiel zu nehmen, da ihm der VfL zusehends auf die Pelle rückt. Als der Schiedsrichter fünf Minuten Nachspielzeit anzeigt, steht das Stadion geschlossen auf und brüllt sich die Seele aus dem Leib.

Dann ein Freistoß aus 25 Metern für den VfL. Heider tritt an und sein Gewaltschuss kracht nur knapp links am Tor vorbei. Und während ich bereits die Überschrift formuliere „DFB-Pokal: Ein großartig kämpfender VfL scheitert nur knapp am SC Freiburg 0:1“, gibt es in der siebten Minute der Nachspielzeit einen Eckball für den VfL, den Kleinhansl vor das Tor bringt. Gugganig schraubt sich im pickepackevollen Torraum am höchsten und drückt den Ball mit den Kopf über die Linie.

Das Stadion steht Kopf. Da ist es wieder: Das unfassbare Pokalfeeling wie einst gegen den HSV oder den BVB.

Foto: Revierfoto

Verlängerung

Woher die Spieler die Kraft nehmen sollen, so weiterzumachen wie in der ganzen zweiten Hälfte, ist vielleicht die große Frage.

Die Antwort geben sie selbst: In der 93. Minute kommt Gugganig an den Ball und sein Schuss aus 20 Metern streift nur knapp am linken Pfosten vorbei. Das wäre die – Achtung! – mittlerweile verdiente(!) Führung gewesen. 

Und in der 101. Minute erneut die große Chance zum 2:1. Ein langer Pass von Kleinhansl über das ganze Feld landet bei Wooten, der Nico Schlotterbeck aussteigen lässt und mit einem Schlenzer aus 13 Metern auf den zweiten Pfosten Uphoff zu einer Glanztat zwingt. Ein Konter der Freiburger wird wegen Fouls abgepfiffen.

Pause

Der VfL ist völlig irre und scheint aus Konditionsmonstern zu bestehen, Köhler schickt Klaas auf die Reise, der auf das Freiburger Tor zustürmt, kurz nach rechts ausweicht und mit Wucht abzieht. Der Ball landet unhaltbar im Freiburger Kasten. Es steht tatsächlich 2:1 für den VfL. Das Stadion ist nun ein Tollhaus.

Im Grunde ist das Spiel durch, aber Simakala holt sich in der 117. Minute wegen völlig bescheuerten Zeitspiels die gelb-rote Karte ab – die erste gab es wegen eines umstrittenen Foulspiels. In der letzten Minute dann in Überzahl der Ausgleich der Freiburger durch einen Kopfball von Keven Schlotterbeck nach Flanke Höler. Es steht also 2:2 und das Elfmeterschießen muss nun die Entscheidung bringen.

Elfmeterschießen:

Die Fans singen stimmungsvoll die Vereinshymne und dann geht es los. Es wird auf das Tor vor der Westkurve geschossen.

2:2 Kühn hält
2:2 Uphoff hält
2:3 Günter
3:3 Klaas
3:4 Eggestein
4:4 Gugganig
4:5 Schlotterbeck
4:5 Itter verschießt
4:5 Jeong
4:5 Wooten verschießt

Fazit

Der VfL hat den Pokalmythos an der Bremer Brücke mit einer grandiosen Leistung gegen den SC Freiburg wiederbelebt und hätte den Sieg verdient gehabt. Alles andere steht im Livebericht und ich bin zu einem längeren Fazit nicht mehr in der Lage.

Am kommenden Montag kommt es dann zu der schon wegen der äußeren Umstände leicht skurril anmutenden Partie gegen den SC Verl, der im Stadion der Sportfreunde Lotte antreten muss.

Zahlen, Daten & Fakten

Zuschauer:innen: 11.530, davon 230 aus Freiburg

Tore:
0:1 Grifo (33.)
1:1 Gugganig (90.+7)
2:1 Klaas (108.)
2:2 K. Schlotterbeck (120.)

Gelbe Karten:

(34.) Eggestein 
(53.) Köhler
(86.) Simakala
(86.) Jeong
(121.) Kühn


Gelb-rote Karten:
(117.) Simakala

VfL Osnabrück: 
Kühn – Traoré, Beermann, Trapp, Kleinhansl – Kunze (60. Klaas), Taffertshofer (88. Gugganig), Köhler – Opoku (88. Wooten), Heider, Higl
Trainer: Daniel Scherning

SC Freiburg:
Uphoff – K. Schlotterbeck, Lienhart (27. Gulde), N. Schlotterbeck – Kübler, Eggestein, Haberer (82. Jeong), Günter – Demirovic (66. Schade), Grifo – Höler
Trainer: Christian Streich

Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover)

Statistik:
Vor der heutigen Partie trafen die beiden Clubs seit dem 31. Oktober 1981 in 24 Pflichtspielen aufeinander. Die Bilanz lautet 7:7:10. Hier geht es zur kompletten Statistik von weltfussball.de“.

 

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Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, https://www.buecher-wenner.de/s/details.php?back=S&isbn=9783981780772“Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.
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