Donnerstag, 18. Juli 2024

Gesichter meiner Stadt: Seniha Begić – „Wir fühlen uns hier sehr wohl.“

Gesichter meiner Stadt: Seniha Begić – „Wir fühlen uns hier sehr wohl.“Diese neue Serie bildet das multikulturelle und internationale Leben in Osnabrück und Umgebung ab. In dem vor einigen Jahren gegründeten Jugendmedienprojekt treffen Schülerinnen und Schüler auf Menschen in unserer Region, die aus verschiedenen Regionen der Welt nach Osnabrück & Umzu gekommen sind, führen Interviews und schreiben Porträts. Die Vielfalt der Region soll durch viele verschiedene Porträts hier lebender Menschen mit Migrationshintergrund gezeigt werden. Dabei geht es nicht nur um Erfolgsgeschichten, sondern auch um ganz Alltägliches. Die Osnabrücker Rundschau veröffentlicht in loser Reihenfolge Porträts, die Schülerinnen und Schüler der Ursulaschule Osnabrück im Profilkurs „Welt der Medien“ (Jahrgangsstufe 9) für GESICHTER MEINER STADT geschrieben haben.

 

Seniha Begić (Bosnien-Herzegowina)
„Wir fühlen uns hier sehr wohl.“

von Anne Mertens

Es ist bemerkenswert, wie viel Seniha Begić schon in ihrem Leben trotz schwieriger Situationen erreicht hat. Das liegt an ihrer positiven Lebenseinstellung: „Ich möchte bis zum Schluss kämpfen und dabei immer für meine Familie da sein!“ Seniha Begić ist 47 Jahre alt und kommt ursprünglich aus Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Im Moment lebt sie glücklich in Osnabrück.

In ihrem Herkunftsland Bosnien-Herzegowina verbrachte sie ihre Kindheit und ihre Jugend. Nach der Schule absolvierte Seniha eine Ausbildung als Religionslehrerin und begann im Anschluss in Sarajevo ein Studium. Als 1992 der Bosnienkrieg ausbrach, begann die schlimmste Zeit in ihrem Leben, erzählt sie mir. Seniha lebte zu der Zeit in Sarajevo, eine Stadt, die von Bergen umgeben war.

Die Berge wurden von serbischen Soldaten mit schweren Waffen besetzt. Dadurch wurde es sehr gefährlich für die Menschen in der Stadt. Keiner konnte aus der Stadt herausgehen und keiner konnte in die Stadt kommen. „Sie haben kleine Kinder vor den Augen von allen anderen erschossen, sie haben einfach alles zerstört, was man zerstören kann“, erzählte mir Seniha. Die schrecklichen Ereignisse erschütterten Senihas Familie und ganz besonders ihren Vater.

Während dieser Zeit habe keiner gewusst, wie es weitergehen würde. Vier Monate nach Kriegsbeginn lebten, so Seniha, 40 Personen in ihrem Keller, denn dies war der sicherste Ort in der Umgebung. Daher kamen viele Nachbarn und Freunde zu ihnen. Sie hatten dort sehr wenige Nahrungsmittel. Mehrere Wochen so zu leben und nicht zu wissen, ob man am morgigen Tag noch lebt, ist für uns heute unvorstellbar. „Bosnien-Herzegowina ist ein multiethnisches Land, wir sind Muslime, Bosniaken, Kroaten und Serben und es war ganz normal. Doch von heute auf morgen hat sich das Bild geändert. Es war einfach nur furchtbar!“, sagt Seniha.

Ihr damaliger Freund Esnaf lebte in Castrop-Rauxel in Deutschland und studierte dort islamische Theologie, wo er kurz vor Kriegsausbruch ein Praktikum beendet hatte. Als er erfuhr, dass in seiner Heimat Krieg ausgebrochen war, entschied er sich, in Deutschland zu bleiben, um abzuwarten, wie sich die Lage entwickelte. Nach einiger Zeit fragte ihr Freund Seniha am Telefon, ob sie zu ihm nach Deutschland fliehen könne. Doch das war eine sehr schwierige Entscheidung, denn die Familie, die Freunde und die Heimat zurückzulassen, fiel ihr sehr schwer. Zudem war ihr klar, dass die Flucht beschwerlich werden würde. Trotzdem entschied sie sich dafür, dieses auf sich zu nehmen. Ihr gelang die Flucht zunächst durch einen 800 Meter langen Tunnel, den die bosnische Armee unter dem Flughafen von Sarajevo, der eine UN-Schutzzone war,  gebaut hatte, um eine Verbindung von bosnischen Gebieten zu der belagerten Stadt zu halten. Danach konnte sie mit einem Bus weiter nach Kroatien fliehen, wo ihr Freund sie abholte.

Nach vier Wochen in Deutschland heirateten sie, damit Seniha in Deutschland bleiben konnte. Nach der Hochzeit bekam Esnaf eine Stelle als Iman in Castrop-Rauxel. Während seiner Arbeit studierte er und nahm später eine Stelle an der Universität Osnabrück an. Deswegen zogen sie nach Osnabrück um. „Hoffentlich bleiben wir hier, denn wir fühlen uns alle sehr wohl“, sagt Seniha.

Der Beginn ihres Lebens in Deutschland war sehr schwer für sie. Denn, wie sie mir erzählt, konnte sie kein Wort Deutsch sprechen und kannte auch noch niemanden. Nach kurzer Zeit in Deutschland bekam sie einen Sohn und drei Jahre später Zwillinge, die in Osnabrück aufwuchsen. Als ihre Kinder selbstständig wurden, überlegte sie, wie sie ihr Leben nun gestalten sollte. Sie wollte gerne soziale Arbeit studieren.

Sie entschied sich, noch einmal zur Schule zu gehen. Unterstützt wurde sie dabei von einer Ordensschwester, der Leiterin der Franz-von-Assisi-Schule. Diese hat sie darin bestärkt, diesen Weg zu gehen. An der Franz-von-Assisi-Schule ist Seniha zwei Jahre lang zur sozialpädagogischen Assistentin und zwei Jahre lang zur Erzieherin ausgebildet worden. Insgesamt vier Jahre war sie an dieser katholischen Schule. „Ich habe in dieser Zeit als Muslimin mehr Zeit in der Kirche als in der Moschee verbracht“, sagt sie. Dieses war für sie am Anfang etwas merkwürdig. Die Zeit in der Kirche hat sie aber durchaus positiv erlebt, denn dadurch hat sie ihren Glauben besser kennengelernt. Sie erzählt mir, dass sie durch diese Zeit nur profitiert habe, weil sie viele Ähnlichkeiten zwischen dem Islam und dem Christentum festgestellt habe.

Nach dieser neuen und aufregenden Zeit beendete sie ihre Ausbildung, die alles andere als leicht war. Dabei stand ihre Familie immer hinter ihr und nur durch deren Unterstützung konnte sie ihre Ausbildung erfolgreich beenden, berichtet sie mir stolz.  Am 29. Mai 2020 machte sie ihren Abschluss und bekam nur kurze Zeit später ihre erste Arbeitsstelle. In der Kita „Villa Kunterbunt“ in Osnabrück arbeitet sie nun als Erzieherin. Seniha freut sich jeden Morgen auf die Arbeit und ist sehr froh und dankbar dafür, dass sie diese Arbeitsstelle bekommen hat.

Im Laufe des Gespräches kommen wir auf das Thema Alltagsrassismus und Diskriminierung zu sprechen. Mit viel Dankbarkeit erzählt sie mir gerührt, dass sie als Muslimin, die in der Öffentlichkeit ein Kopftuch trägt, hier in Osnabrück immer so akzeptiert worden sei, wie sie ist, und schließlich gut in die Gesellschaft integriert worden sei. „Osnabrück ist eine wunderschöne Stadt und heißt nicht umsonst Friedensstadt“, sagte Seniha.

Abgesehen von einer Ausnahme ist ihr noch nie Alltagsrassismus begegnet. Einmal wollte sie an einer Schule unterrichten, sollte aber, bevor sie das Schulgebäude betrat, ihr Kopftuch abnehmen. Dieses konnte sie sich aber nicht vorstellen und lehnte es ab, dort zu arbeiten.

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