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Montag, März 1, 2021

„Musste das sein?“ Ein Kommentar von Kalla Wefel zur Entlassung von Marco Grote

„Wir haben die Entwicklung in den vergangenen Wochen inhaltlich intensiv analysiert – auch unabhängig von den nackten Ergebnissen. Dabei ist die Entscheidung gereift, dass unsere Saison- und Entwicklungsziele zunehmend gefährdet sind und wir sind nicht davon überzeugt, in der bisherigen Konstellation in den verbleibenden 13 Ligaspielen eine Trendumkehr herbeiführen zu können“, wird Geschäftsführer Benjamin Schmedes auf der Vereinswebsite zitiert.

Schon auf der Pressekonferenz vor dem Spiel in Darmstadt wirkte VfL-Trainer Marco Grote ungewohnt unsouverän und angefressen, wenn nicht sogar ein wenig gehetzt, soweit man das einem Bremer überhaupt anmerken kann.
Ihn erstaune die öffentliche Kritik, schließlich sei man immer noch im Soll.
Auch nach dem gestrigen Spieltag in Darmstadt hat der VfL tatsächlich immer noch vier Punkte und sieben Tore Vorsprung auf den Relegations- und fünf Punkte und 13 Tore auf den ersten Abstiegsplatz.
Und was wäre gewesen, wenn Torwart Schuhen nicht den tollen Kopfball von Marc Heider mit einer Glanzparade an die Latte gelenkt hätte? Haben also wenige Zentimeter darüber entschieden, dass Marco Grote nicht mehr weitermachen darf? An Spekulationen über unbekannte Hintergründe werde ich mich jedenfalls nicht beteiligen. Lügen und Gerüchte breiten sich bereits überall in den einschlägigen Foren aus.

Eine Mannschaft mit diesen Voraussetzungen zu übernehmen ist jedenfalls alles andere als ein Himmelfahrtskommando, zumal sich die Clubs hinter dem VfL auch nicht gerade von Spieltag zu Spieltag mit Ruhm bekleckern. Die Saison ist sehr lang, 13 Spieltage liegen noch vor dem VfL, also sind noch 39 Punkte zu vergeben. Ob nun 15 oder 18 Punkte am Ende reichen, um den 15. Platz zu halten, weiß man nicht.

Dass der VfL mit Grote einen Negativrekord nach dem anderen aufgestellt hat, geht nun mal nicht spurlos an Fans und Medien, an Mannschaft und Offiziellen vorbei. Das sind schlichtweg Tatsachen. Dennoch behaupte ich: An fast jedem anderen Zweitligastandort wäre schon viel früher ein medialer Tsunami über ihn und die Mannschaft hereingebrochen. In Osnabrück werden Trainer und Spieler traditionell in Watte gepackt und häufig erst dann kritisiert, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.
Wenn Marco Grote die mit dem Wattebausch vorgetragene Kritik bereits nervte, dann ist ihm der Übergang vom Jugend- zum Profitrainer in dieser Hinsicht schlichtweg nicht gelungen.

Wie die meisten mochte auch ich seine trockene sympathische Art, doch sollte er sich für die Zukunft ein etwas dickeres Fell zulegen und endlich selbstkritischer sein. Das ständige Schönreden von gewissen Spielphasen war langsam nur noch schwer zu ertragen. Wenn man sich in einem Spielabschnitt auf Augenhöhe wähnt, um die restlichen Phasen des Spiels vergessen zu machen, dann kommt am Ende nun mal eine Niederlage dabei heraus. So einfach ist das.

Welche Fehler hat Marco Grote begangen hat?

Es ist ihm in all den Monaten nicht gelungen, eine Stammformation oder zumindest einen festen Kern zu finden. Andererseits waren die häufigen Wechsel womöglich der Enge des Spielplans und der nicht zu vergessenden vierzehntägigen Quarantäne im Herbst geschuldet. Doch seine Aufstellungen hatten häufig etwas Unsystematisches nach dem Motto „Probieren geht über Studieren“.

Geht man von der alten Fußballweisheit aus, dass die Abwehr „Meisterschaften“ und Klassenerhalte sichert und der Sturm Spiele gewinnt, dann ist es ihm nicht gelungen, die Abwehr ausreichend zu stabilisieren. Selbst Erfolgsgarant Philipp Kühn verlor durch die Unsicherheit seiner Vorderleute in den letzten Spielen zusehends an Souveränität. Hier besteht also dringender Handlungsbedarf.
   
Anmerkung: Wieso steht nicht auch der sakrosankte Benjamin Schmedes in der Kritik? Ein Fan schreibt sogar in merkwürdiger Weltfremdheit: „Danke, Benny!“ Wofür? Schließlich hat er Grote und die Spieler geholt, die nun im Abstiegsstrudel stecken. Vielleicht hätte Grote ja auch „Benny“ gerne entlassen. Wer weiß das schon? Am Ende wird eben immer gern ein Prügelknabe gesucht, damit die Welt nicht noch komplizierter wird, als sie es eh schon ist.
Wenn der VfL tatsächlich den mit Abstand niedrigsten Etat in der zweiten Liga hat, was immer wieder gern behauptet wird, dann wäre schon das Erreichen des Relegationsplatzes ein Erfolg und dann sage auch ich einmal: „Danke, Benny.“

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