Donnerstag, 22. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz heute ohne Fritz Wolf – „Das vielgeküßte Mädchen“ (1964)

Bernhard Schulz
Das vielgeküßte Mädchen (1964)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Ins Nachbarhaus ist mit den Eltern ein junges Fräulein eingezogen, das uns älteren Herrschaften durch seinen Liebreiz auffällt. Das Fräulein ist schon aus der Schule heraus und besucht die Universität. Es studiert Volkswirtschaft, eine Wissenschaft, die sehr der Auflockerung durch weibliche Intelligenz und Schönheit bedarf. Allzulange haben wir griesgrämigen Kerlen dieses Feld überlassen müssen.

Aber nun wird sich alles wenden, nachdem das Fräulein sich der Sache angenommen hat. Zu der Bewunderung, die wir der Schönheit des immatrikulierten Fräuleins entgegenbringen, gesellt sich Respekt vor der Aufgabe, die Ihr gestellt ist.

Ich gestehe, daß ich in Angelegenheiten des Fräuleins mehr Glück gehabt habe, als mir zustand, so daß ich an dieser Stelle in der Lage bin, Mitteilungen zu machen, die einen Blick in die Intimsphäre des schönen und dazu klugen Mädchens gewähren. Ich lernte nämlich die Mutter kennen. Es war im Milchladen nebenan. Der Weg zur Tochter führt ja nicht ungern über die Mutter.

Sebalda, so heißt das Mädchen, wurde in jenem Jahre des Unheils in einem mecklenburgischen Dorf geboren, als sich der Krieg dem Ende näherte. Kanonen wummerten an der Wiege der Neugeborenen, und der Feind stand vor der Haustür. Es waren zunächst Amerikaner. Nun ist es so, daß eine junge Mutter, die ein Baby spazieren führt, selbst dem Herzen des rauhesten Kriegers eine wohlwollende Regung entlockt, und so war es auch hier. Die Soldaten, durch ihren Sieg ohnehin milde gesonnen, machten der Mutter Komplimente und schenkten dem Baby Vitamintabletten, so daß beide prächtig vorankamen.

Bald wurden die amerikanischen Soldaten von britischen abgelöst, die sich nicht einmal in der Sprache voneinander abhoben. Auch die Engländer wollten mit dem Baby, das ein schönes Baby war, „rockring up and down“ machen, und gaben ihm Weißbrot und Schokolade. Es scheint so gewesen zu sein, daß die Mama das herzige Kindchen zum Dank für Vitamine und dergleichen umherreichte und geschlossenen Auges duldete, daß es geküßt wurde.

Wir nehmen an, daß die Mutter innerlich vor gerechtem Zorn und Abscheu vor Bakterien gebebt hat – aber wo sollte sie in jenen Jahren das tägliche Brot hernehmen? Außerdem sind Feinde, die danach lechzen, ein Baby zu liebkosen, nicht die schlimmsten Feinde. Im Gegenteil. Ich behaupte, daß dieses Wickelkind für unser aller Zukunft große vaterländische Taten verrichtet hat. Vielleicht begann in Sebalda damals schon der Gedanke einer soziologischen Karriere zu keimen. „Sebalda“, so berichtet die Mutter, „wurde von Amerikanern, Engländern und Russen geküßt.“

Russen waren also auch unter den Liebhabern? Amerikaner und Engländer läßt man sich ja gefallen. Aber Russen – das kann doch nicht wahr sein? „Doch“, sagte die Mutter, und ich habe den Milchladen zum Zeugen, „es ist wahr. Die Russen sind in mancher Hinsicht netter als die Amerikaner. Sie haben Gemüt und sind sehr kinderlieb.“ Nur mußte die Kost auf schwarzes Brot und saure Gurken umgestellt werden, was anfangs Schwierigkeiten verursachte, aber das völkerversöhnende Küßchen blieb bei der alten Qualität. Es trug auch hier zur Verständigung bei und räumte Mißhelligkeiten aus dem Wege. Sebalda kam sozusagen dem ganzen Dorf zugute. Manche Untat an Erwachsenen wurde nicht verübt, weil das Kind die Herzen der Sibiriaken rührte.

Der Umstand, daß die Mutter so offenherzig dieses Thema besprach, läßt an der Unschuld keinen Zweifel aufkommen. Für uns ist nicht das Küßchen wichtig, sondern die Erkenntnis, daß Soldaten, welcher Nation sie auch angehören, im Grunde genommen doch lieber küssen als killen. Und das tröstet uns.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022


Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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