Mittwoch, 28. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Die Ehefrau des Landwirts Huser“ (1954)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Die Ehefrau des Landwirts Huser“ (1954)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Lorup liegt im Hümmling. Der Hümmling ist wahrscheinlich der einsamste Winkel. In Sanktus Lorup gedeihen Heidschnucken, Rauchschwalben und Buchweizenpfannekuchen. Wer nie in Lorup gewesen, ist, sollte sich bemühen, dorthin zu kommen. Am besten zu Fuß. Er wird alles los, was ihm bis dahin an den Füßen hing. Den ganzen Klimbim von Kleinkunstbühne, Tonfilm, Modenschau, Eiskonditorei, Tanzkränzchen, Kreppsohlen, Einkommensteuer, modischen Schlipsen, Theaterkrise und Zeitungsnachrichten.

Aus Lorup kommen keine Nachrichten. Es gibt keine. Die Loruper kommen von allen Europäern dem glücklichen Zustand einer Insel am nächsten, sie sind beneidenswert isoliert. Uns Großstädtern hängt der Fortschritt und der Lärm der Welt zur leeren Tasche heraus. Wir sehnen uns nach Ruhe, nach Einsamkeit und Stille. Wir möchten am liebsten auf dem moosigen Rücken einer Schafskate hocken und die Lämmer über die Heide dahinziehen sehen …

Die einzige Nachricht, die der Weltpresse aus Lorup zugegangen ist, ist die folgende: „Die Ehefrau des Landwirts Huser sah gestern zum ersten Male in ihrem Leben eine Eisenbahn, Frau Huser ist dreiundsechzig Jahre alt. Sie war mit ihrem Mann zur Kreisstadt gefahren, um Ferkel zu verladen. Bei dieser Gelegenheit erblickte sie die Hümmlinger Kreisbahn.“
Der Leser legt erschüttert die Zeitung aus der Hand. Endlich ist dem letzten Einwohner in diesem von der modernen Zivilisation beleckten Erdteil die Bedeutung der Dampfmaschine klar geworden.

Müssen wir befürchten, dass es immer noch Leute gibt, die eine Pleuelstange nicht von einem Schafsknochen zu unterscheiden wissen? Die Nachricht sagt nichts darüber aus, ob Frau Huser etwa in Ohnmacht gefallen oder schreiend davongelaufen ist. Frau Huser saß über ihren Ferkeln und ließ den Anblick des schnaubenden Dampfrosses über sich ergehen.

James Watt, der die Schuld daran trägt, dass eine Division Soldaten in sechs Tagen von Cherbourg nach Suchinitschi transportiert werden kann, braucht sich auf seine Erfindung nichts mehr einzubilden. Eine Kreisbahnlokomotive ist kein technisches Wunder mehr, sondern ein Behelfsmittel für das Fortkommen auf dieser Welt.

Es ist nicht anzunehmen, dass Frau Huser der Presse die Wahrheit über ihre Eindrücke unterschlagen hat. Sie fasste die Schweinchen beim Ringelschwänzchen und schleuderte sie in den Waggon. Dann wischte sie die Hände am Stroh ab, setzte sich auf den Boden und fuhr zurück nach Lorup.

Die Menschheit mit ihrem Fortschritt steht blamiert da. Die Erfindung der Dampfmaschine hat auf Frau Huser keinen Eindruck hinterlassen. Wir alle, die wir um dieses Ereignis herumstehen, sind enttäuscht. Wir müssen zugeben, dass wir ohne Eisenbahn glücklicher geworden wären. Der Schrei der Lokomotive zerreißt unseren Schlaf. Wir treiben von einem Bahnhof zum anderen. Wie schön, wenn wir endlich daheimbleiben dürften.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022
Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022
Geschichte vom 21.08.2022
Geschichte vom 28.08.2022

 

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