Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
Die Oper des Kleingärtners (1953)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Der Gott der Zeit, welcher Chronos genannt wird, hat das Signal zum Einkochen geblasen. Die Arbeit der Kleingärtner, ihre ungezählten Spatenstiche, das Bücken nach Unkraut und der zermürbende Krieg mit den Schädlingen, diesen Partisanen im Gemüseland, hat Frucht angesetzt. Kein Spatenstich ist vergebens getan worden. Kein Kalistäubchen fiel auf unfruchtbaren Boden. Kein Pferdeapfel ging verloren. Die Sonne ließ alles mächtig reifen und schwellen. Gelobt sei der Regen, der sich in das üppige Grün ergoss …

Nun ist es also so weit. Der Hausfrauen bemächtigt sich ein holder Wahn, eine sanfte Wut, eine erregende Mütterlichkeit, die aus den Urzeiten der Menschheit herrührt. Instinkt aus prähistorischen Tagen breitet sich aus und wirkt ansteckend. Die Futterkammer will gefüllt sein. Wer weiß, welcher Mangel uns im Winter bevorsteht?

Die Küche verwandelt sich in eine Fabrik, in der Gasflammen prasseln und Quecksilbersäulen emporschnellen. Gesang kochenden Wassers erhebt sich aus den Niederungen der Küchenfron. Die Hausfrau, in derber Schürze und erbarmungslos gezügelter Locke, hat sich ihrer wahren Aufgabe besonnen. Ihr obliegt es, den Wintervorrat für die Familie sicherzustellen.

Von Küche zu Küche, von Balkon zu Balkon kräuseln die Düfte des Einmachens. Der Geruch des Obstes weht dahin und weckt die Trägen. Im Abendwind liegt bis in die Nacht hinein das Klingeln der Gläser in der Spülschüssel. Flaschen läuten. Weißblechdosen klirren. Es ist die Melodie des Herbstes, der Marschrhythmus der Konserven und die erhabene Oper des Kleingärtners. Er selbst, der Herrscher im Garten und Gebieter über tausend Pflanzen, in dem der Familiensinn zu einer Art flammenden Behagens entfacht scheint, sitzt in der geblümten Gummischürze am Tisch und entsteint Pflaumen, ein Denkmal ehelichen Friedens, ein Beispiel für häusliches Streben, ein Vorbild der töricht lächelnden Jugend.

Vater schält Äpfel. Vater entkernt Pfirsich und Mirabelle. Vater schabt rote Möhren und schnitzelt Birnen. Vater erweist sich in allem als nützlich und begabt.

Hier kann man lernen, was Eintracht ist. Hier enthüllt sich das Ethos einer Gemeinschaft, die beseelt ist von dem Willen, durchzukommen.

Die Weckgläser voll dicker Bohnen, Erbsen, Kohlrabi, Blumenkohl und Pfifferlinge, voll Kirschen, Morellen, Blaubeeren, Stachelbeeren und Johannistrauben reihen sich auf dem Kellerbord aneinander. Welch ein Triumph für die Technik des Einkochens, wenn keines der Gläser aufgesprungen ist! Lauter Jubel preist den Haushaltungsvorstand, der mit kunstfertiger Hand die Saftflaschen vergipst hat. Diese Weckgläser sind eine Kundgebung für den Frieden; sie strahlen ein massives Gefühl von Sicherheit aus. Jetzt kann nichts mehr passieren …

Im Winter, wenn der Garten draußen am Bahndamm längst im Regen liegt und Schnee die Scholle nässt, wird Mutter ein Glas nach dem anderen heraufholen. Der Gummiring wird sich zischend lösen. Mit einem Male wird dann die Küche wieder erfüllt sein vom Geruch des Sommers und Herbstes und vom Duft der Beeren und Früchte.

Jene glücklichen Abende sind wieder da und jene Musik, die Opernmusik des Kleingärtners: Gläsergeläut und blubbelnder Dampf und Klingeling der Flaschen.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022