Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Dr. Leimbrock wird verlangt“ (1954)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Dr. Leimbrock wird verlangt“ (1954)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Zwischenruf in eine Liebesszene

Nelson in Großaufnahme! Das Gesicht eines Admirals, der zu schön ist für den Verschleiß auf Schlachtschiffen, die sich gegenseitig mit Eisenbrocken in den Grund bohren, es besteht kein Zweifel, dass auch ihn eines Tages das Blei eines korsischen Scharfschützen töten wird. Aber bis dahin ist noch Zeit, und die schöne Lady Hamilton spinnt den Seehelden in ihre Träume ein.

Im Park eines märchenhaft schönen Schlosses in Neapel sinken sie einander in die Arme, indes zum Abschied schon die Riemen aufs Wasser klatschen und das Auge des Helden kühn nach der napoleonischen Flotte tastet.

„Horatio“, flüstert Emma mit ihrer verführerischen Stimme, „Horatio, wirst du an mich denken, wenn du deine Feinde vernichtest? Liebst du mich?“

Natürlich liebt er sie. Der Film verlangt es, und außerdem ist es historisch. Die Szene ist unwiderstehlich schön, wie auch der männlich stolze Horatio trotz seiner vielen Orden schön ist, – oder machen ihn gerade die Orden so schön? Ich weiß es nicht. Jedenfalls atmet das Publikum tief vor Rührung…

Aber jetzt geschieht etwas, das nicht zum Film gehört. Es rechnet nicht zum Programm. Es steht zu der Szene, die soeben über die Leinwand flimmert, nur in einem simplen lokalen Zusammenhang.

Während Horatio das Boot besteigt und die Matrosen ihn in sein dunkles Schicksal hinausrudern (er hat vor Malta eine Kleinigkeit zu erledigen), bricht in den Zuschauerraum die nüchterne Stimme des Geschäftsführers ein: „Professor Doktor Leimbrock wird dringend am Telefon verlangt.“

Pause. Die Liebesszene ist vorläufig beendet. Die Matrosen rudern. Das Meer rauscht. Das Schicksal naht. Die Tragik breitet ihre dunklen Schwingen aus.

Jeder Zuschauer weiß, dass Professor Doktor Leimbrock eine Frauenklinik leitet, in der die jungen Mütter unserer Stadt ihrer Kinder entbunden werden. Was ist geschehen?

Jeder begreift sofort, dass es sich um etwas Außergewöhnliches handeln muss. Der leitende Arzt lässt, wenn er sich den Anblick einer Seeschlacht gönnt, gewiss einen Vertreter bei den jungen Müttern in seiner Klinik.

Und jetzt? Der Professor wird den Ausgang der Seeschlacht nicht miterleben. Ein Menschenleben steht auf dem Spiel. Vielleicht sogar zwei Leben.

Aus der Masse der achthundert Zuschauer, die das Lichtspielhaus füllen erhebt sich ein einzelner dunkler Schatten, schiebt sich an den Knien vorbei und strebt dem Ausgang zu…

Die achthundert Gehirne ahnen, was jetzt am Telefon gesprochen wird: „Ich komme sofort. Bereiten Sie alles vor.“

Operation – das zuckt durch sie hindurch. Das jagt durch ihre Herzen. Das zündet in ihrer Phantasie. Das schwelt in ihrem Unbewusstsein. Das macht sie schwer atmen. Das rührt an ihre eigenen Erlebnisse… das… das…

Ein Mensch liegt wirklich da und stirbt. Vielleicht haben sie alle miteinander einmal auf einen Arzt gewartet, der ihnen Rettung zutrug. In den Film hinein beten sie: Lass es gut gehen.

Der Admiral setzt die Segel. Der Sturm fällt jaulend in die Takelage. Wie eine Holzwanne tanzt das Schlachtschiff auf den Wellen vor Malta. Am Bugspriet glimmt ein rotes Licht wie ein Stern der Hoffnung über der Finsternis.

Die Operation verlief glücklich. Mutter und Kind wurden gerettet.

Ich habe angerufen.

 

 

 

 


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022
Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022

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