Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Lady Windermeres Fächer“ (1960)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Oscar Wildes Komödie im Theater am Domhof in Osnabrück

London vor der Jahrhundertwende. Es ist die Zeit, da man zur Ballrobe den Fächer trug. Fächer waren nützlich. Man konnte hinter ihnen das Gesicht verbergen, man konnte Liebesbotschaften hineinkritzeln, man konnte erfrischenden Wind damit entfachen. In Oscar Wildes vieraktiger Komödie von Lady Windermeres Fächer dient das Ballrequisit dazu, den guten Ruf einer Dame zu retten.

Die Dame mit dem guten Ruf, es ist Lady Windermere, hat nachts die Wohnung eines Freundes aufgesucht. Sie will nicht länger mehr mit ihrem ungetreuen Lord verheiratet sein. Aber dann klärt sich die Untreue auf. Lord Windermere ist so gut wie unschuldig. Eine dritte Person nimmt die Schande auf sich, nachts bei Lord Darlington gewesen zu sein. Es ist reiner Edelmut.

Diese dritte Person ist Miß Erlynne, Lady Windermeres ach so früh verstorbene Mutter, die in Wirklichkeit ihren Gatten und das Kind verlassen hat und einem Liebhaber gefolgt ist, der, so geht es im Leben, seinerseits die Liebste sitzen ließ.

Verrat kommt alle Tage vor, aber es kommt nicht alle Tage vor, dass einem die triviale Er-sie-es-hat-mich-verlassen-Story so amüsant, geistreich, witzig, gutverzahnt und moralinfrei erzählt wird. Die Moral von der Geschichte ist nicht die, nachts daheimzubleiben und redlich zu sein, sondern die, das verlogene Getue der Londoner Gesellschaft um die Jahrhundertwende ulkig zu finden.

Oscar Wilde fand es ulkig, er war der Mann dazu, es ulkig zu finden – bis zu jenem Tage, an dem sich die von ihm verulkte Gesellschaft rächte, indem sie ihn ins Readinger Zuchthaus einsperrte. Er, der gefeierte Dichter und das Enfant terrible einer Gesellschaft, deren Absurditäten zu bewitzeln er nicht müde geworden war, erholte sich nie wieder von der Qual des Fressnapfs.

Das Stück ist exaktes Handwerk – nach französischem Vorbild. Man schmunzelt, lacht, applaudiert und geht heim, ohne schockiert zu sein. Man ist amüsiert (So war das also vor siebzig Jahren? Wie es heute ist, steht auf einem anderen Brett). Dr. Hermann Schultze inszenierte mit leichter Hand. Die Aufführung besaß den Pfiff und den Elan, den Wildes Aphorismen brauchen, um zu brillieren, um anzukommen, um zu überzeugen. Die Bühnenbilder und Kostüme von Robert Stahl spiegelten die Atmosphäre jener Salons wieder, an deren Türe der Butler stand, die Namen der erlauchten Herrschaften anzusagen…

„Miß Erlynne“ zum Beispiel. Da steht sie, die Frau, die Mann und Kind im Stich gelassen hat, um sich dem Leben jenseits der High Society in die Arme zu werfen. Eine Lady mit schlechtem Ruf, aber mit Herz. Oscar Wilde sah in ihr die „gute Frau“. Der dandyhafte Autor hätte an der Darstellung seiner verruchten Heldin durch Edith Lechtape inniges Vergnügen gehabt. So berückend wird Mrs. Erlynne nur alle zehn Jahre einmal gespielt. Soviel Parfüm, soviel Witz, soviel Charakter, soviel Verlogenheit, soviel eiskalte Sicherheit übertrafen fast die Rolle.

Auszusehen wie Engländerinnen aussehen und so shocking zu tun wie sie, gelang Gabriele Marti als Lady Windermere mit Ironie und Grazie. Gerhard Kauffmann war ein etwas zu hausbackener Lord, wie überhaupt die Lords und Misters zu wenig typisch waren. Als Herzogin v. Berwick, eine klatschsüchtige, zerfahren-liebenswürdige Salonbestie, erfreute Anne-Liese Johow das Publikum. Christa Schütte spielte deren Tochter mit fürwitzig-drolliger Backfischmiene.

Erwin Dorow stellte den leicht vertrottelten Lord Augustus Lorton dar, eine komische, jedoch sympathische Figur, die Dorow interessant auszustaffieren wusste. Victor Tacik trat als Lord Darlington auf, mit forschem Geist und behendem Schritt, siegreich wie immer. Ebenso forsch, aber schlechthin als Mister: Folkrad Dietl, Arno Bergler und Wolfgang Günther. Walter Laugwitz und Hannes Zaddach waren Diener. Clarissa Sypniewski und Gudrun Reißland salonfüllende Damen, und Irene Gelbke ein Stubenmädchen.

Beifall und Vorhänge, für die Darsteller, für den Regisseur, für den Bühnenbildner und, last not least, für den unglückseligen Dichter.

 

 

 

 


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022