Donnerstag, 22. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Mein lieber Schulz …“ (1946)

Bernhard Schulz
„Mein lieber Schulz …“ (1946)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Ich habe einen Brief bekommen. Den Brief hat mein Vorgesetzter geschrieben von damals, als ich Soldat war und mit meinem von Anophelesmücken angezapften Blut und meinem vom Militarismus zertretenen Herzen auf einer Schreibstube im Heimatfrontgebiet Verfügungen ausdenken musste. Der Brief ist mit der Hand geschrieben, er trägt am Kopf die Anschrift, das Datum, die Brieftagebuchnummer 526 und sogar ein Aktenzeichen, nämlich: P. K. Ich vermute, das soll Privat-Korrespondenz heißen.

Herr Major machte sich die Mühe, mir zu schreiben. „Mein lieber Schulz …“

Ich war bloß Obergefreiter, und ich werde ganz rot vor Freude, dass Herr Major mir geschrieben haben, und beinahe hätte ich den Brief fallen lassen, weil meine Hände nach der Hosennaht zucken. „Mein lieber Schulz …“ Tscha, und so weiter.

Beim Lesen stelle ich mir den Brief in ein Magnetophon gesprochen vor. In meinem Lautsprecher würde er dann etwa so klingen: „Mein lieber Schulz, äh, will Ihnen einmal schreiben. Habe Namen in Zeitung gelesen, tüchtig, tüchtig, gar nicht vermutet in Ihnen. Krieg leider total verloren. Kolossal unangenehme Geschichte. Äh … bedauere sehr Verlust der Lebensaufgabe. Besitze noch Reithose, Kaiserbild und Ordensschnalle. Bin auf russischer Seite völlig enteignet. Hausen jetzt Schweinekerle auf eigenem Hof, ordinär, ordinär. Vorläufig nicht zu ändern, äußerst schwierig Besatzungsmacht muss ertragen werden. Wohnen selbst in Hinterhaus, drei Treppen hoch, regnet durch. Erbitten Bericht, ob dort Lebensmöglichkeit. Direktorposten in Industrieunternehmen oder seriösem Zeitungsverlag. Haha, werden uns schon durchrackern. Können sich Bild machen, was?“

Können sich Bild machen, ja, Verzeihung, „jawohl, Herr Major“. Meine Hände zucken wieder an die Hosennaht, verdammte Angewohnheit. Herr Major waren damals Abteilungsleiter in einem Generalkommando, Chef römisch zwo arabisch b. Herr Major befahlen bis zur letzten Stunde Bataillone und Regimenter in den Tod. Herr Major erdachten bis zur letzten Minute Verfügungen, um kranke Soldaten und Soldaten, deren Wunden beim Exerzieren aufbrachen, kriegsverwendungsfähig zu machen. Herr Major schickten bedenkenlos Tausende und Abertausende in ein sinnloses Verderben. Herr Major ließen sich zur Sicherung des eigenen kostbaren Lebens einen Bunker bauen, der mit Stahl und Zement dreimal so dick gepolstert war wie der sicherste Bunker der Parteispitzen in jener Großstadt. Und da saßen nun Herr Major und unterzeichneten Befehle, die es den anderen, den Kv.-Geschriebenen ermöglichten, den Heldentod zu sterben.

Herr Major aßen gespickten Rehrücken und tranken roten Sekt dazu, wenn die anderen Kohlsuppe fressen mussten. Herr Major fuhren sonntags zur Jagd, wenn die anderen mit der Panzerfaust im Arm exerzieren gingen. Herr Major waren Großgrundbesitzer und Schnapsfabrikant, Aufsichtsratsvorsitzender in Getreide und Zucker, ehemaliger Stahlhelmführer, Feudalherr und gehasster Brotherr für alle, die ihm dienten. Herrn Major ging es gut, kolossal gut, Herrn Major ging es ganz prächtig gut. Können sich Bild machen, was?!

Aber Herr Major sind nicht mehr Herr Major. Es gibt kein Generalkommando und keinen roten Sekt mehr, kein Bratlingspulver für Mannschaften und Kv.-Befunde für Kriegsversehrte. Herr Major sitzen da im Hinterhaus, drei Treppen hoch, gefärbte Reithose und Panzerhemd, ganz gelb vor Kummer und schrecklich ausgehöhlt. Kerle machen nichts als Schwierigkeiten. Keiner putzt Stiefel. Essen ungenießbar. Mannschaften grüßen nicht. Schweinerei. Müssen uns halt bequemen. An alte Kameraden appellieren. Brieftagebuch anlegen, schreiben, schreiben … ohne Tritt, marsch! Aktenzeichen: P. K.

Herr Major erbitten also Bericht über Lebensmöglichkeit … hm.

Mein lieber Schulz. Das macht mich noch verrückt vor Stolz. Früher hieß ich „He!“und „Sie da!“ und „Hören Sie mal!“ und „Herkommen!“. Heute bin ich Schulz, Schulz schlechthin, und nicht nur das, sondern sogar mein lieber Schulz. Ich berste vor Glück. Ich stehe Kopf über die Vertraulichkeit, die mir zuteil wird. Haha, wir müssen viel besser zusammenhalten was? Schulz, alter Junge! Äh, werden uns schon durchrackern, Besatzungsmacht muss erst abgerückt sein. Werde dann auch für Sie sorgen, Stellung in Wehrmacht oder ähnlichem. Besitze noch Reithose, Kaiserbild und Ordensschnalle. Bei Bericht über Lebensmöglichkeit bitte Termin beachten. Am besten geheim halten. Dringend. Schellhase, Major.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022


Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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