Bernhard Schulz
Nachmittag eines Esels (1965)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Bei trockenem Wetter machte die Frau nach Tisch den gewohnten Spaziergang. Es war seit Jahren derselbe Weg, den sie zurücklegte. Sie fuhr mit dem Bus bis zur Endhaltestelle, die Am Friedhof hieß. Der Bus hielt vor dem großen eisernen Tor einer Beerdigungsstätte, die vor Jahren angelegt worden war. Neben dem Tor waren eine Gaststätte und ein Gärtnereibetrieb entstanden. Manchmal kehrte die Frau in die Gaststätte ein und ließ sich Tee bringen und sie lobte jedes Mal die frischen Blüten der Alpenveilchen, die in einer Vase auf dem Tisch standen.

Die Erde hier im Weichbild der großen Stadt, die bereits anfing, das Licht ihrer Straßenlaternen, Leuchtröhren und Glühbirnen einzuschalten, war sumpfig. Das Gelände lag unter dem Meeresspiegel und wenn die Arbeiter auf dem Friedhof eine Grube schaufelten, dann mussten die Leidtragenden damit rechnen, dass die Grube am anderen Tag, wenn die Beerdigung stattfinden sollte, mit Grundwasser bis zur Hälfte vollgelaufen war. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass die Sargträger Gummistiefel trugen, weil das brackige Wasser emporschwappte, wenn sie den Sarg hinabließen. Aber dies alles wusste die Frau nicht, die hier spazieren ging.

Das Gelände hinter dem Friedhof war mit zerbombtem Mauerwerk und mit Betonbrocken und gesprengten Bunkern übersät. Die Gleisanlagen der Eisenbahn, die seit dem Krieg nicht mehr befahren wurden, waren rostig und mit Ginster und Birkengestrüpp bedeckt.

Im Krieg hatten hier Kanonen gestanden, die feindliche Flugzeuge abwehren sollten, aber mit den Jahren hatten sich arme Leute kleine Gärten angelegt mit Kaninchenställen und Taubenschlägen und ein Geschäftsmann hatte sich für einen Esel ein Stück Wiese zurechtgemacht und mit Latten aus Kiefernholz umzäunt. Aus dem militärischen Bereich, den außer den Soldaten niemand hatte betreten dürfen, war ein seltsam idyllisches Jedermanns Land geworden.

Eines Tages entdeckte die Frau den Esel. Der Esel schob seinen grauen zottigen Kopf über den Lattenzaun und blickte die Frau mit einem Ausdruck in seinen Augen an, als hätte er auf sie gewartet. Als hätte er die ganze Zeit über hier gestanden und gewartet. Die Frau ging auf den Esel zu und kraulte seinen Kopf und von dieser Stunde an bestand zwischen ihnen ein freundschaftliches Verhältnis.

Der Esel war ein sanftes und gutmütiges Geschöpf, das Verstand besaß und gewissermaßen sogar einen Beruf, eine Art Broterwerb, denn er war jener Esel, der im Advent vor dem Eingang zu einem Warenhaus gestanden hatte als Gehilfe für den Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann hatte ihm Buben und Mädchen auf den gesattelten Rücken gesetzt, damit sie fotografiert werden konnten. Die Legende besagt ja, dass an der Krippe zu Bethlehem Ochs und Esel dabei gewesen sind, als das Wunder geschah.

Der Esel und der Weihnachtsmann waren im Dezember die am meisten fotografierten Objekte in der Stadt gewesen. Der Esel war auf Tausenden von farbigen Lichtbildern zu sehen, in Postkartengröße gerahmt oder in Alben eingeklebt, hinter den Spiegel gesteckt oder in der Brieftasche aufgehoben und es war jedes Jahr seine schönste Zeit, dort in der Wärme des Warenhauses zu stehen und den Duft von gebrannten Mandeln und zimtbepuderten Waffeln zu schnuppern, die den Kunden im Warenhaus angeboten wurden.

Aber schon am Heiligen Abend hatte der Geschäftsmann den Esel hier abgestellt und seiner Einsamkeit überlassen. Seine Dienste wurden nicht mehr benötigt und von gelegentlichen Auftritten bei Märchenveranstaltungen im Theater abgesehen, hatte er nichts zu tun. Er bewegte sich auf seiner Wiese am Zaun entlang und wartete auf die Frau, die er kennengelernt hatte und die ihn besuchen würde. Und er wusste, dass die Frau ihm eine Möhre, einen Apfel und ein Stück Brot mitbringen würde.

An Tagen, wenn es nachts gefroren hatte und der Himmel wolkenlos blau war, stand der Esel in jener Ecke seiner Wiese, in der er die Frau kommen sah und sobald er sie ausmachte, röhrte er ein kräftiges „Iiih-aaah“ zur Begrüßung über den Bretterzaun.

Der Esel verstand sich darauf zu beweisen, dass ihm Liebe nicht gleichgültig war. Wenn die Frau den Zaun erreicht hatte, schob er stürmisch seinen Kopf vor und forderte sie auf, ihm die Stirn zu kraulen, die immer ein bisschen staubig war. Vor lauter Dankbarkeit schloss er die Augen, dieser Schlaumeier von einem Esel und erst nach einer Weile nahm er den Apfel an, den die Frau ihm zwischen die Lippen schob.

„Du bist ein richtiger Star“, sagte sie und tätschelte seinen Hals, „du bist in jedem Fotoalbum verewigt, du wirst von jedem Schulkind angehimmelt und von jedem Spaziergänger verwöhnt und das weißt du auch.“
Meist ging um diese Zeit die Sonne hinter den Pappeln unter, die den Krähen als Schlafbäume dienten. Zu Tausenden fielen die schwarzen Vögel in das Gewirr der Äste ein. Die Luft war erfüllt von ihrem Gekrächz.

„Es gibt diesen Esel, der auf mich wartet,“ dachte die Frau, „es gibt diese Pappeln voller Krähen und es gibt die Sonne, die aufgeht und untergeht.“ Und laut sagte sie: „Ich glaube daran, dass es richtig ist, Gutes zu tun und Liebe weiterzugeben.“

Sie sprach noch eine Zeitlang mit dem Esel und dann ging sie glücklich zur Bushaltestelle zurück.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021