Bernhard Schulz
Pfingstorgel (1957)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

 

Pfingsten, das ist Jasmingeruch und Heuduft. Das sind frühsommerliche Tage mit heißen Mittagsstunden und prasselnden Nachtgewittern. Pfingsten, das bedeutet knirschenden Gartenkies und plätschernden Gießkannenstrahl.

Pfingsten ist Mai und Juni und Frühling und Sommer und alles miteinander. Pfingsten, das ist etwas Besonderes im Kalender. Pfingsten ist wie eine Orgel.

So fängt es an: Ein Mann zieht mit seinem Leierkasten von Dorf zu Dorf und dudelt alte Melodien. Es sind Lieder, die wir längst vergessen haben und die uns nur deshalb so seltsam berühren, weil sie unverhofft von draußen hereinwehen.

Am Abend werden die Mädchen nicht aufhören wollen mit Singen, wenn sie eingehakt durch die Felder wandern. Die Musik dieser Tage ist unvergesslich. Hört den lustigen Peitschenknall. Hört die klirrenden Hufe der Pferde auf dem Dorfpflaster und das Knirschen der Räder im Sand des Sommerweges! Die Kutschen sind mit Birkenreisig geschmückt.

Zu Pfingsten gehört auch das Lied der Vögel in der Sonntagsfrühe, der starke Ton der Glocken, die zur Messe rufen. Hört die sirrenden Mücken über dem Fluss, den klatschenden Flug der Tauben, das Geknarr der Türen, den schlurfenden Schritt der Bäuerin auf der mittagsstillen Diele. Bald werden die Kirchgänger zurückkehren. Der Braten brutzelt auf dem Herd. Musik macht auch die Gabel, mit der die Magd den Schnee für die Biersuppe schlägt.

Hört die grapschenden Zungen der Kühe, hört den schwappenden Laut der Milchkannen, das Surren der Zentrifuge, den Ruf der Spottdrossel im Garten, das Gackern der Hühner, den rostigen Schrei der Gartenpforte, das Schnurren der Katze auf der Fensterbank. Hört das Geflüster der Liebenden…

Lauscht dem Gesumm der Bienen in den Rohododendronbüschen. Lauscht dem Hummelflug, den Forellensprüngen im Bach, dem Schilpen der Spatzen in der Dachrinne, dem Geläut der Fahrradklingel, dem stillen Weinen eines Kindes. Ein Habicht schreit über dem Hof. Am Horizont rumpelt ein Gewitter.

Vergesst nicht, der lärmenden Geschäftigkeit der Wespen zu lauschen, die das Zuckerzeug in den Kirmesbuden bedrängen. Hell peitschen die Kugeln der Schützenbrüder nach dem Holzadler. Das Durchladen der Gewehre, die pfeifenden Querschläger, das Aufklatschen der Bierflaschenverschlüsse, die Blasmusik im Zelt, die Stimmen der Damen, die sich in der Garderobe schön machen – wie das tönt in der Stille des Pfingstsonntags!
Überhört nicht das Gluckern der Quellen und Murmeln der Bäche im Wald, den Ruf des Kuckucks, das Gekecker der Eichkatzen, das Gurren der Wildtauben, die rauschenden Föhrenwipfel, den Schrei der Eichelhäher im Obstgarten, den Schritt des Spaziergängers durch knietiefes Gras. Überhört auch nicht die Stimme der Magd, die in ihrer Kammer von Liebe singt.

Ach, der Sturz des Wassers aus dem Mühlenteich über ein ruhendes Schaufelrad, der Fall eines Regentropfens in pludrigen Staub, bevor das Gewitter losbricht.

Dies alles ist Musik. Musik der Pfingsttage auf dem Lande, Musik des Sommers, Musik der Liebe. Wer darauf Acht hat, wird sich mit Lächeln füllen wie eine Frucht mit Reife.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.