Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Rache auf der breiten Wand“ (1962)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Die Wildwestfilme, die ja Amerikas großes Exportgeschäft sind, leben in der Hauptsache von dem Umstand, daß Indianer Strolche sind. In jedem Western schaut irgendwann ein verkommener Indianer um die Ecke, der soeben ein Pferd gestohlen oder eine Ranch angesteckt hat.

Die Rothäute sind übel dran. Sie müssen immer noch mit ansehen, wie ihresgleichen geschmäht, verdächtigt und umgebracht wird – auf der Leinwand, und die Musik spielt dazu. Es liegt daran, daß nicht die Indianer, sondern die Weißen diese Filme drehen und Handel damit treiben. Der Film rechtfertigt auf diese Weise den einseitigsten Krieg, der je geführt wurde, nämlich die Ausrottung der Ureinwohner Amerikas.

Aber die rote Rasse ist nicht ganz verschwunden. Der letzte Mohikaner lebt immer noch, und manchmal ist es auch ein letzter Sioux, der von sich reden macht, wie jetzt zum Beispiel ein gewisser Mister Stribling.

Dieser Mister Stribling ist ein waschechter Sioux und heißt daheim, in seinem Wigwam gewissermaßen, Großer Hirsch. Er ist vielfacher Dollarmillionär und bewohnt ein Haus mit mehreren Kühlschränken und zahlreichen Fernsehtruhen. Er badet regelmäßig in einem nierenförmigen Schwimmbecken mit Ölheizung, fährt mit dem  Straßenkreuzer ins Kino, kauft Aktien, stiftet Literaturpreise und lädt den Rektor der Universität zum Abendessen ein. Und dies kann er alles, weil er auf seinem Grundstück Öl gefunden hat.

Großer Hirsch ist ein gebildeter Mann, der die Würde eines ganzen ausgerotteten Volksstammes in sich aufbewahrt. Wenn ich ihm nachsage, daß er ins Kino geht, dann nur deshalb, weil er auf dem Laufenden bleiben will; denn Großer Hirsch päppelt eine Idee, und diese Idee hat Großer Hirsch gestern in die Tat umgesetzt. Er hat eine Filmgesellschaft gegründet, mit einem Kapital und einem Vorrat an Drehbüchern, die Mister Goldwyn-Mayer, als er davon hörte, erbleichen ließen.

In Mister Stribling, dem Ölmillionär, ersteht den Indianern Nordamerikas der Rächer; denn Mieter Striblings Gesellschaft will nur Filme herstellen, in denen nicht die Indianer, wie es in Hollywood üblich ist, sondern „die Bleichgesichter zu spät kommen“.

Endlich werden wir erfahren, wer in Amerika zuerst an Land gegangen ist, wer das Skalpieren erfunden und das Pferd gestohlen und die Ranch angesteckt hat. Endlich kommt die Wahrheit über den Tod der Büffel und die Schändung der Häuptlingsgräber ans Licht. Endlich kommt es heraus, wer wen mit Feuerwasser trunken gemacht und beraubt hat. Aus der Asche unzähliger Wigwams steht der Indianer auf, der sein Recht auf Heimat und Büffelfleisch verteidigt.

Wir werden die großen Häuptlinge der nordamerikanischen Rasse in abendfüllenden Monsterstreifen erleben. Sie werden keine Postkutschen und Banken überfallen. Sie werden keine Pferde und Kälber stehlen. Aber sie werden die goldgierigen Weißen verachten und zurückschlagen. Die Helden kommender Wildwestfilme heißen Sitting Bull und Rote Wolke und Chief Joseph und Locking Glass und Osceola, der große Krieger der Seminolen.

Was war es doch, was auf der New Yorker Pressekonferenz aufhorchen ließ? Mister Stribling sagte: „In den Filmen meiner Gesellschaft werden die Bleichgesichter zu spät kommen!“ Es ist anregend, darüber nachzudenken, welche Folgerungen sich aus diesem Satz ziehen lassen.

Was mich als Filmbesucher angeht, so gestehe ich offen, daß ich schadenfroh bin und daß ich mich über diese späte Rache auf der breiten Wand freue.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022
Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022