Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Schicksal in großen Buchstaben“ (1965)

Bernhard Schulz
Schicksal in großen Buchstaben (1965)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Wie war das vor zwanzig Jahren? Wie war das an jenem Tag, als ich aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft in meine Vaterstadt heimkehrte? Wir waren in Front zu drei Gliedern angetreten, an die hundert Mann, ein Haufen zerlumpter Gefangener. Unsere Wachmannschaften hatten sich entfernt. Die Lastwagen hatten kehrtgemacht. Die Gefangenschaft war zu Ende. Die Stadt hatte einige ihrer Söhne wieder. Kameraden, was nun?

Großartige Söhne waren wir, und es sah nicht danach aus, als hätte jemand damit gerechnet, uns lebendig wiederzusehen: feldgraues Gewimmel, Flieger in blau und Panzerfahrer in schwarz, blutjunge Arbeitsdienstler dazwischen.

Ein Mann trat aus einer Baracke und las Namen aus einer Liste vor. Die Aufgerufenen traten einen Schritt vor. Der Mann setzte ein Häkchen hinter den Namen. Der Mann war die Vaterstadt und das Heimatland. Er war Oberbürgermeister, Regierungspräsident, Landesvater und Ehrenjungfrau. Er war Fahnenabordnung, Sprecher der Parteien, Haupt der Wohlfahrtsbeamten und Haupt der Wiedergutmachungskommission. Er war alle Personen in einer Person, alle Ämter in einem Amt, alle Würden in einer Würde. Ein dürres Männchen mit geflickter Hose und Krankenkassenbrille auf der Nase. Das Männchen war nicht einmal darauf gekommen, sich zur Begrüßung der verlorenen Söhne eine Blume ins Knopfloch zu stecken.

Das Männchen gab mir den Entlassungsschein. Er trug meinen Daumenabdruck und den ärztlichen Vermerk UNFIT. Ich konnte gehen. Aber wohin gehen? He, Alter, wer lebt den noch von den Menschen, die ich verlassen habe, als ich auszog, um zu siegen? Lebt meine Frau noch? Lebt meine Mutter noch, mein Vater, meine Schwester, mein Bruder? Lebt die Tante noch, der Onkel, der Nachbar?

Auf meinem Entlassungsschein stand MARRIED, das war nicht gelogen. In NUMBER OF CHILDREN hatte ich KEINE eintragen lassen, aber das war vielleicht doch gelogen. Ich hatte seit einem Jahr keine Nachricht mehr erhalten.

Entlassen. Ich war entlassen. Kein Stacheldraht hinderte mich mehr. Kein Maschinengewehr war auf meinen Kopf gerichtet. Kein Posten drohte mit dem Knüppel. Der Sieger ließ mich laufen. LET’S GO, DAMNED BLOODY NAZIBOY, auch das in großen Buchstaben, in BLOCK LATIN CAPITALS, wie es die Vorschrift zur Ausfüllung des Formulars befahl, und mitgegeben hatten sie mir ein Paar Socken und acht Stück Seife der Marke LUX, von der Gloria Swanson begeistert war. LET’S GO.

Ich bin nie in meinem Leben und bei keiner noch so verdammten Gelegenheit langsamer gegangen als an diesem Tag. Ich zog in eine zerbombte, durchlöcherte, verbrannte, verratene, entvölkerte, verarmte Stadt. Auf meinem Rücken stand in weißen Buchstaben PoW, das hieß PRISONER OF WAR, Kriegsgefangener, ich war gezeichnet, und ich kannte niemanden, der reich genug war, mir einen Anzug zu schenken. Meine Beute aus sechs Jahren Waffendienst, mein Anteil am Feldzug durch Polen, Frankreich und Rußland, meine Beute, mein Verdienst, mein Lohn, mein Volksvermögen, mein Kapitalzuwachs, meine Ersparnisse waren ein Paar olivfarbene Socken und acht Stück Seife mit dem Porträt von Gloria Swanson. LET‘S GO.

Ich erinnere mich, daß es anfing zu regnen und grau zu werden. Ich ging immer noch langsam. Ich hatte Angst. Es war nicht deshalb, weil ich Tote gesehen hatte, viele Tote, mit denen ich weder verwandt noch verschwägert war. Aber wer zählte in meiner Familie zu den Toten?

Ich blieb stehen und entfaltete den Entlassungsschein. CERTIFICATE OF DISCHARGE stand da, und ein gewisser Harry La Bow Capt. C.M. hatte unterschrieben. Thank you, Captain. Die AMT, American Military Troops, haben meinen Ehering und die Armbanduhr genommen, ich will’s vergessen, aber sie haben mir die Socken und acht Stück Seife gelassen, um darauf das neue Leben aufzubauen. LET’S GO.

Das neue Leben bestand zunächst aus einer Ruine. Hier hatten die Eltern gewohnt. Auf Pappe stand in der Küche meiner Mutter zu lesen, daß die Eltern in einem Ort namens Hunteburg wohnten. So war das heute. So benachrichtigte man einander, auf Pappe und auf Stein, hinter verbrannten Türen. Tante Mentrup ist tot, stand da.

Ich taumelte weiter. Ich spürte Hunger. Aber ich besaß weder Geld noch Lebensmittelmarken. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie das hier weitergehen würde. Meine Frau hatte ich zuletzt in Berlin gesehen. Wir hatten dort eine Wohnung gehabt. Wohin sollte ich fahren? In jenen Ort namens Hunteburg? Nach Berlin? Fuhren schon Züge? Durfte ich die Stadt, die mich aufgenommen hatte, überhaupt verlassen?

Da erbarmte sich meiner der Engel der entlassenen Kriegsgefangenen und schickte mir die Tante Anna über den Weg, und die Tante Anna sagte, daß meine Frau aus der sowjetisch besetzten Zone geflohen und in der vergangenen Nacht wohlbehalten bei den Eltern angekommen sei. „Mit Sabinchen“, fügte Tante Anna hinzu.

„Wer ist das?“ fragte ich..

„Wer Sabinchen ist? Das weißt du nicht? Ach, du lieber Himmel…das ist deine Tochter!“

Ich war langsam gegangen, weil ich Angst gehabt hatte. Auch war ich der Freiheit entwöhnt. Stacheldraht und Wachtposten hatten mich zur Vorsicht erzogen. Aber jetzt fing ich an, schnell zu gehen. Ich lief. Ich kannte ja das Ziel. Ich wußte, daß ich angekommen war. Daß ich zuhause war. Daß es weitergehen würde. Irgendwo. Irgendwie. In dieser Stadt.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022


Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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