Donnerstag, 22. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Und weiterhin alles Gute“ (1965)

Bernhard Schulz
Und weiterhin alles Gute“ (1965)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Der Tag, an dem ich geboren wurde, war ein Ostersonntag. Es war ein Morgen voller Glockengeläut, Amselruf und Narzissenduft. Ich hatte mir die Nabelschnur dreimal um den Hals geschlungen. Ich wollte nicht raus, ich wollte die Zukunft erst gar nicht anfangen, ich wollte zurück ins Nichts. Aber die Hebamme, die Melanie Meyerbeer hieß, prügelte mich mit fester Hand ins Dasein. Und da lag ich nun im Geläut der Osterglocken, siebeneinhalb Pfund schwer und quittegelb, ausgesetzt den Strapazen gymnasialer Bildung, militärischer Erziehung und trickreichen Broterwerbs.

An jenem Morgen, an dem mein Geburtstag beginnt, geschieht zunächst gar nichts. Keine Glocke läutet – jedenfalls nicht mir zu Ehren, kein Kanonenschuß hallt, kein Gesangverein tritt an, kein Trompeterchor marschiert auf, kein Telegrammbote klingelt, kein Blumenfräulein gibt Rosen ab, niemand sagt ein Gedicht auf. Auch der Rundfunk rührt sich nicht, obwohl das Glückwunschkonzert für unsereinen die einzige Chance darstellt, einmal öffentlich erwähnt zu werden. Ich höre mir die Namen zahlreicher Geburtstagskinder an, denen das Rundfunkfräulein zu ihrem großen Tag Glück und Gesundheit und weiterhin alles Gute wünscht. Heimlich hoffe ich jedes Mal, das Rundfunkfräulein möge auch meinen Namen aussprechen, aber es ist von Jahr zu Jahr eine Enttäuschung.

Erst der Postbote trägt die Nachricht von meinem Geburtstag in die Wohnung. Meine Mutter hat geschrieben. In ihrem Herzen bin ich immer noch ihr »liebes Kind«, obwohl ich gar nicht erwachsener sein könnte, als ich es zur Zeit bin. Gerade heute wird mir dieser Umstand wieder bewußt. Niemand hat an mich gedacht, nur die Mutter.

Sie wird den Tag der Geburt ihres Kindes nie vergessen. Sie kann sich an jede Einzelheit erinnern, die mit dem Zur-Welt-Kommen ihres Kindes zusammenhing. Ihr Glückwunsch kommt immer pünktlich an.

»Mein liebes Kind«, schreibt sie, »ich gratuliere dir, bleibe gesund, und weiterhin alles Gute.« Jedesmal fügt sie hinzu: »Ich bete für dich.«

Als ich noch daheim war, erzählte mir die Mutter an jedem meiner Geburtstage, daß sie an jenem Tag glücklich gewesen sei wie später nie wieder in ihrem Leben. Es war, als ich geboren wurde, ein herrlicher Frühlingsmorgen. Der Tag war gerade erwacht, durch das geöffnete Fenster duftete es nach Linden und Klee, eine Amsel sang im Birnbaum, und der Himmel über dem kleinen Dorf, in dem meine Eltern wohnten, hing voller Lerchen.

Ja, sie zählte so geringfügige Beobachtungen auf wie diese, daß der Apotheker nebenan früh aufgestanden sei, um den Kies auf dem Weg in seinem Garten zu harken. Dann kamen mit dem wachsenden Tag das Gurren der Tauben hinzu, das Geläut der Glocken, die zur Frühmesse riefen, der Klang von Pferdehufen auf dem Pflaster, Gezwitscher der Schwalben im Giebel der alten Scheune und das einfältige Gebrabbel der Hebamme, die der jungen Mutter versicherte, ein schöneres und klügeres Kind sei nie geboren worden.

Heute erinnere ich mich mit Vergnügen dieser Schilderung. Ich wohne in einer Großstadt, und ich kenne niemanden, den ich fragen kann, ob es auf dem Lande noch Linden gibt und ob dort Apotheker leben, die frühmorgens den Kies in ihrem Garten harken.

Wenn ich mir überlege, wie es weitergegangen ist in meinem Leben, dann bin ich mir sicher, daß es an dem Morgen meiner Geburt geregnet hat, der Himmel war grau wie Schiefer, und der Apotheker hatte Rheuma, so daß er überhaupt nicht aufstehen konnte, um zu harken.

Aber in der Erzählung meiner Mutter klang alles viel großartiger, und dafür danke ich ihr.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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