Bernhard Schulz
Diesmal bitte keine Geschenke (1965)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Die Mutter kam mit dem Zug um 15.30 Uhr, obwohl sie geschrieben hatte, dass sie an Migräne leide und am Heiligen Abend nicht dabei sein würde, und sie schaute auch sofort in alle Ecken und sagte, „Habt ihr denn keinen Baum? Es wird Zeit, die Bescherung vorzubereiten“‘. Bisher hatte Frau Eberle immer in der Familie ihrer einzigen Tochter das Weihnachtsfest verbracht.

„Mutter, wir haben diesmal keinen Baum“, sagte die Tochter, „es tut mir leid. Es ist so, dass die Kinder beschlossen haben, auf den Baum und auf die Geschenke zu verzichten. Sie haben sich in den Kopf gesetzt, sozialistische Weihnachten zu feiern. Das ist jetzt Mode.“

Frau Eberle ließ sich schwer in einen Sessel fallen. Die Tochter stand da, mit einem Rohr in der Hand, das zum Staubsauger gehören mochte, und es war offensichtlich so, dass bei ihrer Mutter von Migräne keine Rede war und Weihnachten in der alten Weise gefeiert werden sollte.

„Sozialistische Weihnachten“, murmelte die alte Dame, „Edith, was ist das?“ Dann begann sie zu weinen, lautlos wie ein Kind, und alle wussten, dass sie bis zur Abfahrt des Zuges am Nachmittag des zweiten Weihnachtstages nicht aufhören würde, lautlos wie ein Kind zu weinen. „Und was fange ich mit den vielen Geschenken an“, jammerte sie, „da gibt man nun sein ganzes Erspartes aus und sieht nicht einmal einen brennenden Lichterbaum.“

Und nun geschah das, was der Hausherr vorausgesehen hatte: Die Kinder nahmen ihren Entschluss zurück. Herr Köster war, wenn man zugrunde legte, dass Bescherungen gewöhnlich um achtzehn Uhr eröffnet werden, jetzt derjenige, der herumlaufen musste, um jenes letzte Bäumchen zu finden, das irgendwo stehengeblieben war, weil es zu schäbig gewesen war, um geschmückt zu werden. Obwohl auch er immer gesagt hatte, der christliche Gedanke werde durch den Zwang, Geschenke zu machen, herabgesetzt, schwor er sich, niemals wieder in Sozialistisches einzuwilligen, was auch immer das bedeuten mochte.

Herr Köster machte sich auf den Weg zum Gärtner in der Vorstadt, indes seine Frau und die beiden halberwachsenen Söhne in der Küche berieten, was man der alten Dame schenken könnte und wie in Gottes Namen das Fest überhaupt zu retten sei. „Wetten, dass die ’n Koffer voll Brillanten mitgebracht hat“, meinte Richard, auf den es in der Hauptsache zurückfiel, dass sie beschlossen hatten, auf Geschenke zu verzichten.

„Du mit deinem Sozialismus, maulte Norbert, am Heiligen Abend haut das nicht hin. Ich habe nichts gegen Geschenke.“

„Ich auch nicht“, sagte die Mutter, die bei den Wort Brillanten die Ohren gespitzt hatte, „da haben wir uns ja schön was eingebrockt!“ Frau Köster wusste, dass nicht nur die Liebe, sondern auch der Sozialismus durch den Magen geht, und sie hatte gottlob eine Gans in der Bratröhre und einen Schokoladenpudding in der Speisekammer. Was sie selbst anging, so war sie von Anfang an gegen sozialistische Weihnachten gewesen, und sie hatte weder der Migräne ihrer Mutter noch der Standhaftigkeit ihrer Söhne getraut.

Heimlich hatte sie für jeden Angehörigen ihrer Familie ein Geschenk besorgt, und sie wusste, dass auch ihr Mann es so gehalten hatte.

Herr Köster hatte Glück. Der Gärtner kannte eine Familie, die vorzeitig Bescherung gefeiert hatte, weil man verreisen wollte, und den Lametta behangenen Baum fanden sie im Garten, er war so gut wie neu. Es stellte sich heraus, dass der Gärtner ein Mann mit Beziehungen war. Er rief bei einem Kegelbruder an, der ein Lebensmittelgeschäft betrieb, und in diesem Laden kauften sie an Spekulatius, Pfeffernüssen, Schokolade, Marzipan und Gummibonbons auf, was übriggeblieben war.

Als die Glocken den Heiligen Abend einläuteten, putzte Herr Köster das Bäumchen, verteilte die Süßigkeiten auf Teller, legte die Geschenke unter den Baum und griff – Klingellingeling – zum Glöckchen, wie er es in all den Jahren zuvorgetan hatte, nur, dass es an diesem sozialistischen Abend eiliger geschah.

Die Gans war zart und mit Rosinen gefüllt. Es wurde ein glücklicher Abend, und hinterher verstand niemand mehr, aus welchem Grund sie dies alles hatten ablehnen wollen. Am wenigsten erinnerten sich die Söhne, die sich am Schokoladenpudding überaßen, und auch das war, wie es immer in dieser kapitalistischen Familie Köster gewesen war.

 


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021