Bernhard Schulz
Ein Haus aus Schokolade (1961)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Unter den Gegenständen, die dem Chef zur Vollendung seines fünfzigsten Lebensjahres geschenkt wurden, befand sich ein Haus ganz aus Schokolade. Das heißt, nur das Fundament und die Außenwände waren aus Schokolade, die Fenster bestanden aus Nougat, das Dach aus Marzipan und innen war das Gebäude mit dem feinsten Biskuit gefüllt.
Es war eine Nachbildung des achtstöckigen Verwaltungsgebäudes, das Generaldirektor X vor drei Jahren hatte erbauen lassen. Die Herren in seiner Umgebung und vor allem das Fräulein Generalsekretärin wussten, dass im Schreibtisch des Chefs nicht nur Zigarren und Whisky aufbewahrt wurden.
„Er nascht“, gestand sich das Fräulein vor Verwunderung ein, als es Stanniol im Papierkorb des Chefs fand. Anfangs hatte sie sich den leitenden Herrn eines Werkes, das eintausend Arbeiter beschäftigte, nur mit Zigarre und Cognacglas vorstellen können. Dann erfuhr sie mit der Zeit, dass der Chef sogar Erfindungen machte im Reich der Süßigkeiten.
Der Chef war im Nebenberuf eine Art Bonbonkocher. So hatte er zum Beispiel angeregt, Pralinen mit Birnenschnapsfüllung herzustellen und Ananas mit einer neuartigen Nougatmasse zu überziehen. Mitarbeiter, die er schätzt und selbstverständlich auch das Fräulein Generalsekretärin, pflegte er dadurch auszuzeichnen, dass er ihnen statt Alkohol Süßigkeiten anbot.
Dieser Umstand hatte die von ihm bevorzugten Angestellten auf die Idee gebracht, das achtstöckige Verwaltungsgebäude beim ersten Konditor der Stadt als Naschwerk in Auftrag zu geben.
Das dreißig Kilo schwere Haus wurde bei der Geburtstagsfeier von vier Gesellen in das Konferenzzimmer getragen, was bei den zur Gratulationscour erschienenen Gäste törichten Jubel hervorrief. Nun war also die heimliche Sünde des Direktors offenbar geworden; das Geschenk hatte ihn als Leckermaul entlarvt.
Die Gattin schämte sich richtig ein bisschen und daheim sagte sie:
„Ein Haus ganz aus Schokolade? Das wird deiner Autorität schaden!“
Die Schokolade schadete nicht. Im Gegenteil. Das achtstöckige Knusperhaus macht den Chef so menschlich. „Wird er es essen?“ fragte man sich und: „in wieviel Monaten wird er es schaffen – und wie dick ist er dann?“ Man schloss Wetten ab und erkundigte sich täglich bei der Vorzimmerdame, bis zu welchem Stock sich der Direktor hinabgeknabbert habe.
Er knabberte überhaupt nicht. Er rührte das Haus nicht an, obwohl es aus feinster Schokolade und bestem Biskuit bestand. Es thronte jetzt schon sechs Tage im Konferenzzimmer und wurde allmählich altbacken. Besprechungen fanden nicht mehr statt. Der Chef machte Pause. Er stand vor dem Knusperhaus und seine rechte Hand schloss sich in der Tasche um ein Messer. Er wagte es nicht.
Er wagte nicht, das Haus zu zerstören, das er gebaut hatte.
Sein Herz rebellierte gegen die Zumutung, das Abbild seines Lebenswerkes aufzuessen, seine Stockwerke zu vernaschen und die Arbeitsräume zu verschlingen.
Er tippte mit dem Finger gegen das Fenster, hinter dem sein Arbeitsplatz lag. Dort plante, telefonierte und diktierte er. Dort hatte er seine besten Einfälle. Dorthin lockte er die großen Aufträge. Dort war er Brotherr und Respektsperson.
Dort handelte er.
Und er wollte auch diesmal handeln. „Verbinden Sie mich mit dem Waisenhaus“, befahl er. „Kann ich die Frau Oberin sprechen? Am Apparat? Hören Sie zu: Haben Ihre Jungen Appetit auf Schokolade? Gut. In einer Stunde ist das Zeugs da. Kein Dank nötig …“
Bevor im Waisenhaus das Abendessen aufgetragen wurde, war von dem achtstöckigen Haus aus Schokolade kein Krümel mehr vorhanden.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021