So, 5.12.2021

Der VfL Osnabrück verliert 1:2 gegen den 1. FC Heidenheim und somit sein achtes Spiel in Folge …

Der VfL verliert sein achtes Heimspiel und sein achtes Punktspiel in Folge, und das nicht unverdient gegen einen spielerisch besseren Gegner aus Heidenheim.
Die Trainerentlassung hat also bislang noch nichts bewirkt, auch wenn der VfL sich nie aufgegeben hat.

Vor dem Spiel …

… die Entlassung von Trainer Grote am vergangenen Montag überschattete alle weiteren Ereignisse der vergangenen Woche – hier mein Kommentar zur Entlassung. Der Amtsantritt des sympathischen neuen Geschäftsführers Michael Welling ist dabei etwas zu kurz gekommen, aber wir werden von ihm in nächster Zeit sicherlich einiges zu hören bekommen. Sein Engagement wirkt nicht aufgesetzt und er bringt den notwendigen Hauch Begeisterung mit, der bei Fans schon jetzt sehr gut ankommt.
Am Freitag wurde dann der sonstige U19- und jetzige Interimstrainer Florian Fulland vorgestellt, der gerade mitten in der Ausbildung zum Fußballlehrer steckt. Er machte einen gefassten und konzentrierten Eindruck, verriet aber nichts von der heutigen Aufstellung. Die üblichen Floskeln wie „wir dürfen nur auf uns schauen“ oder „von Spiel zu Spiel denken“ beherrscht er aber auch schon ohne die Bundesliga-Trainerlizenz.
Nach all den Pleiten, Pech und Pannen der letzten Wochen darf man einfach gespannt sein, ob der Trainerwechsel die gewünschte Reaktion bei den Spielern hervorrufen kann. Und man darf auf die Aufstellung gespannt sein …
… die gerade von René Kemna verteilt wird. Die erste Überraschung dürfte sein, dass Marc Heider zum ersten Mal in der Startelf steht und Taffertshofer auf der Bank sitzt.
Bei Heidenheim ersetzt Pick den gelbgesperrten Burnic.

Beginn …

Schiedsrichter Robert Kampka aus Mainz pfeift pünktlich um 13.00 an. Anstoß haben bei 15 Grad und herrlichstem Frühlingswetter die ganz in Weiß angetretenen Gäste, die zunächst in Richtung Ostkurve spielen.
Gleich zu Beginn krachen bei einem Kopfballduell Denis Thomalla und Koka Engel zusammen und stürzen beide unglücklich auf den Rasen. „KK firmus wünscht gute Besserung!“ leuchtet es auf der Anzeigtafel auf
. Bin ich eigentlich der einzige, der diese Art von Werbung abscheulich findet? Beide Spieler können zum Glück zumindest zunächst weiterspielen. 
In der siebten Minute zieht Florian Pick aus spitzem Winkel ab und der Ball kracht gegen den kurzen Pfosten. Der erste große Schreckmoment für den VfL.
Ansonsten ist es ein ziemlich hektischer Beginn auf beiden Seiten. In der 14. Minute flankt Kerk von links in den Torraum, aber Heider steht ungünstig und verstolpert den Ball.

Nach einer Viertelstunde …

… bleibt das Spiel auf beiden Seiten immer noch etwas zerfahren. Beide Mannschadften stören den Gegner früh, doch der VfL kommt allmählich besser ins Spiel.
In der 18. Minute muss Thomalla doch noch vom Platz und wird durch Geipl ersetzt.
Ein Schuss von Kerk in der 19. Minute stellt für Müller zwar kein Problem dar, doch nur zwei Minuten später muss er sich nach einer Kerk-Ecke und dem Kopfballaufsetzer von Beermann schon mehr strecken.
Es wird auf beiden Seiten verbissen um jeden Ball gekämpft und es kommt kaum zu Torszenen. In der 35. Minute foult Trapp den Reinheimer Kleindienst am rechten Strafraumeck und erhält die gelbe Karte, der anschließende Freistoß bringt keine Gefahr.
In der 38. Minute eine schöner Angriff des VfL: Ludovit Reis setzt Marc Heider auf der linken Seite ein, der zieht das Leder nach innen, wo Sebastian Kerk trotz Bedrängnis zum Kopfball kommt, der allerdings links am Tor vorbeigeht.
In der 42. Minute dann das 1:0 für Heidenheim. Rittmüller flankt vom rechten Strafraumeck präzise auf Kleindienst, der hinter Ajdini an den Ball kommt und ihn unhaltbar mit dem Kopf im Osnabrücker Tor versenkt.

Halbzeitfazit:

Es ist schwierig, dem VfL Vorwürfe zu machen. Heidenheim ist das reifere Team und konsequenter im Angriff als der VfL. Die Angriffe des VfL bleiben in der Ausführung zu harmlos, aber das Spiel ist noch lange nicht entschieden.

Tipp: Die Halbzeitgedanken sind eine Melange aus Hintergrundinformation und Kommentar. Wem das Lesen der Halbzeitgedanken zu mühselig oder gar zu informativ ist: Ganz einfach weiter nach unten scrollen, dort geht es dann mit dem aktuellen Spielbericht weiter.

Halbzeitgedanken:
Mit dem Industriestädtchen Heidenheim verbinden die meisten Menschen mit Ausnahme des ortsansässigen Zweitligisten 1. FC wohl nur wenig. 50.000 Einwohner verteilen sich auf 107 km². Platz ist also genug da, um dort Fußball spielen und ein kleines, feines Stadion bauen zu können. Voith-Maschinenbau und die Hartmann-Verbandsstoffe sind die größten Unternehmen in der Region, die sich beide beim FC nicht nur engagieren, sondern auch die Vereinspolitik bestimmen.
Etwas Erfreuliches: Bei der Kommunalwahl 2019 erzielte die AfD gerade mal 1,1 % und ist damit nicht im Stadtrat vertreten.
Als stärkste Partei gingen die Grünen mit 23,6 % hervor, gefolgt von der CDU 22,74 %, den Freien Wählern 21,23 % und der SPD 20,09 %
. Die Linken erhielten 5,84 %, die FDP 3,1 % und die DKP 2,29 %.
Bernhard Ilg (CDU) ist seit 2000 Oberbürgermeister der Stadt.

Gar nicht mal so abwegige Halbzeitgedanken:
Den 1. FC Heidenheim gibt es mitsamt der Vorgängervereine seit 1846, Fußball gespielt wird dort aber erst seit 1911. Das 1970 von der Stadt errichtete “Albstadion” fast heute 15.000 Zuschauer und entspricht auch sonst ganz brav den Wünschen der DFL und seines Hauptsponsors Voith.
2007 wurde das Leitbild des 1. FC Heidenheim 1846 e.V. entwickelt. Falls man nun glaubt, es gehe dabei um gesellschaftliches Engagement und Positionierung gegen Rassismus, Rechtsradikalismus und Homophobie sieht man sich gewaltig enttäuscht. Dieses Tschaka-Tschaka-Leitbild hätte auch von Oswald Metzger oder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nicht schrecklicher formuliert werden können.
Heidenheim mag auf den ersten journalistischen Scheuklappenblick durchaus recht sympathisch und anheimelnd wirken, ist aber am Ende von Projekten wie Hoffenheim oder Red Bull Leipzig nicht weit entfernt.

Rückwärtsgerichtete Halbzeitgedanken mit sehnsuchtsvollem Blick nach vorn:
2019/20 fand das erste Zweitligaspiel nach dem Aufstieg an der Bremer Brücke gegen den 1. FC Heidenheim statt. Damals schrieb ich: 

Foto: Violet Crew

In absoluter Bestform präsentierten sich alle Kurven: Das war eine wunderbar aufgeregte Stimmung wie beim Pokalfight gegen den HSV. Als nach einer halben Stunde eine Getränkepause eingelegt wurde, zeigten sich die zumeist völlig zu Unrecht gescholtenen Ultras voll auf der Höhe der Zeit und entrollten zwei Banner gegen die rechtsradikale „Identitäre Bewegung“.

Etwas abwegige, aber ausgesprochen aufwühlende Halbzeitgedanken:
Im Heidenheimer Stadtteil Schnaitheim erinnert seit 1971 die Georg-Elser-Anlage mit Gedenkstein und einer Tafel mit Porträt und den Lebensdaten an den Hitler-Attentäter Georg Elser, der aus der Arbeiterbewegung kommend als Einzelkämpfer den von ihm vorhergesehenen Krieg mit der Tötung Hitlers verhindern wollte.
Georg Elser hätte also beinahe die Welt verändert: 1939 wagt er einen Bombenanschlag auf Adolf Hitler, der nur knapp misslingt. Beim Versuch, in die Schweiz zu fliehen, wird er festgenommen. Es folgen tagelange Verhöre und schwere Folter. Nach fünf Jahren Haft in den KZs Sachsenhausen und Dachau wird Elser hingerichtet.
In Rückblenden behandelt der Film Georg Elser – einer aus Deutschland das frühere Leben Elsers, seine Liebe zu Elsa, seine Sprachlosigkeit angesichts der Verhaftung seines Freundes und der öffentlichen Demütigung einer Frau, die mit einem Juden eine Beziehung hat.

Der VfL wechselt zur zweiten Hälfte … 

… für den womöglich angeschlagenen Koka Engel kommt Lukas Gugganig ins Spiel. 
Gleich zu Beginn eine Chance für die über rechts kommenden Heidenheimer, doch Schöppners 20-Meter-Schuss stellt für Kühn kein Problem dar.
In der 51. Minute dann das 2:0 für Heidenheim. Zuvor pariert Kühn noch einen Ball zur Ecke, aus der schließlich der Angriff zum zweiten Heidenheimer Tor entsteht. Irgendwann kommt Kleindienst vor dem Osnabrücker Strafraum an den Ball, spielt auf den  linken Fügel auf Theuerkauf und dessen Flanke kann Hüsing mit einem wuchtigen Kopfball zum 2:0 für Heidenheim verwandeln.
Wenig später eine Chance für den VfL. Schmidt zieht nach Flanke von Kerk direkt ab, aber Müller ist auf dem Posten.

Nach 60 Minuten …

… gibt sich der VfL noch nicht geschlagen und kommt fast zum Anschlusstreffer, als Sessa Ajdinis Flanke nicht richtig klären kann und und Heiders Schussversuch geblockt wird. In der 64. Minute wieder ein guter Angriff des VfL: Ajdini schickt Müller, der den Ball aus zwölf Metern knapp am langen Pfosten vorbeizieht. Das wäre es gewesen!
Nach diesem kurzen Aufbäumen kommen die Heidenheimer zwar wieder besser ins Spiel, aber der VfL kämpft verbissen um den Anschlusstreffer.
In der 87. Minute ist es dann tatsächlich soweit. Den Eckball von Kerk schießt Beermann aus zehn Metern direkt aufs Tor. Santos fälscht den Ball unhaltbar links ins Tor ab. 

Fazit:

Der VfL verliert sein achtes Heimspiel und gleichzeitig sein achtes Punktspiel in Folge, und das nicht ganz unverdient gegen einen besseren Gegner aus Reinheim, der auch keine Bäume ausriss. Das große Zittern im Abstiegskampf hat dennoch eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nächste Woche geht es zum Mitkonkurrenten um den Klassenerhalt nach Sandhausen.

ZAHLEN | DATEN | FAKTEN

Zuschauer: keine, nur 500 schwerentflammbare Pappkamerad_innen der NOZ 

Tore:
0:1 Kleindienst (42.) 
0:2 Hüsing (50.)
1:2 Santos (87.)

Gelbe Karten:
(16.) Reis
(35.) Trapp
(70.) Beermann

VfL Osnabrück:
Kühn – Ajdini (85. Multhaup), Beermann, Trapp, Engel – Blacha, Reis (69. Bapoh) – Müller (69. Santos), Schmidt, Kerk – Heider (69. Henning)
Trainer: Florian Fulland

1. FC Heidenheim:

Müller – Rittmüller, Mainka, Hüsing, Theuerkauf – Sessa, Schöppner – Pick (69. Mohr), Thomalla (18. Geipl) – Kleindienst, Kühlwetter (91. Schimmer)
Trainer: Frank Schmidt

Schiedsrichter:  Robert Kampka (Mainz)


Statistik: Vor dem heutigen Spiel trafen die beiden Mannschaften elfmal aufeinander. Dabei gab es vier VfL-Siege, vier für Heidenheim und drei Spiele gingen unentschieden aus.
Details zur Statistik gibt es auf fussballdaten.de.

Tabellarisches

Vor dem heutigen Spieltag stand der VfL mit einer Durchschnittsnote von 3,46 auf dem achten Platz der Kicker-Formtabelle, wohingegen die Reinheimer mit der Note 3,42 Tabellensechster sind. Tatsächlich spielte der VfL als 15. des 21. Spieltags gegen den Tabellenachten aus Reinheim.

Über den Autor
Kalla Wefels Saisonrückblick 2019/20 erschien im aufwändigen A-4-Format und ist unter anderem bei Bücher Wenner erhältlich. Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in seinem Vorwort: “Herausgekommen ist ein großartiges Saisonbuch. Eigentlich ist es weit mehr als das …” Um die Spielberichte herum ranken sich Reportagen, “Halbzeitgedanken”, Hintergrundberichte, Fankommentare und Kolumnen. 160 Seiten A-4-Format / 12,00 € Kalla saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär.
Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit „Der VfL in der Saison 2019/20“ hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit rund fünfzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Buchautor sowie als Kabarettist und Musiker.

Stadt und Landkreis Osnabrück informieren:

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