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Montag, März 1, 2021

Kultusminister warnen vor Gewöhnungseffekt …

Kinder interessieren in Politik und Gesellschaft gewohnheitsmäßig eigentlich nur dann, wenn sie stören oder man sie instrumentalisieren kann.

Aber plötzlich drängelt alles und jeder in die Lichtkegel der medialen Theaterspots, um zum Kindeswohl die Schulöffnungen zu fordern. Kinder würden Schaden nehmen, wenn sie nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, da sie sonst sozial verkümmern und in der Fernlehre zu viel Unterricht ausfallen würde.
Sozial verkümmern?
Kinder?
In welchem Jahrhundert leben diese Mahner? Ist denen schonmal aufgefallen, dass Kinder schon volldigital sozialisiert waren, bevor Kultusminister das Wort Fernlehre buchstabieren lernten? Kinder, ich klär mal auf: Das sind diese Wesen am anderen Ende des ewig präsenten Smartphones, selbst bei den ansonsten nicht nur medial eher ungeimpften Waldörflern. Kinder vereinsamen nicht, wenn man sie ein paar Monate aus dem Präsenzunterricht nimmt. Die vereinsamen heutzutage, wenn man ihnen die Smartphones wegnimmt, weil man sie damit effektiv von jeglicher Kommunikation innerhalb ihrer Altersgruppe abschneidet. Niemand verlangt das.

www.guidos-welt.de

Und Stundenausfall durch Probleme bei der Fernlehre? Echt jetzt? Wo waren diese Streiter für eine bessere Schule eigentlich, als Studien ergaben, dass in Deutschland im Schnitt 10% des Unterrichts ausfallen. Ich darf mal für die Matheschwachen übersetzen: dass also bis zum Abitur von dieser Gesellschaft als ganz normal weitgehend unwidersprochen akzeptiert 1,25 Jahre (!) ausfallen.
Im Schnitt!
Das heisst es gibt mitunter Schulen und Schüler, die deutlich mehr Ausfälle erleben und die trotzdem ihr Abitur schaffen und erfolgreich ins und durch das weitere Leben gehen.n
Wo waren diese Menschen, als man von den mangelhaften Austattungen, Einrichtungen, der Hygiene und baulichen Mängeln erfuhr? Wo waren die, als wir unser Vokabular um Alltagsbegriffe wie Bildungsmisere und Brennpunktschulen erweitern durften?

Wären Kinder wirklich unser Interesse, die Bildungsressorts wären Sprungbretter und keine politischen Abstellgleise, auf denen man Hinterbänkler, die man irgendwie versorgen muss, parkt, weil man annimt, dass sie dort weniger Schaden anrichten als im Wirtschaftministerium.
Und genauso verhalten die sich auch mit und ohne Corona oder wie will man den föderalen Irrwitz teilweise vollständig inkompatibler Bildungslandschaften auch anders erklären? Länderübergreifende Ausbildungsstandards, Infrastruktur, Sachmittel und Hilfen für LehrerInnen und Einrichtungen gibt es oft ebensowenig wie Seife auf den Klos und an manchen Schulen phasenweise nicht einmal die. Und aus der jetzt von überall tönenden ach so großen Sorge um das Kindeswohl hat man es tatsächlich geschafft, in über einem Jahr Corona gerade mal Lüftungspläne statt Filteranlagen anzuschaffen.
En plus warnen alle Experten bis hoch zur Weltgesundheitsorganisation dringend davor, die Schulen zu öffnen. Ok, mein Fehler, zugegeben: alle Experten außer Schiffman, Streeck und Attila Hildmann.
Sämtliche Studien zeigen, was eigentlich jedem halbwegs denkenden Wesen und jedem Menschen, der schon mal mit Kindern zu tun hatte, ohnehin sonnenklar ist: Willst Du eine Infektion verbreiten? Dann schick sie in die Schule. Und wenn das an Verhinderungsgründen noch nicht reicht, belegen alle verfügbaren Zahlen, dass wir am Anfang der dritten Welle mit einem bereits aus England erschreckend bekannten, deutlich ansteckenderen Virus stehen. Wenn es also einen Zeitpunkt gibt, zu dem man nach allem Kenntnisstand von heute eine Pandemiewelle richtig befeuern kann, dann ist das genau jetzt, da wir vorgeblich zum Kindeswohl die Schulen öffnen.
Ein Zeichen von Bildung im Sinne von klug kann es also schon mal ebensowenig sein, wie es auch nicht aus einer vielleicht nett gemeinten, aber unreflektierten Gewohnheit einer priorisierten Sorge um das Kindeswohl entspringen kann, dass wir nun die Kinder in die Schulen schicken.
Wenn aber Klugheit und Gewohnheit ausfallen, bleiben nur noch unschöne Gründe. Etwa, dass die Blagen zu Hause halt so langsam nerven oder dass es die Wirtschaft stört, wenn die Kinder zu Hause die Aufmerksamkeit und Zeit der Eltern binden. Also ich will ja niemandem nichts unterstellen, aber Letzteres wäre eine wirklich schlüssige Motivation, Kinder unbedingt jetzt in die Schulen zu schicken und sich ansonsten weiter einen Haufen Kehricht um deren Austattung, Hygiene und Sicherheit zu scheren, also in etwa exakt das, was wir gerade tun. Sonst hätten wir Filteranlagen.
Und für all die Verfasser netter Wutschreiben, die ich bei dem Thema bekomme: Ja, ich habe Kinder, ja, auch schulpflichtige, nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Kinder sterben oder Schaden nehmen, wenn sie längere Zeit nicht im Präsenzunterricht sind, auch wenn ich als selber Lehrender natürlich das persönliche Miteinander vorziehe – wenn ich die Wahl habe.
Bei einem Ansteckungsrisiko von fast 100% und einer Long-Covid Chance im signifikanten Bereich bei den Kindern und dem Fallrisiko im familären Umfeld gibt es aber diese Wahl nun mal nicht. Lebt damit.
Wenn euch die Kinder so wichtig sind, dann macht den Kultusministern die Hölle heiß, dass die endlich aus dem Quark kommen und mehr zur Sicherheit und Infrastruktur anbieten als Lüften.

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