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Donnerstag, Mai 6, 2021

Osnabrücker Rundschau: historische Streiflichter

von Heiko Schulze

Der Begriff „Osnabrücker Rundschau“ dürfte all jenen, welche heutzutage die örtliche Medienlandschaft beäugen, nicht zwingend ein Begriff sein. Dennoch ist die Bezeichnung durchaus bewusst gewählt, denkt man beispielsweise an die gut gemachte „Frankfurter Rundschau“. Und: Auch unsere zukünftig mit Leben gefüllte „Osnabrücker Rundschau“ besitzt eine kleine stadtgeschichtliche Tradition …

Erstes demokratisches Blatt im Nachkriegs-Osnabrück
Auf einen Vorläufer sind die aktuellen Macher*innen dieses Online-Magazins besonders stolz: Es ist jene „Osnabrücker Rundschau“, die die erste demokratische Zeitung nach der Befreiung vom Nazi-Faschismus darstellte und die mit kräftiger Geburtshilfe der britischen Besatzer das Licht der Medienwelt erblickte.

Ein Blick in die Zeitumstände lohnt sich, um Hintergründe zu verstehen: Verglichen mit dem Friedensjahr 1938 war auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik im Jahre 1946 nur ein knappes Siebtel der damaligen Papiermenge für die wiederangeworfenen Pressewalzen vorhanden. Wer mühsam eines der neuen Blätter erstand, musste sich deshalb meistens mit auf allenfalls vier, mit viel Glück auch auf sechs Zeitungsseiten begnügen. Außerdem war es im zerbombten Osnabrück keinesfalls ausgemacht, dass die Leserschaft täglich mit ihrer Zeitungslektüre rechnen durfte.

Geringe Seitenzahl und wenige Erscheinungstage prägten dann logischerweise auch die am 1. März 1946 erschienene „Osnabrücker Rundschau“. Zu haben war sie jeweils am Dienstag und am Freitag und kostete 20 Pfennige. Gerichtet war die Neuerscheinung an immerhin 120.000 abnehmende Haushalte in Stadt und Umland. Zusätzlich sollte das Blatt sogar auch in der Grafschaft Bentheim, in Meppen, Lingen, Aschendorf-Hümmling, Melle, Wittlage, Bersenbrück und auch Tecklenburg zu haben sein.

Als erfahrenen, nicht durch NS-Vorgeschichte belasteten Verlagsleiter verpflichteten die Briten Archilles Markowsky, der lange Jahre beim Berliner Ullstein-Verlag verbracht hatte und für dieses Haus zuletzt in Hamburg tätig gewesen war. Die Journalisten-Runde, die Markowsky um sich herum versammelte, war politisch bunt und vielfältig: Am Redaktionstisch versammelten sich der Konservative Karl Kühling neben dem damaligen Kommunisten Josef Burgdorf (später ging er zurück in seine vormalige Partei SPD) bis hin zum Sozialdemokraten Hans Wunderlich. Sie legten trotzdem einträchtig los und präsentierten Weltnachrichten, Feuilleton, Kommentare und „Buntes“, Lokalberichte, Sport, eine gesonderte Seite „Welt der Frau“ sowie die vielgelesenen Anzeigen.

Streit um die Ausrichtung
Die Osnabrücker Rundschau konnte sich jedoch nicht kritiklos auf dem regionalen Markt etablieren. Vor allem aus eher konservativen Landkreisgemeinden hagelte es viel Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung. Zu wenig kämen, so ein Kommentar, Belange der Landkreisbevölkerung zur Sprache. Aufsehen erregte offenbar auch die Kündigung des Redakteurs Karl Kühling, der viele Jahre später NOZ-Lokalchef und städtischer Senator werden sollte. „Da ich“, schrieb er in seinem Lebenslauf, „den Stil dieser Zeitung nicht für gut hielt und dem auch Ausdruck gab, wurde ich nach wenigen Monaten fristlos entlassen.“ 1947 wechselte er zur Volkszeitung nach Celle, die der – deutlich rechts von der CDU angesiedelten – Deutschen Partei nahestand. 1949 kehrte Kühling, der wie viele Parteifreunde zur CDU fand, allerdings wieder dauerhaft nach Osnabrück zurück und wurde zusätzlich Autor zahlreicher stadtgeschichtlicher Bücher.

Die Kritik an der Ausrichtung der Rundschau setzte sich auch in der Folgezeit immer heftiger fort. Konservativen Kräften erschien das Blatt zu SPD-nahe. Überdies wuchs der Unwille an Zeitungen, die im Ruf standen, den Besatzungsmächten hörig zu sein. Hinzu kam allerdings, dass auch den britischen Besatzern im niedersächsischen Umland sehr daran gelegen war, dass es zeitgleich mit zahlreichen, landesweit vertriebenen SPD-nahen Blättern nun vor allem solche mit konservativer Ausrichtung gab. Am Ende setzt sich dieses Bestreben durch, die Tage der ersten „Osnabrücker Rundschau“ waren gezählt.

Bei den deutschen Akteuren triumphieren jetzt in Osnabrück die vorherigen Kritiker: Im September 1947 erschien als Nachfolgezeitung das „Neue Tageblatt“. Das Entscheidende: Neben dem parteilosen Markowsky gesellten sich als neue Lizenzträger zwei aktive Christdemokraten hinzu. Dies waren der zeitweise als Oberbürgermeister amtierende Dr. Adolf Kreft sowie Dr. Josef Kannengießer. Die Umbesetzung hatte direkte Folgen für die Ausrichtung der Zeitung, die fortan als CDU-nahe erschien.

Von der Osnabrücker zur Nordwestdeutschen Rundschau
Eine in Osnabrück gelesene „Rundschau“ gab es allerdings weiter: Hans Wunderlich war mittlerweile seit April 1947 Redakteur der in Wilhelmshaven produzierten „Nordwestdeutschen Rundschau“ geworden. Die war eindeutig sozialdemokratisch ausgerichtet und wartete in Osnabrück mit eigenen Lokalnachrichten auf. Bis in das Jahr 1949 hinein, als – mit Hans Wunderlichs Hilfe als Mitglied des Parlamentarischen Rates – das Grundgesetz beschlossen und verkündet wurde, begegneten Osnabrücker Leser in begrenzter Weise wieder einer parteipolitischen Zeitungslandschaft, die sie noch aus Weimarer Zeiten kannten. Dass Blätter aus der NS-Tradition fehlten, verwunderte natürlich niemanden. Erneut glaubten Verkäufer oder Zusteller, die politische Ausrichtung des jeweiligen Zeitungskäufers zu erkennen: Las er die „rote“ Nordwestdeutsche Rundschau“ oder lieber das „schwarze“ Neue Tageblatt?

Hans Wunderlich wiederum war es, der nach seiner gescheiterten Bundestags-Kandidatur 1949 einem Ruf nach Dortmund folgte und dort später zum Chefredakteur einer anderen „Rundschau“, der Westfälischen Rundschau, avancierte.
Bis Ende 1967, dem Gründungsjahr der Neuen Osnabrücker Zeitung als Fusion des Tageblatts mit der Neuen Tagespost, sollte die „Freie Presse“ das sozialdemokratische Alternativangebot abgeben. Als sie, die im letzten Halbjahr mit dem Titel „Osnabrücker Presse“ erschien, eingestellt wurde, war der Weg zur allein und konkurrenzlos angebotenen „NOZ“ bis heute geebnet.

„OR“ in den 80er und 90er Jahren
Einer völlig anderen Zeit entsprang Jahrzehnte später der neue Versuch, in der Hasestadt eine „Osnabrücker Rundschau“ zu etablieren. Es waren erneut Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die seit 1981 in der Rats-Opposition gegen eine relativ kompromisslos „durchregierende“ CDU-FDP-Mehrheit standen und händeringend nach einem Medium suchten, das gesellschaftskritischen, sozialen und ökologischen Inhalten mehr Raum als die örtliche Monopolpresse bot.

Kostenlos verteiltes Vierteljahresblatt von 1987 bis 1996. Auf diese Weise erblickte im September 1987 die zumeist vierteljährlich erscheinende, von ehrenamtlichen Helfern flächendeckend mit einer Auflage von 55.000 Exemplaren verteilte Osnabrücker Rundschau das Licht der lesenden Welt.

„Wir wollen eine Alternative bieten zu den bestehenden Zeitungen in Osnabrück. (…) Bürger, Gruppen und Initiativen mit ihren Problemen, Anliegen und Meinungen sollen zu Wort kommen. Wir möchten (…) mit Ihnen in einen Meinungsaustausch eintreten. Wir hoffen auf Ihren Widerspruch oder Ihre Zustimmung, auf Ihre kritische Anmerkung oder Ihren Leserbrief“, hieß es in der Spalte „Wir über uns“. In den folgenden Jahren machen die Zeitungsmacherinnen und -macher von diesem Angebot sehr reichhaltig Gebrauch.

Nur die Zukunft ist gewiss …
Bis 1996 erschienen immerhin 36 Nummern des kostenlosen, unbeirrt rein ehrenamtlich erstellten und ebenso verteilten Blattes. Ob es am Ende doch der Verzicht auf eine professionellere Struktur war? Irgendwann erlahmten die Kräfte der ehrenamtlich schreibenden, fotografierenden, layoutenden und verteilenden Hände.
Aber Geschichte währt bekanntlich ewig und nichts muss für alle Zeiten endgültig sein und so erfährt die Osnabrücker Rundschau ihre Wiedererweckung im Internet.
Denn die Zukunft ist gewiss, sonst gar nichts …

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