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Montag, August 2, 2021

Heiko Schulze: Der 1. Mai – kein „Feiertag“ wie jeder andere

„Der Mai ist gekommen, da ziehen alle raus. Da saufet, wer Lust hat, jede Flasche aus!“ So könnte es klingen, wenn man jenes, anno 1842 vom Osnabrücker Komponisten Justus Wilhelm Lyra vertonte, im Vorjahr von Emanuel Geibel im Geist der Biedermeierzeit erschaffene Frühlingsgedicht trendmäßig umdeuten würde.
Aber Vorsicht! Der 1. Mai ist zwar „Feiertag“, in Wahrheit aber das exakte Gegenteil eines Appells für bierselige Runden. Der Maiauftakt bildet vielmehr einen klassischen „Kampftag“, der, exakt zu diesem Datum, überall in der Welt soziale Rechte einfordert. Es ist ein Ereignis, das zugleich unzählige Erinnerungen an Geschehnisse aus der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung weckt und auch deshalb nichts von seiner Bedeutung eingebüßt hat.

Ursprung und Wirkung

Als Geburtsstunde des Tages gilt eine feierliche Manifestation vom 14. Juli 1889. In Paris treffen sich die Delegierten eines imposanten Kongresses der Sozialistischen Internationalen, die zugleich ihre Neugründung feiert. Bewusst wählt man dazu den 100. Geburtstag der Französischen Revolution. Die Abgesandten der sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien fassen einmütig den folgenden Beschluss:

„Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine große internationale Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen (…). In Anbetracht der Tatsache, dass eine solche Kundgebung bereits von dem amerikanischen Arbeiterbund (…) für den 1. Mai 1890 beschlossen worden ist, wird dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen Kundgebung angenommen.“

Warum exakt dieser Tag? Der 1. Mai gilt bis dahin in den USA als „Moving Day“. Er ist Stichtag für den Abschluss von Tarifverträgen mit Arbeitgebern, häufig verbunden mit Arbeitsplatz- und Wohnungswechsel. Die Arbeitszeiten betragen nicht selten bis zu 12 Stunden täglich. Urlaub, Krankengeld, Mitbestimmung oder Arbeitslosengeld sind unbekannt. Am 1. Mai 1886 streiken rund 400.000 US-Beschäftigte aus 11.000 Betrieben für den Achtstundentag. Allenfalls für 20.000 von ihnen kann das Ziel durchgesetzt werden.
Eine Demonstration am Chicagoer Haymarket für die Ausweitung der Arbeitszeitverkürzung endet in einer Katastrophe mit mehreren Toten. Bomben sind detoniert, womöglich eingesetzt von Provokateuren. Vier Arbeitervertreter werden, obwohl ihnen gar keine Beteiligung am Anschlag nachgewiesen werden kann, zum Tode verurteilt und gehenkt. August Spies, einer der deutschstämmigen Verurteilten, spricht nach dem Urteil einen Satz, der sich über Zeitungen der internationalen Arbeiterbewegung im Nu weltweit verbreitet: „Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen stärker ist als die Stimmen, die Sie heute erdrosseln.“

Die Empörung ist in vielen Ländern gewaltig. Zum 1. Mai 1888 führen US-amerikanische und französische Gewerkschafter erneut Massenaktionen für soziale Verbesserungen und den Achtstundentag durch. In Deutschland gilt von 1878 bis 1890 noch das Sozialistengesetz, das Sozialdemokratie wie Gewerkschaften verboten hat und sie zu kriminellen Organisationen stempelt. Doch bereits am 1. Mai 1890 finden sich im Reich etwa 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter bei Streiks, Demonstrationen und sogenannten „Maispaziergängen“ zusammen. Allesamt riskieren sie Entlassungen und Repressionen. Im gleichen Jahr tritt die sozialdemokratische „Generalcommission der Gewerkschaften Deutschlands“ ins Leben. Es ist die Geburtsstunde des heutigen DGB. Und die wieder zugelassene SPD beschließt auf ihrem Hallenser Parteitag im Oktober 1890, den 1. Mai als dauerhaften „Feiertag der Arbeiter“ einzuführen. Echte Streiks und Demonstrationen während der Arbeitszeit, die mit Lohnausfall, Entlassung oder gar Gefängnis verbunden sind, gibt es in den Folgejahren im Deutschen Reich eher selten. Aber überall dort, wo die Repressalien des Obrigkeitsstaates und der Unternehmerschaft zu groß sind, werden zumindest Abendveranstaltungen, häufig auch gemeinsame Wanderungen oder Feste mit eigenem Liedgut veranstaltet.

 Ein Blick auf Osnabrück

Bereits seit 1872 gibt es in der Hasestadt aktive Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Kein Wunder, dass auch in Osnabrück bereits 1890 eifrig für Aktionen zum 1. Mai geworben wird. Doch die Gegenseite schläft nicht. In einer großformatigen, in der Osnabrücker Lokalpresse abgedruckten Meldung warnt der „Verein der Metallindustriellen“ alle Beschäftigten, sie sollten „den Lockungen der socialdemokratischen Agitatoren, am 1. Mai gegen den Willen der Arbeitgeber zu feiern, nicht nachgeben.“  Wer dennoch an Aktionen teilnehme, so wird gewarnt, dem drohe „ohne Aufkündigung entlassen“ zu werden. Mehr noch: Es werde eine Liste all jener den 1. Mai feiernden Arbeitnehmer erstellt und diese sofort allen Mitgliedern des Arbeitgeberverbandes zugestellt. Folge sei, „daß vorläufig kein Feiernder in einer anderen dem Vereine angehörenden Fabrik aufgenommen werden wird.“
Trotz derartiger Einschüchterungen der Arbeitgeber wächst die Stärke von SPD und Gewerkschaften auch in Osnabrück. Bereits ein Jahr später, einem Sonntag, vermeldet eine gemeinsam finanzierte Zeitungsanzeige, dass die Genossen trotzig um 15 Uhr einen gemeinsamen Ausflug veranstalten wollen, nachdem der Wirt des Lustgartens „sein bereits zugesagtes Lokal“, offenkundig auf Druck von oben, kurzfristig verweigert habe.

Die Forderungen, die fortan auch in Osnabrück die Aktivitäten zum 1. Mai bestimmen, sind die gleichen wie überall im Deutschen Reich. Es geht um den 8-Stunden-Tag, um Arbeiterschutzgesetzgebung, um das Verbot der Kinderarbeit, um gleichen Lohn für Männer und Frauen, um eine Einschränkung harter Frauen- und Jugendarbeit, um ein uneingeschränktes Vereins- und Koalitionsrecht – am Ende um die Abschaffung der stehenden Heere und um den ersehnten internationalen Völkerfrieden. Angesichts der säbelrasselnden kaiserlichen Regierung wird gerade jene Forderung, von da an Jahr für Jahr, aktueller.

Im Vorfeld des 1. Mai wird in Osnabrück wie andernorts allerdings auch leidenschaftlich um die Radikalität des eigenen Vorgehens gestritten. Sollen alle streiken und kraftvoll demonstrieren? Auch um den Preis, Entlassungen, Repressalien oder gar Gefängnis in Kauf zu nehmen? Oder sollen Gewerkschafter und Sozialdemokraten Disziplin aufrechterhalten, den Zusammenhalt in Abendveranstaltungen wahren und die Autorität der eigenen Führung anerkennen? Zumindest in Osnabrück behalten Vertreter der letztgenannten Positionen über viele Jahre die Oberhand. Der 1. Mai findet in aller Regel „im Saale“ statt.

Krieg, Revolution und Republik

Das gegen Ende Juli 1914 beginnende Völkermorden des Ersten Weltkrieges ändert alles. Die Sozialdemokratie spaltet sich bis spätestens 1917 wegen des von der Fraktionsführung um Friedrich Ebert durchgesetzten „Burgfriedens“ mit den Herrschenden. Die Unabhängige SPD wird gegründet. Die allermeisten Sozialdemokraten und Gewerkschafter befinden sich bis Ende 1918 an der Front und sehen sich auf Befehl verhasster Offiziere gezwungen, auf Arbeiter anderer Länder zu schießen. Nach Kriegsende, blutige revolutionäre Unruhen folgen, wird der 1. Mai im Jahre 1919 einmalig zum arbeitsfreien Tag erklärt. Bürgerliche Koalitionspartner der Mehrheits-SPD verhindern später eine Fortsetzung der Arbeitsruhe auf die Folgejahre. Zwar finden Streiks und Demonstrationen gar nicht so selten statt. Lohnabzug, Aussperrungen und weitere Repressalien nehmen aber in dem Maße zu, wie auch Arbeitgeber wieder zu alter Stärke zurückfinden. Im Reichstag dominieren zu jeder Zeit bürgerliche Parteien.

Was die organisierte Arbeiterbewegung bereits seit dem Revolutionsjahr massiv schwächt, ist deren Spaltung, die ganze Familien innerlich zerreißt. Nach der Quasi-Auflösung der USPD 1922 bestimmt der Disput zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten den Alltag. Auch das Gewerkschaftslager ist gespalten. Zwar sind die allermeisten bei den sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften organisiert, Minderheiten zieht es aber auch in deutschnationale oder gar faschistische Zusammenschlüsse, in die kommunistische Rote Gewerkschaftsopposition oder auch in den konservativ-katholischen Gewerkschaftsbund. Gemeinsame Aktionen gegen das Kapital sind fast unmöglich zu organisieren.

Die Zäsur verschärft sich: Nach dem 1. Mai 1929 spricht sich auch in Osnabrück wie im Lauffeuer herum, was in der Reichshauptstadt Berlin geschehen ist. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel hatte seinen Polizisten die Weisung erteilt, notfalls auf am 1. Mai demonstrierende kommunistische Arbeiter zu schießen, wenn anderweitig die „Ruhe“ nicht wiederhergestellt werden könne. In der Folgezeit werden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt. Der Vorwurf der Kommunisten, Sozialdemokraten seien jetzt erwiesenermaßen keine Bündnispartner mehr, sondern „Sozialfaschisten“ und damit schlimmste Feinde der Arbeiterklasse, erhält infolge der Zörgiebel-Aktion im ganzen Deutschen Reich dermaßen viel Nahrung, dass an gemeinsame Aktionen vor Ort kaum noch zu denken ist.

Block der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) anlässlich der Mai-Demonstration 1931 in der Wörthstraße

In Osnabrück, dort hat die KPD niemals auch nur die annähernde Stärke gefunden wie in großen Industriestädten des Reiches, bleibt die Sozialdemokratie allerdings mit Abstand die dominierende Kraft und bestimmt weiter auch den Kurs der Freien Gewerkschaften. Lediglich bei Aktionen und Demonstrationen zum 1. Mai, ganz zum Ende bei gemeinsamen Aktivitäten gegen die Nazis, kommt es zumindest vereinzelt vor, dass Kommunisten und Sozialdemokraten geschlossen aktiv werden.

NS-Terror und ein „Tag der nationalen Arbeit“

Der Berliner Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 wird von der Hitler-Regierung, die der Reichspräsident Hindenburg zuvor am 30. Januar eingesetzt hatte, endgültig zum Terror gegen die gesamte Linke genutzt. Die KPD-Parlamentsmandate werden ab sofort für illegal erklärt, die der SPD folgen bis spätestens Juni. Auch die SPD-Presse wird schrittweise überall verboten. In Osnabrück ist das für die Parteizeitung Freie Presse bereits am 23. Februar der Fall. Freies Auftreten ist zunehmend bei Strafe verboten. Das Osnabrücker Gewerkschaftshaus am Kollegienwall 14, auf dessen Areal sich auch das Büro der SPD, Räume der Arbeitersportler und der Arbeiterjugend befinden, wird am 11. März 1933 von Nazi-Horden gestürmt. Auf dem Dach flattert, Gewerkschafter lässt dies erschaudern, die Hakenkreuzfahne. Dass mutige Sozis die Flagge kurze Zeit später, trotz Polizeibewachung, vom Dachfirst holen, das Tuch zerreißen und trotzig in der Hase versenken, bleibt ein letztes symbolisches Aufbäumen.

Um mehr Menschen aus der Arbeiterschaft anzusprechen, denken sich die Nazis reichsweit für den 1. Mai einen Propagandaclou aus: Der Tag wird flugs zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ erklärt. Beschäftigte werden, oft mit mächtigem Druck, aufgefordert, Seite an Seite mit ihren Chefs und Arbeitgebern zu demonstrieren. Ganze Belegschaften der Betriebe, aber auch Schulklassen, Handwerksinnungen, Polizistengruppen bis hin zu Behördenmitarbeitern kommen dem Aufruf im Marschtempo nach. Folgt man dem NS-Blatt „Osnabrücker Zeitung“ am 2. Mai, sind zur Kundgebung auf der Schützenburg bis zu 35.000 Teilnehmende erschienen. Eine Handvoll mutiger Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die sich 1931 von der SPD abgespalten hat, fasst den Mut, in der Nähe einer Bahnbrücke im Hüggel, weit außerhalb des Stadtzentrums, eine eigene konspirative Maikundgebung in alter Tradition abzuhalten. An den Außenrändern werden Wachen eingeteilt. Mit gedämpfter Stimme wird mutig das alte Kampflied „Brüder, zur Sonne zur Freiheit“ angestimmt.

Am 2. Mai, die Zeitungsleser vernehmen zeitgleich den Bericht über die gewaltigen Nazi-Manifestation, werden Dutzende Osnabrücker Gewerkschafter und Sozialdemokraten im Hof des Gewerkschaftshauses zusammengepfercht, teils mit Schmähschildern um den Hals durch die Stadt getrieben und im Stadtgefängnis an der Turnerstraße in „Schutzhaft“ genommen. Im Zuge des Verbots der Gewerkschaften werden alle Gewerkschaftssekretäre in der Folgezeit arbeitslos. Gewerkschaftliche Betriebsräte und Vertrauensleute werden sämtlich ihrer Funktionen enthoben. Das gewerkschaftliche Vermögen aus Mitgliedsgeldern füllt die Kassen der Nazi-Regierung. Das Gewerkschaftshaus am Kollegienwall wird entschädigungslos enteignet. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF), neue linientreue Formation von Arbeitnehmern wie Unternehmern, die in das vormalige Gewerkschaftshaus einzieht, ersetzt fortan die zerschlagenen und jetzt kriminalisierten Arbeitnehmerorganisationen.

Ein arbeitsfreier, pompöser 1. Mai dient dabei in den Folgejahren landauf, landab der Indoktrination mit NS-Gedankengut und der Ideologie, dass Arbeitgeber wie Arbeitnehmer angeblich die gleichen Interessen besäßen. Und die reich mit Hakenkreuz-Tuch beflaggten Maifeiern dienen dem Regime im „tausendjährigen Reich“ als ideale Kulisse für Paraden, Aufmärsche und Leistungsschauen der NS-Politik. Der Propagandatag dient auch in Osnabrück dazu, großen Teilen der Bevölkerung zu verschweigen, dass Zigtausende von Gewerkschaftern, Kommunisten und Sozialdemokraten die Zeit bis zum Kriegsende, falls sie den Terror überhaupt überleben, in Emigration, Konzentrationslagern oder zumindest gesellschaftlicher Isolation verbringen müssen. Doch selbst braune Mai-Propaganda stößt irgendwann deutlich an ihre Grenzen: Das einsetzende Massensterben des Weltkrieges nimmt selbst pompösen Maifeiern frühestens ab 1940 zunehmend ihre Propagandafunktion.

Auferstanden aus Ruinen

DGB-Maiplakat 1956

Osnabrück zählt nach der Befreiung vom Nazi-Faschismus zu jenen in Trümmer gelegten Städten, in denen das Wirtschaftsleben erst wieder allmählich erwacht. Zwei Drittel der Wohnhäuser sind ebenso zerstört wie die allermeisten Betriebsgebäude. Im April 1946, dies nehmen wieder zugelassene Gewerkschaften auch in Osnabrück freudig zur Kenntnis, bestätigt der alliierte Kontrollrat den 1. Mai als Feiertag. Dennoch trauen die Besatzungsmächte den Deutschen immer noch nicht hundertprozentig. So dürfen auf Anordnung der amerikanischen Militärverwaltung bei den Umzügen vorerst noch keine Fahnen und Transparente mitgeführt werden.

1. Mai 1958: Franz Lenz, 1. Bevollmächtigter der IG Metall, spricht auf dem Markt. Im Hintergrund die noch nicht wieder aufgebauten Giebelhäuser

Der Deutsche Gewerkschaftsbund zieht seine Lehren aus der Geschichte und wird am 13. Oktober 1949 in München von 16 Branchengewerkschaften als Einheitsgewerkschaft aller politischen Richtungen gegründet. Der 74-Jährige Hans Böckler wird erster DGB–Vorsitzender. Die DGB-Maifeiern bestehen daraufhin aus Demonstrationen und Kundgebungen, auf denen die Forderungen der Nachkriegszeit eine Rolle spielen: Ausbau des Sozialstaats, Mitbestimmung nach dem paritätischen Modell der Eisen-, Kohle- und Stahlindustrie, mehr Urlaub und Teilhabe am einsetzenden Wirtschaftswunder. Auch in Osnabrück findet ein bestimmtes, ab 1956 plakatiertes DGB-Maiplakat besonders viele Anhänger: „Samstags gehört Vati mir“, fordert darauf ein kleiner Junge und fordert für seinen Papa ein freies Wochenende ein.

Das Wirtschaftswunder, annähernde Vollbeschäftigung und auf Harmonie getrimmte „Sozialpartnerschaft“ mit dem Kapital machen gewerkschaftliche Akteure zunehmend weniger kämpferisch. Vielerorts wird sogar, wie in Osnabrück, auf die traditionelle Maidemonstration verzichtet. Seit 1961 wird der „Kampftag“ an der Hase allein noch im Saale gefeiert.  Der örtliche DGB-Vorsitzende Konrad Nettelnstrot, Mitglied und Ratsherr der CDU, gibt dafür Jahre später im Rahmen einer Abhandlung zur Geschichte des 1. Mai eine recht eigenwillige Begründung ab. Unter der bemerkenswerten Überschrift „Von der Kundgebung zur Festveranstaltung“ klingt dies im Originalton so:

„Da die Teilnehmerzahl an der Maikundgebung auf dem Marktplatz bis 1960 auf ca. 3000 Teilnehmer zurückgegangen war, beschloss der DGB-Kreisvorstand vor einer Kundgebung unter offenem Himmel abzusehen und das Wollen des DGB und seiner Gewerkschaften in kulturellen Festveranstaltungen im Theater am Domhof darzustellen.“

DGB-Saalfeier im Saal des früheren Gewerkschaftshauses am Neuen Graben 1969

Schaut man mit heutigem Blick auf jene Begründung, mutet sie mehr als eigenartig an. Wäre eine Zahl von 3.000 Teilnehmenden der Maßstab für eine Demonstration, müssten nicht nur Osnabrücks Gewerkschaften fortan auf Demos wie die zum 1. Mai verzichten.

 

 

Mut zu mehr Kämpferherz

Seit der 68er-Zeit, insbesondere in den 70er Jahren sind es dann vorwiegend linke Gruppen, die den Gewerkschaftsleitungen Passivität vorwerfen, unpolitische Saalveranstaltungen kritisieren und zu eigenen Demonstrationen aufrufen. Der in Osnabrück zu Beginn der 70er Jahre besonders starke Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) zieht mehrere Jahre lang mit seinem eigenen, bis zu 200 Teilnehmende umfassenden Block durch den Arbeiterstadtteil Schinkel. Laut skandiert werden mit Hilfe knallroter Transparente Losungen, die zumeist mit „Kampf dem …“, „Weg mit …“, „Vorwärts für …“, „Auf zum …“ beginnen. Andere linke Gruppen, allesamt wesentlich kooperativer und solidarischer gegenüber den DGB-Gewerkschaften, versammeln Organisationen wie Jusos, Sozialistisches Büro, DKP, Trotzkisten bis hin zu „Undogmatischen“ in gemeinsamen Maidemonstrationen. Alle appellieren alljährlich an die örtliche DGB-Spitze, endlich wieder zu einer kapitalkritischen, wuchtigen und vernehmlichen Demo aufzurufen. Der Druck auf die gewerkschaftlichen Entscheider erhöht sich auch aufgrund der unübersehbaren Probleme: Längst hat Massenarbeitslosigkeit das Wirtschaftswunder mit seiner Vollbeschäftigung hinter sich gelassen. Immer prekärer wird die Lage auf dem Arbeitsmarkt.

DGB-Maidemo 2011 auf der Höhe des Neumarkts

Endlich, zum 1. Mai 1980 gibt der Osnabrücker DGB-Kreisvorstand, CDU-Mann Nettelnstrot ist längst durch den Sozialdemokraten Heinz Wallenstein ersetzt worden, dem Druck aus der linken Basis nach: Es darf wieder demonstriert werden! Die hohen Teilnahmezahlen aus den 50er Jahren werden allerdings nicht wieder erreicht, was sicherlich auch den sinkenden Belegschaftsgrößen, zurückgehenden Mitgliederzahlen oder gar Schließungen früherer Großbetriebe wie dem Stahlwerk, der Firma Hammersen, zuletzt Karmann, geschuldet ist. Dafür machen Familienfeste nach der Demo, für die in den letzten Jahren vor dem Gewerkschaftshaus Zelte aufgestellt wurden,  den 1. Mai zu einer Art Wiedersehensfeier altbekannter Gesichter. Allein in 2020 musste, dem Pandemieschutz folgend, alles auf eine vorwiegend virtuelle Ebene delegiert werden.

Auch 2021 wird stark von virtuell organisierten Zusammenkünften geprägt sein. Das diesjährige Mai-Motto lautet „Solidarität ist Zukunft“. Was man auf den ersten Blick für eine der allseits üblichen Motto-Floskeln halten könnte, ist allerdings im zweiten Jahr der Pandemie und angesichts der zunehmenden Vereinzelung am Arbeitsplatz gebotener denn je. Denn es zählt zu den Binsenweisheiten der organisierten Arbeiterbewegung, dass Fortschritte wie Koalitions- und Streikrecht, Arbeitsschutz, Tariffreiheit, Arbeitszeitverkürzung bis hin zum ausgeweiteten Erholungsurlaub ausschließlich solidarisch erkämpft werden konnten.

Denn eine Erkenntnis gilt für alle Jahrhunderte: Allein machen sie dich ein.

Autor Heiko Schulze übt bereits eifrig für die virtuelle 1. Mai-Demo vor der Webcam …

 

 

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