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Montag, August 2, 2021

Heikos Rückblende: „Als Osnabrück zu Frankreich zählte“

Können sich die Leser*innen dieses Beitrags heutzutage vorstellen, dass in der offiziellen Osnabrücker Amtssprache einmal mehrsprachig parliert wurde? Dass es gar eine zweisprachige, deutsch-französische Lokalzeitung gab? In diesem Frühjahr liegt jener Zeitpunkt, zu dem Osnabrück ganz offiziell ein Teil Frankreichs wurde, exakt 210 Jahre zurück. Versinken wir also für eine kleine Auszeit in jene Jahre, in denen ein „Monsieur le Maire“ namens Heinrich David Stüve die Stadt regierte.

Das „undeutsche“ Osnabrück

Nationalgefühl? Fehlanzeige! Mit Beginn des 19. Jahrhunderts durchleben die rund 8.500 Menschen in Osnabrück einen beispiellosen Wandel ihrer staatlichen Zugehörigkeit. Seit Jahrhunderten sind es die hiesigen Menschen gewohnt, in einem eigenen kleinen Staatsgebilde zu leben. Das damalige Fürstbistum Osnabrück, gemeinhin auch Hochstift genannt, umfasst im Wesentlichen das Territorium der heutigen Stadt, des Landkreises sowie das Gebiet um Vörden und Hunteburg. Sobald nach dem Friedensschluss von 1648 protestantische Fürstbischöfe aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg regieren, besteht notgedrungen eine Nähe zum Kurfürstentum Hannover. Dies wiederum ist verwandtschaftlich eng verbandelt mit dem britischen Königshaus. Als symbolischen Ausdruck der Nähe zu Hannover gilt seit rund 100 Jahren das Osnabrücker Schloss am Neuen Graben, das für gewöhnlich als Kommando-Sitz der rotberockten hannoverschen Soldaten dient. Die „Rotröcke“, ausgestattet mit Uniformen im „Bramscher Rot“ aus der Produktion der Bramscher Tuchmachergilde, zählen lange Jahre zum Stadtbild. Von britischen Waffenträgern sind sie kaum zu unterscheiden.

Beliebt sind sie bei einem Großteil der Menschen aber keineswegs. Das wiederum besitzt seinen natürlichen Grund: Mangels eigener Kasernen sind die Bewaffneten in Bürgerhäusern unterzubringen und von dessen Bewohnern zu beköstigen. Nur reiche Osnabrücker können sich von dieser Verpflichtung freikaufen. Am schlechten Ansehen der Rotröcke können auch regelmäßige Mitteilungen in den „Wöchentlichen Anzeigen“, dem amtlichen Lokalblatt, nichts ändern, die meistens irgendwelche Anordnungen der jeweiligen Kommandantur beinhalten.

Kampf den „Fremden“ aus Hannover!

Ein Ereignis gibt es, das ganz besonders vor Augen führt, wie es um das Verhältnis zu den hannoverschen Soldaten bestellt ist: Es sind die Geschehnisse um den sogenannten Gesellenaufstand von 1801. Unvergessen bleibt, dass im Sommer jenes Jahres ein gemeinsamer Aufstand von revoltierenden Handwerksgesellen und großer Teile der heimischen Bevölkerung in Form eines Zusammenspiels von Stadtspitze und hannoverschen Truppen mit 10 Todesopfern blutig niedergeschlagen wird. Zeugenaussagen belegen später kämpferische Ansprachen, die als eindeutige Sympathiebekundungen mit der Französischen Revolution zu werten sind.

Die „Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen“ sind den Menschen im Zuge dieses Streits, wie nicht anders zu erwarten, als parteiisch im Gedächtnis geblieben. Abgedruckt wird in der Ausgabe vom 25. Juli 1801 wortwörtlich eine Verordnung des Fürstbischofs Friedrich von York. Der Text auf der Frontseite des Blattes fordert alle Einwohner über das Mitteilungsblatt dazu auf, die „Unruhestifter“ ergreifen zu helfen, um sie „als verwegene Frevler und Missetäter durch militärische Hilfe zum Gehorsam“ zu bringen. Daraufhin sollen die Ergriffenen „mit Gefängnis, Zuchthaus, Festungsbau“, womöglich gar mit „Lebensstrafen“ belangt werden.

Ende des Kleinstaats – und keine Hauptstadt mehr

Ein Jahr darauf findet die jahrhundertealte Eigenständigkeit des Fürstentums Osnabrück ihr abruptes Ende. Das Geschehen nimmt Ende 1802 seinen Anfang. Das Lokalblatt ist auch hier ein Spiegel der bevorstehenden Geschehnisse: Die Leser der Osnabrückischen Anzeigen können den bevorstehenden Exitus ihres Kleinstaats am 13. November schwarz auf weiß nachlesen: Fürstbischof Friedrich von York hat in einem Brief an seinen Vater, den britischen König Georg III., feierlich angekündigt, ihm das alte Stiftsgebiet des Osnabrücker Landes zu übergeben. Der Monarch im fernen London herrscht fortan nicht nur über Großbritannien, sondern auch über Irland, Braunschweig-Lüneburg, Hannover – und nun auch über das Osnabrücker Land. Kirchliche Besitztümer werden auch hier durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 säkularisiert. Osnabrücks jahrhundertelang gelebte Eigenständigkeit ist für alle Zeit beendet.

Vom entfernten Kriegs- und Schlachtengeschehen, das sich unter den Hauptakteuren Frankreich, Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland entwickelt, ist bis dahin eher wenig im Alltagsleben der Stadt zu spüren. Als Großbritannien im März 1803 dem französischen Kaiser Napoleon den Krieg erklärt, müssen die Menschen in Osnabrück plötzlich aber doch lernen, dass sich fortan auch ihr Alltag massiv ändert. Erstes äußeres Zeichen ist der eher hektisch verlaufende Abzug der unbeliebten hannoverschen Truppen.

„Vive la Revolution!“

Doch die Nachfolger stehen bereit: Bereits am Fronleichnamstag des gleichen Jahres ziehen französische Soldaten in die Hasestadt hinein. Flatternde Fahnen und Kokarden an den zylindrigen Tschakos auf den Köpfen zeigen das Rot-Weiß-Blau der revolutionären Trikolore. Es sind jene Farben, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit versprechen. Chronisten berichten, dass der Einmarsch der Blauröcke auch deshalb bei vielen Menschen Freude auslöst und mit großen Erwartungen verknüpft ist. Ein wichtiger Zeuge jener Zeit ist der langjährige Osnabrücker Senator Gerhard Friedrich Wagner (1769-1846). Beinahe verzweifelt erinnert dieser sich in seinen später veröffentlichten Lebenserinnerungen an die Ereignisse: „Der französische Freiheitsschwindel fuhr in die junge Welt; (…). Es wurde gesungen, gejubelt; das ‚Ca ira‘ (französisches Revolutionslied, d.V.), die Carmagnole, das ‚Alons, enfants de la patrie‘ bezauberte. Wo blieben Ordnung und Häuslichkeit?“

Die Hintergründe jener Erwähnungen bilden klare Botschaften und Bekenntnisse: „Ca ira“ ist ein vielgesungenes französisches Revolutionslied, die „Carmagnole“ ein Rundgesang und Tanz. Das letztgenannte Lied nichts anderes als die bis heute gesungene französische Nationalhymne.

Selbst einfachen und nicht lesegewohnten Menschen in Stadt und Region bleibt das aktuelle Geschehen irgendwann nicht mehr verborgen. Bereits unmittelbar nach der Französischen 1789-er-Revolution hat sich, wie Wagners Bemerkung zeigt, dokumentiert, dass die Debatten um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eindrucksvoll viele Menschen begeistern. Und die Auswirkungen revolutionärer Geschehnisse gehen am Ende immer mehr Zeitgenossen an. Dies hat sich nicht allein beim Gesellenaufstand von 1801 gezeigt.

Osnabrück im Geist der Trikolore

Der Geist der Trikolore hat sich längst im Alltag von Stadt und Region seinen Platz erkämpft:

Seit 1793 trifft sich regelmäßig ein Gelehrtenclub um den jungen Dichter und Advokaten Theobald Wilhelm Broxtermann (1771-1800). Der Club sympathisiert offen mit der Französischen Revolution. Dokumentiert wird dies dadurch, dass sich die Mitglieder sogar französische Namen geben. Später wird der Osnabrücker sogar Mitglied des revolutionären Wohlfahrtsausschusses der Batavischen Republik in der Provinz Geldern in den heutigen Niederlanden.

Gesmolder Bauern sorgen 1794 durch ihren Kampfgeist  dafür, dass ein inhaftierter Müller freigelassen werden muss. Der alte Gefangenen-Turm im Schloss ist dabei, ähnlich wie der berühmte Turm der Pariser Bastille von 1789, als Symbol der Unterdrückung zerstört worden. In der informierten Öffentlichkeit von Stadt und Fürstentum wird auch dies als Sympathie mit dem revolutionären Frankreich wahrgenommen.

Auch Geflüchtete prägen das Stadtbild. Als getürmte französische Adelige mitsamt ihrer Dienerschaft nach der dortigen Revolution auch in Osnabrück ankommen und mühevoll versorgt werden müssen, wird das französische Geschehen auch im täglichen Straßenbild offenkundig. Selten zum Wohle des Adels.

Kurzum: Auch deshalb, weil infolge miserabler Erfahrungen mit hannoverschen Truppen hohe Erwartungen mit der neuen Besatzung verknüpft sind, darf man durchaus von einem pro-französischen Verhalten großer Teile der Stadtbevölkerung sprechen.

Fortschritts-Botschaften fern des Nationalgefühls

Die neue Zeit spiegelt sich sofort in Gestalt der Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen. Zumal die neuen Besatzer großen Wert darauf legen, dass nicht nur Osnabrücker, sondern auch Militärangehörige das Blatt studieren, erscheinen besonders wichtige Anzeigen-Ausgaben von nun an nicht nur mit deutschen, sondern auch mit französischen Texten.

Großen Wert legt das militärische Kommando in der Stadt auf die Information, dass man es auf ein gutes Einvernehmen zwischen Soldaten und Einheimischen abgesehen hat. Bereits die Anzeigen vom 23. Juni 1803 legen deshalb hohes Gewicht auf die Mitteilung, dass „große Teile der Einwohner“ mit ihrer jeweiligen Einquartierung „in freundschaftlicher Harmonie“ leben, schreibt 120 Jahre später der Presse-Historiker Rudolf Lenzing. Bekanntmachungen darüber, dass französische Soldaten keinerlei Privatbesitz von Osnabrücker beschlagnahmen dürfen, sollen ebenso der Vertrauensbildung unter den Angehörigen der beiden Nationen dienen.

Auch der Befürchtung, Soldaten könnten zu späterer Tageszeit für Unruhe sorgen, versuchen die Verantwortlichen über das Lokalblatt, dies teilweise zweisprachig, vorzubeugen. Am 16.März 1805 ist in den Anzeigen nachzulesen, dass für Soldaten und Korporäle ab 20 Uhr, für Offiziere ab 22 Uhr ein Ausgangsverbot herrscht. Wirtsleute sind angewiesen, nichts an Armeeangehörige auszuschenken. Derartige Verordnungen sind fortan nicht nur in den Anzeigen zu studieren, sondern hängen auch per Anschlag in örtlichen Wirtshäusern.

Der bereits zu Wort gekommene Senator Wagner muss rückblickend eingestehen, dass von einem deutschen Nationalgefühl in jener Zeit wohl kaum die Rede ist: „Wir selbst wussten nicht, ob wir hannöversch, preußisch oder holländisch waren“, bringt er seine Einsicht auf den Punkt.

Durchaus begierig und interessiert warten jetzt all diejenigen Osnabrücker auf Meldungen, die sehnsüchtig auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände hoffen. Folgt man den abgedruckten Meldungen über derartige Verbesserungen, werden die genannten Leser nicht enttäuscht:

In den Anzeigen werden festgesetzte Preistaxen für Brot, Fleisch und Bier bekannt gemacht, was die Einheimischen vor Preiswucher schützt. Regelmäßig wird über die Hilfen wohltätiger Stiftungen bis hin zu öffentlichen Armenspeisungen informiert. Die Übernahme des französischen Code Civile bedeutet zum ersten Mal eine Rechtsgleichheit aller Bürger. Auch Juden bekommen erstmals ein Bürgerrecht.

Hausnummern und neue Friedhöfe

Die Verwaltung wird durchschaubarer und effektiver umgestaltet. Äußeres Zeichen einer modernen Verwaltung sind flächendeckende Hausnummern. Alle wichtigen Straßen werden neu gepflastert. Eine weitere Neuerung sah eine völlig andere Bestattungspraxis vor: Menschen dürfen verstorbene Angehörige nur noch außerhalb der beengten Stadtmauern beerdigen. Der Hasefriedhof sowie der Johannisfriedhof, beide 1808 angelegt, sind Produkte der französischen Verwaltung. Die Beisetzung im Umfeld der Kirchen, Hospize oder Krankenhäuser, die zu Platzmangel und hygienischen Problemen geführt haben, findet ihr Ende.

Nicht verwunderlich ist es angesichts der Kriegssituation allerdings auch, dass sich viele zugleich auf Belastungen einstellen müssen. Doch selbst hier bemühen sich die Besatzer um eine soziale Verteilung: Während Kapital- und Grundbesitzer eine Quartierssteuer abdrücken müssen, erhalten vormalige Leibeigene sowie Verantwortliche für wohltätige Fonds die Mitteilung, dass sie von solchen Steuerzahlungen restlos befreit sind.

Auch die in erheblicher sozialer Not lebenden Heuerleute können grundlegende Verbesserungen ihres Alltags erwarten. Unmissverständlich werden alle Gemeinden des besetzten Gebiets im Jahre 1805 angewiesen, „für die Notdurft (im heutigen Sinne könnte man Wohlergehen sagen, d. V.) sämtlicher Eingesessenen mit Einschluss der Heuerleute zu sorgen.“

Viel bemühen sich die Verantwortlichen darum, die deutsch-französischen Sprachbarrieren zu überwinden. Immer wieder benutzen Verkäufer oder Suchende die Anzeigen, wenn es um den Verkauf oder den Ankauf deutsch-französischer Wörterbücher geht. Sogar Verlustanzeigen wie die Suche nach einem entlaufenen Hühnerhund werden in Deutsch wie Französisch abgefasst. Selbst im Rahmen von gemeinsamen, zweisprachig gestalteten Gottesdiensten wird Gemeinsamkeit demonstriert. Beispiel dafür ist die Einladung der evangelisch-reformierten Gemeinde, die am 6. April 1805, mangels einer eigenen Kirche, zu einem gemeinsamen Gottesdienst in die damalige Zuchthauskirche einlädt.

Adieu den Franzosen, Merde für die Preußen!

Ende 1805 verlassen die Blauröcke Osnabrück, um Napoleons Truppenkontingente im Kampf gegen Österreich und Russland zu stärken. Die mit Hannover verbündeten Preußen rücken in die Stadt ein und stellen die nächste Besatzungsmacht.

Die Osnabrückischen Anzeigen wechseln, wie kaum anders zu erwarten, sofort die Seite. Plötzlich vergessen sie alle deutsch-französischen Avancen und drucken die preußische Annexion im Namen des dortigen Königs am 19. April 1806 kommentarlos ab. Ob solche Wendemanöver bei allen Lesern positiv aufgenommen werden, ist eher zweifelhaft. Der spätere Bürgermeister Johann Carl Bertram Stüve (1798-1872), der solche Ereignisse als Kind und Heranwachsender erlebt, schreibt einiges über jene Zeit auf. Er kann sich dabei vor allem auf die Erinnerungen seines Vaters Heinrich David Stüve (1757–1813) stützten. Jener ist von 1804 bis zu seinem Tod im Jahre 1813 Erster Bürgermeister der Stadt und auch während der französischen Zeit als ein von diesen akzeptierter „Maire“ im Amt geblieben. Die preußischen Besatzer, so muss es sein Sohn Johann Carl Bertram Stüve später zugeben, sind außerordentlich unbeliebt. Seine Worte machen sogar eine gewisse Verachtung überdeutlich: „Das Militär roh, die Offiziere als Knaben oder abgelebte Greise verächtlich und Desertion die Tagesordnung. Es ist das lebendige Bild einer früh gealterten, nicht auf Bürgersinn, sondern Administration beruhenden Verfassung, der man nur unterworfen wurde, um in ihren Verfall mit verwickelt zu werden.“

Heinrich David Stüve (1757–1813)

Innerhalb weniger Jahre hat die Osnabrücker Bevölkerung somit gleich drei Besatzungen erlebt. Die Okkupation seitens der Hannoveraner und Preußen bleibt davon, beachtet man die Quellen, in besonders schlechter Erinnerung. Mehr noch: Die frühe französische Besatzungszeit scheint in Osnabrück weit positiver erlebt worden zu sein als andernorts. Vor allem führende Kreise der Stadtgesellschaft pflegen ein gutes Einvernehmen mit den Besatzern. Dies muss am Ende auch Johann Carl Bertram Stüve in seinem Rückblick mit deutlichem Unmut einräumen: „Es soll wohl nicht verhehlt werden, dass wohl in keiner Stadt von Deutschland so sorglos ohne Rücksicht auf eigene Ehre dem Feind sich hingegeben, wie dies die höheren Stände in Osnabrück taten.“

Ist es da ein Wunder, dass sich die Sympathie mit Frankreich eine beachtliche Zeit hindurch hält?

König Jerome – Napoleos Bruder

Nach der verheerenden Niederlage der preußischen Truppen in den Schlachten von Jena und Auerstedt ist es nur eine Frage der Zeit, bis französische Soldaten ein weiteres Mal in Osnabrück einziehen. Erneut quartieren sie sich, wie vorher Hannoveraner und Preußen, in Häusern Osnabrücker Bürger ein. Wieder einmal werden die Osnabrücker Anzeigen zum Spiegel der Ereignisse. Die Leser erfahren, dass Stadt und Umland fortan, gemeinsam mit Münster, Tecklenburg und Lingen, zum „Premier gouvernement des pays conquis“ gehören. Nach dem Frieden von Tilsit vom Juli 1807 wird das Gebiet dem Königreich Westfalen zugeschlagen. Gekrönt wird Napoleons Bruder Jerome.

In den Anzeigen vom 29. November 1806 erscheint zur Freude manchen Osnabrücker die Proklamation des Generalgouverneurs Loison, wonach die genannten Gebiete „niemals wieder unter die preußische Oberhoheit geraten sollen.“ Als König Jerome im Jahre 1808 erstmals Osnabrücker Boden betritt, wird er mehr als nur höflich begrüßt: „Er wurde mit ziemlichem Jubel begleitet“, muss Wagner in seinen Erinnerungen zugeben.

Der westfälische Regent Jerome bedient sich gern der jeweiligen Lokalblätter, um seine Nähe mit der Bevölkerungsmehrheit zu betonen. Die Leser der Anzeigen können diese Haltung in der weihnachtlichen Ausgabe vom 26. Dezember 1807 nachlesen, als Jerome eindeutig Partei nimmt und die Menschen an die Chancen der neuen Verfassung (hier französisch „Constitution“ genannt) erinnert: „Nur zu lange wurden eure Fluren durch Familien-Ansprüche oder Kabinetts-Intrigen gedrückt. Alle Drangsale des Krieges wurden euch zuteil und ihr bliebet ausgeschlossen von den Vorteilen des Friedens. (…) Entfernt aus euren Gedanken das Andenken an jene zerstückelten Herrschaften, die letzten Überbleibsel des Lehnswesens, wodurch fast jeder Flecken einen eigenen Herrn erhielt. Einwohner Westfalens! Ihr habt eine Constitution!“

Faksimile der WOA vom 18.01.1812

Die jetzt wieder pro-französischen Anzeigen bemühen sich aktiv darum, derartige Appelle zur Verbundenheit unter allen Lesern schnell zu verbreiten. Berichte und Ankündigungen spiegeln wider, dass sich Alt-Osnabrücker und Franzosen durchaus verstehen. Wer beispielsweise am Samstag, dem 21. Februar 1808, das Anzeigenblatt aufschlägt und aufmerksam studiert, erfährt von einem harmonisch anmutenden Armee-Ball. Gastgeber ist das Offizierskorps des 1. Polnischen Kavallerie-Regiments. Dies wiederum ist mit den Franzosen eng verbündet und fest in deren Armee integriert.

Wie lang die Harmonie zwischen Osnabrückern und Franzosen tatsächlich währt, ob sich in Wahrheit auch andere Facetten zeigen, als sie in den Anzeigen vermittelt werden, ist im Nachhinein schwer zu beurteilen. Unbestritten bleiben jedoch auch Gemeinsamkeiten, die sich alltäglich in Form geschlossener Freundschaften und sogar aufwändig gefeierter Eheschließungen zeigen. Auch dies berichtet Wagner. Danach kamen mehrere Osnabrückerinnen und Franzosen „in den Stand der heiligen Ehe, und es ist eine Lust zu sehen, wie an schönen Sommertagen alles sich da fröhlich unter dem Schmettern der Trompeten und den lieblichen Klängen der anderen Instrumente vergnügte.“

Dass zeitweise sogar ein herzliches Miteinander herrscht, muss Wagner danach auch an anderer Stelle einräumen: Es seien „wirklich freundschaftliche Verhältnisse vorhanden“, ganz generell „hörte man in dieser Periode von keinen Beschwerden?“ Ob die Osnabrückischen Anzeigen zu dieser zarten Harmonie beigetragen haben? Wir dürfen es mindestens vermuten.

Wachsende Unzufriedenheit hemmt Begeisterung

Was irgendwann doch zur Unbeliebtheit der Franzosen beiträgt, sind zum einen die Steuerlasten. Ebenso wird die wirtschaftliche Not bei all denjenigen größer, die nicht vom schwunghaft steigenden Schleichhandel profitieren. Auch die französische Kontinentalsperre gegen England führt am Ende zum Einbruch von Handelsbeziehungen und damit zu Versorgungsengpässen.

Unfrieden entsteht häufig auch da, wo Pferde oder Fuhrwerke für Armeezwecke „requiriert“ werden, was deren Besitzer als unrechtmäßige Enteignung empfinden.

Als besonders bedrückend erscheint die Erfassung junger Männer in die allgemeine Wehrpflicht. Die Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen kommen nicht umhin, diesen Unmut, wenn auch indirekt, anzudeuten. Ein Beispiel dazu sind wiederholt angedrohte Strafankündigungen für all jene, die sich noch nicht in die Liste der „Konskribierten“ haben eintragen lassen. Zugleich herrscht eine ständige Fahndung nach desertierten Soldaten, die höchste Sanktionen bis hin zur Todesstrafe erwarten müssen. Verdeutlicht werden derartige Themen in der Ausgabe vom 29. Oktober 1808, in der eine detaillierte Liste mit den Namen von Fahnenflüchtigen abgedruckt ist. Angeblich sind die Gesuchten wohl im Osnabrücker Umland untergetaucht und sind dort heimlich versteckt worden.

Wie hart die einheimische Bevölkerung der Einzug wehrfähiger junger Männer trifft, ist im Hinblick auf das ungewisse Schicksal der einberufenen Soldaten verständlich. Nachrichten über das aktuelle Schlachtengeschehen sind, das kommt dazu, auch in den Anzeigen spärlich verbreitet. Falls etwas nachzulesen ist, betrifft die jeweilige Meldung im Regelfall nur militärische Siege der napoleonischen Kämpfer. Dass derartige Erfolgsmeldungen allmählich seltener veröffentlicht werden, dürfte den Lesern auffallen.

Die Zwangsrekrutierung junger Männer verschärft zugleich die wirtschaftliche Not im Inneren. Denn nur den allerwenigsten Bauern und Handwerksmeistern ist es möglich, mit zusätzlichem Geld Ersatzarbeitskräfte einzustellen. Entsprechend sinken die Erträge ebenso wie die Versorgung der Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs.

District Francaise: Osnabrück zählt zu Frankreich!

Was sich regierungsamtlich bereits seit Jahren vollzogen hatte, wird anno 1811 auch offiziell: Im April erlebt Osnabrück eine grundlegende Änderung seiner staatlichen Zuordnung. Sie wird in der Geschichte einmalig bleiben: Die Stadt gehört fortan offiziell zu Frankreich!

Verwaltungstechnisch sind die Menschen dem Ober-Ems-Departement zugeordnet. Alle bis dahin trennende Landesgrenzen sind aufgehoben. Das Departement erstreckt sich rund 30 km nach Süden sowie bis über 50 km nach Norden, Westen und Osten. Als Maire Osnabrücks fungiert erneut Heinrich David Stüve. Die Anzeigen bestehen weiterhin doppelsprachig fort. Im Kopf wird dies seit dem 20. April 1811 durch den Untertitel „Öffentliche Anzeigen des Ober-Ems-Departements“ unterstrichen. Seit Januar 1812 heißt es offiziell sogar im reinen Französisch „Feuille d’Affiches d’Annonces et d’Avis divers de la ville d’Osnabruck – Öffentliche Ansichten und Anzeigen der Stadt Osnabrück“. Am 20. Januar 1813 wird kurzzeitig ein französisches Wappen hinzutreten, um die neue nationale Zugehörigkeit zu unterstreichen. Besonders markant wird die staatliche Zuordnung im inhaltlichen Teil der Anzeigen: Je eine Spalte ist auf Deutsch, deren Übersetzung auf Französisch verfasst.

France passe‘ – und Trauer um die Kriegstoten

Ein bislang in der hiesigen Geschichtsschreibung wenig bearbeitetes Kapitel ist jenes über Kriegstote aus dem Osnabrücker Land, die ab 1812 ihr Leben für den französischen Russlandfeldzuges opfern müssen. Zumal Wehrpflicht besteht und Napoleons Armee auch westfälische Soldaten wie solche aus Osnabrück umfasst, dürfte die Zahl der Toten und Verkrüppelten auch in der Hasestadt enorm gewesen sein.

Um sich ein ungefähres Bild von Osnabrücker Kriegsopfern zu machen, dient ein einfaches Rechenbeispiel: Die Grande Armée hat Ende 1812 beim Feldzug gegen Russland weit mehr als 500.000 Soldaten in Marsch gesetzt. Die Truppen bestehen dabei zur guten Hälfte aus Italienern, Deutschen, Schweizern, Niederländern, Belgiern, Kroaten, Polen, Iren, Portugiesen oder Spaniern. Die meisten der Nicht-Franzosen müssen sich ungefragt und notgedrungen wegen der Bündnisverpflichtungen ihres Landesherrn in die Grande Armée einfügen. Die Osnabrücker zählen nicht einmal dazu. Denn sie gelten seit der staatlichen Einverleibung als Franzosen mit deutschen Wurzeln. Anzunehmen ist, dass sich in französischen Reihen auch ein Gutteil solcher Männer befindet, die sich freiwillig zum Armeedienst verpflichtet haben.

Über 27.000 Mann hat allein das gut 2 Millionen Bewohner zählende Königreich Westfalen zum Feldzug befohlen. Von jenen 27.000 Landeskindern kehren nach der militärischen Katastrophe allenfalls 800 (!) in ihre Heimat zurück. Von 35 Kämpfenden ist es somit allenfalls ein einziger, der das Grauen des Russland-Abenteuers überlebt hat.

Nehmen wir rein statistisch an, der Anteil Osnabrücker Kriegstoter hätte demjenigen aller westfälischen Mitkämpfer entsprochen, können wir womöglich, sehr vorsichtig geschätzt, von mindestens 100 umgekommenen Soldaten aus der Stadt ausgehen. Falls dies so ist, müssen wir angesichts der damals rund 9.200 Einwohner von einem immensen Verlust an jungen Männern sprechen, die sehr viele Familien betrifft. Hochgerechnet auf die heutige Einwohnerzahl wären beinahe 2.000 Menschenleben zu beklagen. Ausgehen dürfen wir auch deshalb davon, dass Napoleons Russland-Katastrophe sehr wohl ein wichtiger Gesprächsgegenstand unter Einheimischen wie unter den Besatzungssoldaten ist.

Im Kislingschen Anzeigenblatt ist das Russland-Desaster nur indirekt am 3. März 1813 im Rahmen eines Tagesbefehls an die örtlichen Truppen angedeutet. Viel deutlicher ist der Eindruck, den Osnabrücker später von durchziehenden, größtenteils zerlumpten oder auch typhuskranken Angehörigen der „Grande Armée“ gewinnen.

Die Desertation örtlicher Wehrpflichtiger erreicht in jener Zeit ihren Höhepunkt. Am 1. Mai 1813 verdeutlichen dies sogar die lokalen Anzeigen. Was die Leser des Blattes aus der offiziellen Feder des zuständigen Präfekten entnehmen, ist diesmal eindeutig wie selten zuvor: „Die Desertion hat seit einiger Zeit in diesem Departement beträchtliche Fortschritte gemacht. Eine Menge Konskribierte (heißt: von der Wehrpflicht erfasste Personen) haben sich nicht zum Abmarsch gestellt.“

Im Deckel jener Blatt-Sammlungen aus 1813, die später im Ratsgymnasium archiviert werden, ist nachzulesen, was wohl keinem Zeitzeugen entgeht: „Den 3. November zogen die letzten Franzosen, etwa 1.000 Mann stark, … hier ab.“ Im Nachklang dieses Abzuges vernehmen die Blatt-Leser kleinformatige Anzeigen, in denen zu Spenden für Kriegsopfer aufgerufen wird. Auch dies belegt, dass unter den Kriegsopfern sehr viele Osnabrücker sind, die häufig mittellose und damit notleidende Angehörige hinterlassen.

Mit diesen Ereignissen ist die kurze französische Zeit in Osnabrück endgültig beendet. Wenn im heutigen Paris versucht wird, der Revolution von 1789 bis hin zu den Napoleonischen Kriegseroberungen etwas Positives abzugewinnen, gilt dies auch für Osnabrück: Hausnummern und bewährte Friedhöfe jenseits der Wälle bleiben stille Zeugen einer Zeit, die im modernen Osnabrück fast vergessen erscheint.

 

 

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