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Montag, August 2, 2021

Wortmann wortwörtlich: Naturkatastrophen und Klimawandel …

… oder wie Mobilität zum neuen Schicksal wird

Starkregen mit 200 Liter pro Quadratmeter, Rinnsale werden zu reißenden Wassermassen, die in Täler gepfercht ganze Ortschaften beiseiteschieben, Häusern die Fundamente entziehen und in ein paar Stunden mehr als hundertfünfzig Menschen das Leben und tausenden die Existenz rauben! Für ungezählte Menschen verschwindet alles, was sie sich erarbeitet und erworben haben als Geröll in Wassermassen. Ein Schicksal, dass man kaum in Worte fassen kann.

Die Frage, ob solche Katastrophen vermeidbar sind oder einem katastrophalen Katastrophenschutzes geschuldet sind, bleibt hier außen vor. Es geht um die immer wiederkehrende grundsätzliche Frage: Sind das nur Vorboten oder schon Beginn einer neuen Normalität im Zeitalter des Klimawandels? Dass die Häufungen von Extremwetterlagen ohne den Klimawandel nicht erklärbar sind, ist in der Wissenschaft eigentlich unbestritten. Allein bei einigen Zeitgenossinnen und –genossen und randständigen politischen Rechtsparteien halten sich noch „Leugner“, die das entweder alles noch für „Wetter“ halten oder bestreiten, dass dieser Klimawandel ein von Menschen verursachtes Phänomen ist.

Aber auch der Rest tut überwiegend noch so, als stünden wir am Beginn eines langfristigen Kampfes gegen ein drohendes Phänomen, das wir mit allen möglichen Anstrengungen auf die magischen 1,5 Grad begrenzen könnten. Strittig ist dann nur noch, ob wir das allein mit technologischen Innovationen hinbekommen. Das hätte den Vorteil, dass wir die Rettung des Globus in unser Wirtschaftssystem so integrieren könnten, dass das Gute zugleich auch nützlich ist für Arbeitsplätze und ökonomischen Profit und zudem ein neuer langwieriger Wachstumsmotor entstünde, den die Digitalisierung nicht bringt. Zudem bräuchten wir unseren liebgewordenen Lebensstil nicht verändern.

Andere glauben nicht so sehr an die Technologie, vor allem weiß man ja auch gar nicht, wie schnell sich welche erforderlichen Innovationen denn wirklich einstellen und umsetzen lassen. Es droht also ein riskanter Wettlauf gegen die Zeit. Anreize haben ihre Grenzen und Verbote werden, behaupten viele Politiker und Ökonomen, keine Akzeptanz finden und sind, da man die Menschen da abholen muss, wo sie gerade stehen, zum Scheitern verurteilt.

Vor einigen Wochen hatte DER SPIEGEL in einer Titelgeschichte die real-existierende Schizophrenie der deutschen Bevölkerung (weltweit sicherlich kein Unikat) auf den Punkt gebracht: Man wisse zwar fast alles über Klimawandel und dessen unliebsamen Folgen, aber die Bereitschaft dagegen heute etwas zu tun, sei es durch monetäre Belastungen oder Wandel des eingeübten Lebensstiles, tendiere bei der großen Mehrheit – außer wenn es zugleich um die Gesundheit geht – letztlich gegen Null. Vor allem wenn es um das originärste aller Menschenrechte geht: die Mobilität. Fliegen und Autofahren avancieren dann zu den höchsten Gütern.

Klimawandel kommt nicht, er ist schon da

Wenn das so ist und man nicht als Idealist gegen Windmühlen der Gewohnheitsrechte ankämpfen will, dann lohnt vielleicht ein Wechsel der Perspektive auf die Seiten der neuen Realisten. Also frei aller Illusionen: Der Drops ist gelutscht, der Klimawandel ist sowieso schon nicht mehr aufzuhalten, mit intelligenter Technologie können wir ihn vielleicht noch etwas abfedern oder kanalisieren, aber ihn aufhalten oder gar umdrehen, das ist vergebene Mühe. Selbst wenn alle schädlichen Emissionen sofort beendet würden, würde die Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten zunehmen.

Schauen wir also, was da kommt und seien wir mal optimistisch, denn auch in diesem Anfang könnte doch frei nach Hermann Hesse ein Zauber liegen. Und wo die Gefahr am größten, wächst doch nach Hölderlin das Rettende auch. Vergessen wir die apokalyptischen Reiter und sehen wir doch mal die Chancen und nicht nur die Risiken.

Als Leitfaden dieser meistens nicht sehr konkreten Sichtweise lohnt sich das neueste Buch von Parag Khanna Move. Das Zeitalter der Migration. Parag Khanna ist nicht irgendwer. Der in Indien geborene Kosmopolit studierte und lehrt in den USA und nahezu allen global wichtigen Universitäten, war u.a. auch im Beraterstab von Obama und ist als „Geopolitiker“ und Globalisierungsanhänger ein führender Strategieberater und Publizist für internationale Politik, der vor über einem Jahrzehnt den Beginn des asiatischen (nicht des chinesischen) Jahrhunderts als Erbe des amerikanischen verkündete.

Asien ist mit sechzig Prozent der Erdbevölkerung nicht nur die mit großem Abstand bevölkerungsreichste Region und das künftige Zentrum der ökonomischen und politischen Macht in der Welt. Hier sind die geburtenstärksten Jahrgänge der Milleniumgeneration, die schon heute die größte räumliche Mobilität ihr Eigen nennen. Und diese Qualität wird ihnen künftig noch mehr helfen, denn vor uns liegt eine Rückerinnerungen an unsere in Vergessenheit geratene Evolutionsgeschichte. Die Spezies Mensch lebte im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte über zweieinhalb Millionen Jahre als Nomaden bevor sie seit gut zehntausend Jahren fiel sie in die Sesshaftigkeit fiel. Nun wird die Parallelität von erdgeschichtlicher Klimaveränderung, die heute allerdings Produkt menschlicher Sesshaftigkeit ist, und menschlicher Evolution als Wanderungsbewegung, hin zu (noch) bewohnbaren Regionen uns wieder in unsere evolutionär eigentümliche Mobilität zurückbringen. Gut, wir werden das nicht als Sammler und Jäger absolvieren und nicht alle zwingend zu Fuß machen, obwohl erzwungene Mobilität in Form von Flucht und Vertreibung werden auch das Wandern zu ganz neuer Qualität und Quantität bringen.

Wir leben im Zeitalter des Fahrrades, wer steht, fällt! Bewegung wird zum Selbstzweck. Und was immer früher unser Schicksal war, die Politik, die Wirtschaft oder die Geografie, künftig ist es die Mobilität. Denn von den acht Milliarden Erdbewohnern wird nach Khanna die Hälfte sesshaft bleiben und der Rest wird mobil. Teils freiwillig, als neue Lebensform, teils erzwungen durch Flucht und Vertreibung. Die treibenden Kräfte sind die Digitalisierung, die Demografie und der Klimawandel.

Mobilität als neue Lebensform

Träger der gewünschten Mobilität als neuer Lebensform sind weltweit schon heute die jungen Generationen, die Millennials und die Generation Z. Sie bekommen weniger Kinder, stoppen den Anstieg der Weltbevölkerung, sind somit sozial-räumlich mobiler und sie denken global statt in nationalen Grenzen. Sie fragen nicht mehr, woher man kommt, sondern wohin man geht. Und hier wird die Jugend Asiens zur treibenden Kraft, gegenwärtig ist in Asien die Mobilität innerhalb der eigenen Region ausgeprägter als sonst auf dem Globus. Und je mehr der Westen allen Versuchen der Abschottung zum Trotz seine demografischen Lücken schließen muss, umso mehr wird die globale Mobilität auch eine asiatische. Denn hier sind sehr viel mehr jüngere Menschen, die ihre Chancen global suchen, und die globale Digitalisierung erleichtert ihre Mobilität in jeder Hinsicht.

Aber Khannas Lobgesang auf die „schöne neue Welt“ der digitalen Kosmopoliten, die in ihrem Cyberspace überall und nirgends Zuhause sind, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei um eine quantitativ bescheidene Elite handelt, die vielleicht Vorbild eines neuen Lebensstiles, aber nicht die bedeutsamen zu erwartenden Wanderungsbewegungen ausmachen wird.

Die Renaissance des Nomadenlebens führt nicht zurück zur Natur, sondern die Gestalt moderner Mobilität annehmen. Migration wird von der Ausnahme zur Regel, zur Selbstverständlichkeit. Menschen werden jahreszeitlich begrenzt in erträglichere Klimazonen ziehen, manche ortsunabhängigen kosmopolitische Digitalspezialisten verzichten gleich ganz auf Häuser oder andere feste Wohnsitze und verbringen ihr mobiles Leben in einem Wohnwagen. Sie ersetzen zunehmend Häuser veralteter Sesshaftigkeit und schaffen so in den erträgliche Klimagegenden mehr Raum für mehr Menschen. So wie die weißen Siedler einst Nordamerika eroberten, als Holzhäuser zwar die Zelte der Ureinwohner ablösten, aber nie für eine Ewigkeit, sondern nur für Zwischenstationen der Wanderung gebaut wurden. Mehr oder weniger üppige Wohnwagen lösen das Einfamilienhaus oder das Apartment als dauerhafte Behausung ab.

Reichtum als Chance und Armut als Zwang werden die Leitmotive der neuen Mobilität. Mit allen Unterschieden des Luxus treffen sich hier Reichtum und Armut aus entgegengesetzten Gründen in einer neuen Welt der Mobilität. Khanna nennt diese Spezies „Quantenmenschen“, denn wie die Teilchen der Quantenphysik haben sie keinen festen Ort, sind gleichzeitig hier und dort. Die Menschen werden sich den veränderten Lebensbedingungen anpassen, denn der Planet bietet weiterhin acht und mehr Milliarden Menschen Platz zum Leben. Aber die bewohnbaren Klimaregionen werden sich verschieben und knapper werden.

Mobilität durch Klimawandel

Treibende Kraft für die neue Mobilität wird der paradoxe Kampf gegen und um das Wasser. Ein Teil der Erde versinkt im Wasser, ein anderer trocknet aus. Jede Weltregion wird ihre eigenen Probleme bekommen. Die wahrscheinlich begünstigten Europäer müssen nach Khanna „nur“ ihre Städte und Wirtschaft umorganisieren, während den Amerikanern wegen großer Trockenheit wachsende Wüsten drohen. Weite Teile von God’s own country werden veröden. Einstige Sonnenparadiese wie Kalifornien werden feuerspeiende Trockengebiete, Los Angeles verdurstet, San Francisco verbrennt und auf der Ostseite werden New York und Miami im Ozean versinken.

In den letzten dreißig Jahren zwang der Klimawandel weltweit ca. 50 bis 100 Millionen Menschen zum Verlassen ihrer Heimat. Tendenz zunehmend, denn schon heute entvölkern sich die zentralafrikanischen Gebiete und 2050 werden weite Teile des Südens unbewohnbar sein. Im Norden wird sich dagegen ein grünes Band von Kanada über Russland nach Nordeuropa ziehen. Hier liegen die neuen gelobten Länder, die künftigen Zielregionen der Wanderungsbewegungen.

Kanada und Russland mit dem neu zur Eroberung sich entpuppenden Sibirien, wenn es denn vom Eise befreit sein wird, werden nach Khanna die großen Gewinner und Magneten der neuen Menschenströme sein. Bislang unbewohnte Gegenden im Kaukasus und in Sibirien sowie Nordkanada werden auch deshalb zu den Gewinnern des Klimawandels und begehrten Zielmarken neuer Zuwanderungen, weil in diesen Regionen die neuen Kornkammern des Globus entstehen. Russland dürfte das bevorzugte Objekt der Wanderungsbegierde für Asiaten werden, Nordeuropa für Afrikaner und Kanada wird seine gewollt anschwellende Bevölkerungszahl nach politischen Kriterien steuern.

Kanada ist für Khanna das Vorbild, denn Kanada plant derzeit seine Bevölkerungszahl auf 100 Millionen zu verdreifachen. Auch in Europa werden die Abschotter gegen die Öffner zum Umlenken gezwungen. Vor allem die Digitalen und gut ausgebildeten Eliten des Südens werden dann als willkommene Aufbesserer der demografischen Nischen willkommen sein. Aber was ist mit dem Rest, all jene, die schon heute die Verlierer der Globalisierung sind? Diese Mengen werden in noch so optimistischen Szenarien nicht erfasst.

Die Suche nach lebenswerten, nach lebensfähigen Räumen überhaupt wird Wanderungen der globalen Menschheit in Gang setzen, die auch daran erinnern, dass das bislang selten friedlich verlaufen ist. Wie werden die Nesthocker und die Nomaden sich begegnen? Das erinnert an archaische Begebenheiten, wie Kain und Abel. Dass sich bewohnbare Regionen, wo „Milch und Honig fließen“, diese Gewinner des Klimawandels, zu Festungen abschotten, ist eine gegenwärtig naheliegende Variante. Khanna prognostiziert dagegen, die demografische Struktur zwinge diese Regionen zur Öffnung für Zuwanderung.

Die möglichen Schattenseiten der neuen mobilen Welt

Es stellen sich auch noch Fragen anderer Art. Sind die gelobten Regionen ökologisch künftig das, was sie heute (noch) versprechen? Die bislang unvorstellbaren Waldbrände im Westen Kanadas in diesem Jahr sprechen nicht dafür, dass hier ein ökologisch intaktes Gebiet als globale Ausgleichsfläche Bestand hat und gesichert Attraktivität ausstrahlt.

Zu noch mehr Pessimismus lädt Russlands Sibirien ein. Es mag sein, dass die Kaukasuszone Millionen mobiler Asiaten verbunden mit Kasachstan bis zur Mongolei neue, attraktive Wohn- und Lebensräume bieten könnten, aber kann man sich Sibirien als die künftige Werkbank oder gar Kornkammer der Welt vorstellen? Hier ist eine jener Regionen, die mit dem Auftauen des Permafrost und das dadurch freigesetzte Methan genau jene klimaverändernden Treibhausgase produziert, die das Weltklimasystem in eine völlig unkalkulierbare Instabilität katapultieren. Khanna zählt Sibirien neben den schmelzenden Polkappen und dem Amazonasgebiet zu den zentralen Gebieten, die über die Zukunft des Erdklimas entscheiden. Der Klimakollaps erhielte einen irreversiblen Push mit einer unbekannten Eigendynamik. Wieso soll dann ausgerechnet in dieser Region der neuen Garten Eden für Milliarden wanderungswilliger Asiaten entstehen?

Andere Regionen werden aus anderen Gründen Migrationen anziehen. Dubai ist dabei ein Vorbild, eine Kunststadt in der nur ethnische Minderheiten leben, sie wird dadurch zum Leitbild globaler Interkulturalität. Das mag das Paradies moderner Kosmopoliten werden, eine Antwort auf die Frage nach dem Verbleib der fluchtgetriebenen Weltbevölkerung ist dieser Kunsttempel nicht.

Wo globale Migration aus vielfältigen Gründen, sei es Suche nach Arbeit oder Flucht vor den Folgen des Klimawandels in erträglichere Regionen zur Normalität wird, verliert für Khanna die Nation und der klassische Nationalstaat mit seiner gesetzten Souveränität sein Fundament und seine Existenzberechtigung. Und die Mobilität selbst wird dank technologischer Fortschritte durch Wasserstoff nicht mehr zu einem der Klimakiller, sie wird klimaneutral und wird das Leben und Zusammenleben der immer mehr globalisierten Menschen völlig neu organisieren. Letzteres ist denkbar, aber gilt das auch für das Ende der Staatlichkeit? Wer wären die neuen Souveräne? Eine Weltregierung?

Was Khanna prognostiziert ist eine Möglichkeit, unwahrscheinlich ist, dass sie sich ohne große Konflikte vollzieht. Wenn die modernen Nomaden, egal ob fröhlich digitalisiert oder erzwungen, zu den neuen Herdentieren werden, die ihren Ortswechsel dummerweise ohne einen Rest von Sesshaften wohl nicht so gut geregelt kriegen – irgendwer muss sich schließlich um die vielen Dinge für den Alltag kümmern – werden dann die Sesshaften diejenigen, die gegen den Strom schwimmen? Wie werden sich diese Kains verhalten? Haben wir dann das, was Populisten zum heutigen Widerspruch an sich erheben: Volk und Heimat gegen kosmopolitische Eliten?

Vielleicht sollten wir doch noch alles versuchen, den Klimawandel so weit wie nur irgend möglich einzudämmen. Die orakelte Welt danach hat weder sozial noch natürlich viel von einer „schönen neuen“ im Gepäck. Streiten wir also über die verschiedenen Wege gegen den Klimawandel, statt ihn als gegeben hinzunehmen.

Parag Khanna: Move. Zeitalter der Migration. Berlin 2021

 

 

 

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