Samstag, 20. April 2024

Rede von Marcel Reif am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

„Sei ein Mensch!“

Herr Bundespräsident,
Frau Bundestagspräsidentin,
Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Damen und Herren,
hochverehrte Frau Szepesi,

auch ich möchte mich bei Ihnen bedanken dafür, dass Sie hierhergekommen sind und gesprochen haben zu uns – nicht um Sühne oder gar Rache einzuklagen, sondern um zu erinnern, um zu wecken, wo nötig. Damit geben Sie diesem neuen, anderen Deutschland mit unfassbar großem Herzen eine zweite Chance – eine zweite Chance, es anders zu machen, besser zu machen und es richtig zu machen! Dafür kann Ihnen dieses Deutschland und können Ihnen diese Deutschen nicht genug danken.

Aber diese zweite Chance darf nicht – darf niemals und nirgends–- vertan werden! Und deshalb: Ich mag das Wort „Mahnung“ in diesem Zusammenhang nicht, es lässt mir zu viel vermeintlichen Spielraum. „Nie wieder!“ ist mitnichten ein Appell. „Nie wieder!“ kann nur sein, darf nur sein, „Nie wieder!“ muss sein: gelebte, unverrückbare Wirklichkeit!

Manches, was ich nach dem 7. Oktober, nach dem Hamas-Massaker an Israelis, auf Deutschlands Straßen und Plätzen hören und sehen musste, das hat mich entsetzt. Und mein Vater muss sich im Grab umgedreht haben. Aber was da zuletzt zu hören und zu sehen war, die großen Demonstrationen der Aufrechten, das macht mir Hoffnung.

Sie, Frau Szepesi, sprechen, und mögen Sie das noch lange tun! Mein Vater hat geschwiegen, und ich will und ich werde jetzt nicht für ihn sprechen. Aber ich kann und ich darf über ihn sprechen. Und ich möchte ihm heute und hier Danke sagen für sein lebenslanges Schweigen, weil ich es zu seinen Lebzeiten versäumt habe!

Als sich Anfang der 50er Jahre in Polen, wo wir lebten, wieder antisemitische Strömungen breitmachten, beschlossen meine Eltern, beschloss vor allem mein Vater: einmal ist genug! Er hatte den Holocaust überlebt, die meisten aus seiner Familie nicht. Über den letztlich nicht tragfähigen Umweg Israel zog die Familie nach Deutschland, in das Land der Täter. Das Land der Täter!

Aber hier waren Freunde, waren Verwandte, die helfen konnten. Hier fanden wir ein Dach über dem Kopf, hier fand mein Vater Arbeit, um die Familie durchzubringen. Das neue, das andere Deutschland bot ihm jetzt eine zweite Chance auf anständiges, würdevolles Leben. Und hier wuchsen meine Schwester und ich auf – eine fröhliche, sorgenfreie, liebevolle Kindheit und Jugend war das. Fröhlich und sorgenfrei nicht zuletzt – das weiß ich heute –, weil mein Vater schwieg.

Kein Wort über all das, was er erlebt, was er überlebt hatte. Er sprach nicht, und ich fragte nicht. Ich würde gern behaupten, weil es seine Entscheidung war und ich sie respektiert habe. Vielleicht, auch. Aber vor allem war es meine Angst, Angst, Unsagbares hören, Unfassbares erfassen und Unerträgliches ertragen zu müssen: Bilder des Grauens, was man meinem großen, starken Vater angetan hatte. Die Wahrheit war doch eindeutig genug: Ich hatte keine Großeltern, und ich wusste, warum. Ein Onkel, eine Tante, eine Cousine waren geblieben, alle anderen ermordet.

Jahre nach Vaters Tod war offenbar ein Schweigegelöbnis seiner Frau, unserer Mutter, abgelaufen. Ich wollte jetzt wissen, und sie durfte sprechen. Vater war ein liebevoller, ein guter Opa. Mindestens einmal in der Woche kam ich mit meinem kleinen Sohn zu Besuch. Es waren wunderbare Stunden. Nur manchmal verfiel er kurz in eine kleine Depression, er wurde für ein paar Minuten unerreichbar. Ich fand das angesichts seines kleinen Enkels unangemessen und war einmal drauf und dran, mich dazu zu versteigen, ihn dafür tadeln zu wollen. Da fuhr meine Mutter dazwischen: Sie machte so eine absolute Handbewegung und sagte: „Du weißt ja gar nichts!“ Zum Glück habe ich reagiert auf dieses Durchparieren und meinen Mund gehalten. Weil ich zwar nicht wusste, aber offenbar sehr wohl ahnte: Da ist etwas, viel zu groß, viel zu furchtbar.

Mutter erzählte, wie eine Gruppe Juden mit meinem Vater auf der Flucht durch die Wälder einen kleinen Jungen – ungefähr so alt wie sein Enkel – bei polnischen Bauern zurückließ, um überhaupt eine Chance zu haben. Nach der Befreiung wollten sie den Jungen wieder abholen. „Es tut uns leid. Die Deutschen kamen, und da mussten wir das Kind die Klippe runterwerfen.“ Und Mutter sagte: „Weißt du: Manchmal, wenn du mit deinem Sohn bei uns warst, hatte er auch diesen Jungen vor Augen.“

Hätte ich ihn fragen sollen, ihn fragen müssen? Wäre es richtiger gewesen, besser, leichter für ihn und für mich? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich gewiss: Ich bin der Letzte, der Allerletzte, dem es zusteht, darüber zu urteilen! Im Nachhinein sowieso.

Viel zu gern hatte ich als Kind und junger Mann diesen warmen, kuscheligen Mantel seines Schweigens angenommen, mich darin eingewickelt mit den Sorgen und Problemen eines Nachkriegswirtschaftswundersprösslings: die Lateinnote, Modell und Farbe des ersten Autos, die Fußballerkarriere – Gegenwart nur und rosige Zukunft.

Ich glaube, die Vergangenheit habe ich erst 50 Jahre später wirklich angenommen in den Gesprächen mit meiner Mutter. Wobei – Gespräche? Ich brauchte für ein Buch ein paar Erläuterungen von ihr, Präzisierungen, Abgleich von Jahresdaten. Es wurden drei Tage daraus. Sie hat erzählt, und ich habe zugehört. Wir haben viel gelacht und noch mehr geweint. Und sie hat am Ende bestätigt, besiegelt, was mein Vater gewollt und geschafft hatte, nämlich: Es durfte nicht sein, dass auch noch seine Kinder von den furchtbaren Schatten heimgesucht, gequält werden, die seine Kindheit und Jugend verdunkelt, zerstört hatten. Wir sollten, wir durften nicht in jedem Postboten, Bäcker, in jedem Straßenbahnfahrer oder Lehrer einen möglichen Mörder unserer Großeltern vermuten. Eine behütete, unbelastete, unbeschwerte Kindheit sollte es sein, musste es sein.

Und er wollte diesen verschlossenen Raum in unserem Lebenshaus auch nicht mal einen Spalt breit öffnen – auch nicht für die „guten Geister“, die darin ja ebenfalls wohnten: So hatte ihn der spätere Krupp-Manager Berthold Beitz aus einem Todeszug Richtung Vernichtungslager geholt und ihm damit das Leben gerettet. Ohne Beitz würde ich heute nicht hier stehen.

Oder vor ein paar Jahren sprach mich ein Mann hier in Berlin auf der Straße an, ob ich ein paar Minuten Zeit hätte für einen Kaffee, er wolle mir etwas über meinen Vater erzählen: Auf der Flucht durch die Wälder hatte Vater ihn, den Vierjährigen, auf den Schultern getragen und ihm so das Leben gerettet. Das alles weiß ich heute.

Und noch etwas habe ich endlich – viel zu spät! – erkannt, begriffen, und das ist, was zählt: Ich erinnere mich nicht an den Anlass und nicht an den Zeitpunkt, aber mir wurde irgendwann beinahe schlagartig klar, dass mein Vater ja doch gesprochen hatte und mir all das gesagt und mitgegeben hatte, was ihm wichtig war; was er gerettet hatte, als Essenz destilliert aus all dem Unmenschlichen der Häscher und Mörder, aus dem Übermenschlichen eines so mutigen Berthold Beitz, aus dem, was er selbst geleistet hatte mit dem kleinen Jungen, der seine eigene Menschlichkeit abgefragt hatte. Das alles hat er in einen kleinen Satz gepackt. Und ich erinnere mich täglich mehr daran, wie oft er mir diesen Satz geschenkt hat – mal als Mahnung, mal als Warnung, als Ratschlag oder auch als Tadel. Drei Worte nur in dem warmen Jiddisch, das ich so vermisse: „Sej a Mensch!“ – „Sei ein Mensch!“

Dein Schweigen, deine Lebensfreude trotz allem, deine ungebrochene Fähigkeit, uns so viel Liebe und Fürsorge zu geben – und dieser Satz: „Sei ein Mensch!“ –, dafür danke, Papa! Und ich bin stolz, dass ich meinen Söhnen und Enkeln, die da oben sitzen, dieses Vermächtnis ihres Groß- und Urgroßvaters habe offensichtlich weitergeben können.

Und wenn Sie es mir erlauben und wenn Sie mögen – gerade heute aus diesem Anlass und gerade hier in diesem höchsten deutschen Hause –, dann lass ich Ihnen den kleinen und doch so großartigen, wundervollen Satz, den mein Vater, Leon Reif, gesagt hat, dann lass ich Ihnen diesen Satz hier: „Sej a Mensch!“ – „Sei ein Mensch!“

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