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Montag, März 1, 2021

Judith Kessler über Vera Menchik (*16.2.1906), die erste Schachweltmeisterin – sehr lesenswert!

Vera Menchik *16.2.1906 war die erste Schachweltmeisterin und konnte den Titel 17 Jahre lang verteidigen, bis sie – zusammen mit Schwester und Mutter – in London von deutschen Bomben getötet wurde.

Vera und ihre Schwester Olga wurden in Moskau geboren. der Vater war Tscheche, die mutter Britin. Beide Mädchen lernten schon früh Schach spielen. 1921 zog die Familie nach England und Vera erregte sofort Aufsehen, als sie die britische Mädchenmeisterschaft gewann.

Ab 1922 vom ungarischen Großmeister Geza Maroczy trainiert, wurde sie 1927 Londoner Frauenmeisterin mit fünf Siegen vor ihrer Schwester und als die FIDE im selben Jahr die erste Weltmeisterschaft für Frauen austrug, gewann die 21-jährige auch die auf Anhieb, mit zehn Siegen und einem Remis. Danach verteidigte sie diesen Titel in jedem Jahr. Ihre Bilanz ist bis heute einmalig: 78 siege, 4 mal remis und nur eine einzige Niederlage bei acht Weltmeisterschaften.

1927, als sie zum ersten Mal Weltmeisterin wurde, hatte Vera in Karlsbad als erste und einzige Frau vor dem Zweiten Weltkrieg erstmals an einem Männerturnier teilgenommen: Der Wiener Meister Albert Becker höhnte vor Beginn des Turniers, jeder Mann, der gegen sie verliere, solle fortan zum „Vera Menchik Klub“ gehören. Ironie des Schicksals: Ihm selbst wurde die „Ehre“ zuteil, erstes Klubmitglied zu werden. Nach ihm mussten noch viele damals bekannte Schachspieler dem Klub „beitreten“ – u.a. Max Euwe, Samuel Reshevsky, Frederick Yates, Edgar Colle, Karel Opocensky, Sir George Thomas, Akiba Rubinstein und Sultan Khan.

Vera Menchik ermutigte Frauen, sich in die Männerdomäne vorzuwagen. Sie war ein großes Vorbild für Spielerinnen auf der ganzen Welt. nachdem sie 1935 durch die Sowjetunion gereist war, meldeten sich dort im Jahr darauf fast 5000 Frauen für die Qualifikation zu den sowjetischen Meisterschaften an.

Vera Menchik war die mit großem Abstand stärkste Spielerin weltweit und hätte sehr wahrscheinlich weitere Erfolge feiern können. Sie war erst 38, als sie 1944 sinnlos starb.

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler (Jg. 1959) hat als Sozialwissenschaftlerin , Autorin und Redakteurin etliche Studien und Publikationen zur jüdischen Gegenwartskultur und sowjetisch-jüdischen Migration verfasst, darunter: "Von Aizenberg bis Zaidelman, Jüdische Migration aus der früheren Sowjetunion seit 1990", "Zum kulturell-religiösen Selbstverständnis Berliner Juden", "Klezmerfreie Zone oder Jewish Disneyland", "Zwischen Charlottengrad und Scheunenviertel", "Jüdisches im Grünen" (mit Lara Dämmig). Sie ist seit langem in der jüdischen Familienforschung unterwegs und wird ab und zu angesprochen, wenn Menschen nach Spuren ihrer Vorfahren oder Familien suchen. Manchmal ergeben sich daraus Geschichten (und Freundschaften) ...

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