Freitag, 23. Februar 2024

„Testudo!“ – Training mit Legionären bei den Römer- und Germanentagen

Testudo!“, schallt es über das ehemalige Schlachtfeld. Wer als Kind den „Adler der 9. Legion“ gelesen oder den Film mit Channing Tatum und Jamie Bell gesehen hat, weiß, dass das auf Lateinisch „Schildkröte“ bedeutet.

Im Film ist das eine angsteinflößende Szene. Aber heute ist es eine Gruppe von Kindern, die beim „Training für junge Legionäre ab acht Jahren“ mitgemacht hat und die römische Kampfformation auf einer Wiese in Kalkriese nachspielt. Nach langer Pause gibt es wieder Römer- und Germanentage. Im Germanenwald können Kinder lernen, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht, bei den Römern nebenan „Kochen wie ein Legionär“ – Szenen einer friedlichen Koexistenz, wie es sie hier in der Realität nie gegeben hat. Nach dem Sieg des Arminius in einer der größten Schlachten des Altertums im Norden Europas zogen sich die Römer hinter den Rhein zurück. Davor kam aber erst noch ein Feldherr namens Germanicus und räumte das Schlachtfeld auf – obwohl sein Kaiser Tiberius eigentlich dagegen war, weil er meinte, der Anblick der Erschlagenen und Unbestatteten würde den Kampfgeist des Heeres lähmen (mobile Krematorien gab es noch nicht). Was neben den Knochengruben blieb, waren tausend kleine Puzzleteile von drei Legionen, der XVI., XVII. und XVIII., und ihrem Tross, die seit dem spekatulären Münzfund von Tony Clunn, einem Major der britischen Army, 1987 aus dem Boden geholt wurden. Die Römer gingen und kamen erst ab 1962 als Gastarbeiter wieder. Bis dahin mussten die Germanen weiter ohne Pizza-Lieferdienste auskommen.

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Die Briten machten das geschickter. Sie vertrieben die römischen Besatzer erst wieder aus dem Land, nachdem sie alle zivilisatorischen Errungenschaften in der Medizin, den sanitären Einrichtungen, dem Schulwesen, Wein, der öffentlichen Ordnung, der Bewässerung, Straßen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Gesundheitsvorsorge im Land etabliert hatten, die man aus dem „Leben des Brian“ kennt. Arminius und seine Nachfahren, die sturmfesten Germanen, konnten dagegen lange zu Recht fragen: „Was haben die Römer je für uns getan?“ Immerhin haben die toten Römer schon einige Touristen nach Kalkriese gebracht. Zum Dank nennt sich das Museum darum auch nicht nach dem Sieger Arminius, sondern nach dem Generalfeldmarschall, täterätätä-ä, Herrn Quintilius Varus, dem Verlierer der Schlacht.

Die aktuelle Sonderausstellung im „Varusschlacht“-Museum handelt ebenfalls vom Tod, unter dem Vulkan in Pompeji. Bei den Römer- und Germanentagen dagegen gibt es lebendige Geschichte zu sehen – mit Living-History-Darstellern aus vielen Ländern. Die 120 Mitglieder der in Hamburg gegründeten LEGIO XXI RAPAX kommen u. a. aus Polen, Deutschland, Luxemburg und Tschechien. Die ukrainischen Legionäre können bei den Schaukämpfen in Kalkriese nicht dabei sein, sie befinden sich gerade in einem richtigen Krieg. RAPAX bedeutet reißerisch, räuberisch oder schnell – die Legion war nach eigenen Angaben als einer der streitsüchtigsten Verbände bekannt.

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Aber in Kalkriese wird nicht nur gekämpft und Krieg gespielt, sondern auch der Lageralltag dargestellt. Etwa das Cornu genannte Blasinstrument, das die Befehle eines Centurios über das Schlachtfeld sandte, oder die Hornsignale, die die Soldaten in einem Militärlager in der Nacht aus dem Schlaf rissen und zur Wache riefen. Centurionen mit dem Helmbusch aus rot oder blau  gefärbtem Pferdehaar laufen hier einige über das Gelände. Der Fokus liegt wie bei jedem Reenactment nicht auf den Kampfvorführungen, sondern auf dem Erklären. Wenn die Darsteller vom Alltag im römischen Lager und dem Leben der Hilfstruppen erzählen, werden geschichtliche Zusammenhänge auf einmal verständlich – sogar für Kinder. Für die spielt der Legionär der römischen Militärband auf dem Cornu völlig unhistorisch zwischendurch das Pippi-Langstrumpf-Lied – Geschichtsunterricht auf unterhaltsame Art. Auch Erwachsene können noch viel dazulernen, dass ihnen in der Schule niemand beigebracht hat, oder auf so öde Art, dass man es gähnend gleich wieder vergaß. Bevor die Schlacht beginnt, wird ausführlich die Ausrüstung der Legionäre und der Unterschied zwischen einem Kettenpanzer (lorica hamata) und einem Schuppenpanzer (lorica segmentata) erklärt, wie er vor vier Jahren fast vollständig erhalten in Kalkriese ausgegraben wurde. Dann gibt es ausgiebiges Hauen und Stechen. Der Sieger wird mit einer großen Amphore mit Wein belohnt. Den leckeren römischen Gewürzwein mulsum kann man vor Ort probieren, und zuhause nachmachen.

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Gegen Ende der Kämpfe beginnt es zu nieseln – eigentlich das historisch korrekte Wetter für die Römer- und Germanentage. Denn Varus Legionen wurden nicht nur durch den Furor Teutonicus über die von den römischen Besatzern erhobenen Steuern besiegt, sondern auch durch das germanische Sauwetter in Germanien mit tagelangem Regen und einem furchtbarenn Sturm, das die römischen Schwerter in den Scheiden rosten und die Soldaten über ihre Sandalen und Schilde  fluchen ließ, die sich mit Wasser vollzogen, kurz, die überlegene, aber sauschwere römische Ausrüstung zum strategischen Nachteil gegenüber der leichten Bewaffnung der nur rudimentär ausgerüsteten Germanen machte. Wie schwer ein Kettenhemd (wie hieß das noch mal auf lateinisch?) ist, kann man im Kalkrieser Feldlager ausprobieren. Kinder dürfen sich auf dem Gelände als „kleine Legionäre“ verkleiden. Das Mitmachen hat aber Grenzen, auf die gleich am Eingang hingewiesen wird: Der Zutritt zum Gelände ist nur in ziviler Kleidung gestattet. Personen oder Gruppen von Personen, die durch ihre Ausstattung oder Tracht den Eindruck erwecken, dass sie aktiv an den Römer- und Germanentagen mitwirken könnten, haben grundsätzlich keinen Zugang. Das dürfte Gästen, die solche historischen Veranstaltungen gerne in Gewandung aufsuchen, den Spaß verderben.

Diskussionen um den „richtigen“ Ort der Schlacht zwischen Römern und Germanen hört man heute nicht. Anscheinend sind keine Detmolder aus dem Schlagschatten des Hermannsdenkmals vor Ort. Was viele nicht wissen: Die „Schlacht im Teutoburger Wald“ fand eigentlich im Osning statt. Erst nachdem 1507 in der Abtei Corvey an der Weser die Aufzeichnungen des römischen Geschichtsschreibers Tacitus entdeckt wurden, der von einer Schlacht im „saltus Teutoburgiensis“ berichtete, wurde das nördliche Teilstück des Osning in Teutoburger Wald umbenannt – eine clevere Marketingstrategie des Bischofs von Paderborn, die bis heute Touristen in die nicht mehr ganz so finsteren germanischen Wälder lockt, in denen irgendwo immer noch zwei Legionsadler ihrer Entdeckung harren.

Die Germanen gewannen eine Schlacht gegen einen aufgrund seiner technischen Überlegenheit für unbesiegbar gehaltenen Gegner, eine Weltmacht, die ihre Expansionspolitik immer weiter vorangetrieben hatte. Ihr rauhes Klima half ihnen beim Sieg, so wie den Ukrainern in diesem Frühjahr die Rasputiza genannte Schlammperiode, die die russischen Panzer aufhielt. „Varus, Varus, gib mir meine Legionen zurück!“, soll der römische Kaiser Augustus im Jahr 9 nach Christus gerufen haben, als er erfuhr, dass mehr als 15.000 römische Soldaten von den Germanen niedergemetzelt wurden. Russland hat bereits doppelt soviele Soldaten in seiner „Spezialoperation“ in der Ukraine verloren. Manchmal endet Expansion anders als geplant.

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