Dienstag, 16. August 2022

Von der „Gastarbeit“ zur Einwanderung

Vortrag von Tim Zumloh in der VHS am Donnerstag, 23.06.2022

Lag es am Thema oder an den Temperaturen (gefühlte 45° im Schatten)? Der Konferenzsaal im Obergeschoss des VHS-Gebäudes hatte jedenfalls schon mehr BesucherInnen gesehen. Am Donnerstagabend fanden sich lediglich acht Menschen im Konferenzsaal der Volkshochschule ein, um einen Vortrag zur Osnabrücker Migrationsgeschichte in den 1970er Jahren zu hören. Sicherlich dominieren momentan andere Themen (Stichworte: Pandemie; Überfall auf die Ukraine) die öffentliche Wahrnehmung; etwas mehr Interesse aber hätte das Vortragsthema schon verdient gehabt.

Der Zeithistoriker Tim Zumloh (LWL Münster) referierte über den Aushandlungsprozess, den Migranten und Migrantinnen mit den alteingesessenen OsnabrückerInnen in den 1970er Jahren bezüglich ihres Status´ in der Stadtgesellschaft führten. In diesem Jahrzehnt wurden viele Neu-OsnabrückerInnen heimisch in der Hasestadt. Aus ArbeitsmigrantInnen wurden bundesweit ImmigrantInnen. Nach dem Ende des „Wirtschaftswunders“ und der „Gastarbeit“ beanspruchten viele MigrantInnen die Aufnahme in die bundesdeutsche Gesellschaft. Sie beschwerten sich öffentlich über ihre Wohnverhältnisse in oft barackenartigen Unterkünften. Bei Karmann streikten sie 1973 unangekündigt und ‚wild‘, also ohne Unterstützung durch die Gewerkschaft, um gegen ihren Arbeitgeber zu protestieren.

 

„Wilder“ Streik bei Karmann

Diesen Streik nahm Tim Zumloh genauer unter die Lupe, erkennt er doch in ihm einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen AusländerInnen und der alteingesessenen Bevölkerung. Wie an anderen Industriestandorten im Land auch, betonten ausländische ArbeitnehmerInnen erstmals und sehr deutlich ihre spezifischen Interessen in spontanen Arbeitsniederlegungen. In Osnabrück waren die Urlaubsregelungen des Karosseriebauers Karmann Anlass, in den Ausstand zu gehen. Für die deutschen KollegInnen war es kein Problem die Urlaubstage auf zwei oder drei Blöcke im Jahr zu verteilen. Für die „Gastarbeiter“ aber ergab es keinen Sinn, die beschwerliche Reise in ihre Herkunftsländer für lediglich zwei oder drei Wochen anzutreten. Sie wollten ihren Jahresurlaub fünf Wochen am Stück nehmen können, ohne befürchten zu müssen, bei ihrer Rückkehr nach Osnabrück ohne Arbeitsplatz dazustehen. Während die IG Metall zurückhaltend auf die Forderungen der Streikenden reagierte, fand der Arbeitskampf bei linksoppositionellen Gruppen, insbesondere dem Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) ungeteilte Sympathie und Unterstützung.

Tim Zumloh referierte, dass die „wilden“ Streiks des Jahres 1973 und vor allem ihre ablehnende Berichterstattung der (Boulevard-)Presse zur Entscheidung eines Anwerbestopps für MigrantInnen im Herbst desselben Jahres beigetragen haben. In der anschließenden Diskussion wurde noch einmal erwägt, ob dieser Anwerbestopp nicht vielmehr als Reaktion auf die steigenden Arbeitslosenzahlen zu verstehen sei. Dabei wurde die Unterscheidung zwischen Ursache und Anlass reflektiert.

Ferner wurde im Anschluss an den Vortrag erörtert, ob nicht mehr Solidarität von den deutschen ArbeitnehmerInnen gegenüber den ausländischen KollegInnen, insbesondere auch von Seiten der IG Metall zu erwarten gewesen sei. Es wurde festgestellt, dass die „wilden“ Arbeitskämpfe von 1973 halfen, die gegenseitige Wahrnehmung zu erhöhen und einen Prozess anstießen, der das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und ausländischen KollegInnen nachhaltig veränderte.

Abb, 3 VHS

Die Kinder der „Gastarbeiter“

Tim Zumloh verdeutlichte, dass das Thema Migration bis in die 1970er Jahre hinein vor allem unter wirtschaftlichen Prämissen gesehen und diskutiert wurde. Politische oder soziale Aspekte wurden gänzlich ignoriert. Galt es doch sowohl bei den MigrantInnen wie bei der deutschen Gesellschaft lange Zeit als ausgemacht, dass die „Gastarbeiter“ nach ihrem Erwerbsleben zurück in ihre Herkunftsländer gehen.

Das führte vor allem für die Kinder der „Gastarbeiter“, denen ein zweiter, größerer Block des Vortrags gewidmet war, zu schwierigen Situationen. Die hatten nämlich das Problem, nirgends „richtig“ dazu zugehören, da ihnen von Seiten der deutschen Umwelt, wie von den Eltern gesagt wurde, sie gingen sowieso bald „zurück“. Eine weitere Folge war die nachlässige Beschäftigung mit (Aus-)Bildung dieser Generation. Vor allem in den Stadtteilen, in denen sich die „Gastarbeiter“-Familien konzentrierten fehlte es massiv an Kindergartenplätzen; und wo vorhanden, garantierten sie meist keine Ganztagsbetreuung. Im Schulbereich sah die Situation nicht viel besser aus. Am meisten belastete die Eltern, dass ca. 60 % der migrantischen Kinder ihre schulische Laufbahn ohne Abschluss beendeten. Rund 10 % erhielten aufgrund sprachlicher Handicaps eine Sonderschulempfehlung.

Da traf es sich gut, dass Anke Fedrowitz im Publikum saß. Die engagierte Lehrerin setzte sich damals gemeinsam mit dem spanischen Elternverein dafür ein, dass mangelnde Deutschkenntnisse nicht länger als Begründung für eine Versetzung auf die Sonderschule ausreichten. Strittige Fälle bedurften fortan der Überprüfung durch eine muttersprachliche Lehrkraft. Zudem sollte auch die Zensur im muttersprachlichen Unterricht in die Gesamtbewertung einfließen. Anke Fedrowitz konnte über allerlei bürokratische Hürden und Herausforderungen im Schulalltag berichten.

Abb. 2 - 1976-Adalbert

Die „Gastarbeiter“ und ihre Familien bleiben

Im Laufe der 1970er Jahre begannen die „ausländischen Mitbürger“ sichtbarer zu werden und sich stärker am Gemeinschaftsleben zu beteiligen. Es wurde immer klarer, dass viele Familien hier bleiben werden. Städtische und migrantische Initiativen drangen mit dem Wunsch nach mehr Integration an die Öffentlichkeit. Eine erste, wichtige Etappe für eine diesbezügliche Zusammenarbeit bildete die Einrichtung des Informations- und Beratungszentrums für ausländische Arbeitnehmer (IBZ) durch die Stadt Osnabrück. Mit dem „Ankommen“ der Neu-OsnabrückerInnen in viele Lebensbereiche in den 1970er Jahren intensivierte sich aber auch die Diskussion um ein „Einwanderungsland Deutschland“. Aber nicht immer war der Weg in die Osnabrücker Stadtgesellschaft von Konflikten geprägt. Im Kulturbereich bereicherten die ImmigrantInnen die Stadt nachhaltig. Bis heute spielen Internationalität und transkulturelle Veranstaltungen im städtischen Selbstbild der ‚Friedensstadt‘ eine wichtige Rolle.

Mit diesem Fazit endete Tim Zumlohs Vortrag. Und damit die letzte Veranstaltung in einer Reihe, die als Begleitprogramm zur 70er-Jahre-Ausstellung „Aufbruch und Krise“ von 2022 konzipiert war.

 

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