Samstag, 20. Juli 2024

„Denn sie wissen, was sie tun.“

Ein Kommentar zu „The Zone of Interest“

Bevor die Leinwand in gleißendem Licht erstrahlt, bleibt sie minutenlang pechschwarz. Der Zuschauer lauscht einer kaum zu bestimmenden Kakophonie aus metallischem Wummern und Rauschen. Dann Cut: blendendes Weiß und durchdringendes Dröhnen weichen einer idyllischen Szenerie. Eine Badegesellschaft verbringt am Ufer eines Flusses einen lauschigen Sommernachmittag. Kinder planschen im Wasser, die Mutter breitet auf einer Picknickdecke einen mitgebrachten Imbiss aus, während der Vater, am Ufer stehend, das Gesicht genießerisch der Sonne zuwendet. Im Anschluss an das stärkende Mahl begibt sich die kleine Gruppe durch ein Wäldchen zurück nach Hause. Doch dieses Zuhause befindet sich nicht irgendwo. Es liegt mitten im „Interessensgebiet des Konzentrationslagers Auschwitz“, wie die SS das Areal um das berüchtigte Vernichtungslager im deutsch besetzten Polen bezeichnete und das dem Film „The Zone of Interest“ seinen Namen gab.


Das Böse als weißes Rauschen

Im oscarprämierten Werk (ausgezeichnet in den Kategorien „Bester internationaler Film“ und „Bester Ton“) des britischen Regisseurs Jonathan Glazer begleiteten der Zuschauer hautnah den Alltag von Rudolf und Hedwig Höß (erschreckend überzeugend dargestellt von Christian Friedel und Sandra Hüller). Der Kommandant von Auschwitz und seine Ehefrau führen mit ihren fünf Kindern in unmittelbarer Nachbarschaft des Vernichtungslagers ein sorgloses Leben im bürgerlichen Luxus.

Rudolf reitet morgens auf seiner Stute zur Arbeit. Er liebt Tiere, unternimmt mit seinen Kindern ausgiebige Streifzüge in die Natur und echauffiert sich darüber, dass SS-Männer Blüten aus den Fliederbüschen der Umgebung rupfen. Hedwigs ganze Hingabe gilt ihrem „Paradiesgarten“, den prächtigen Blumenbeeten und Obstbäumen. Nur die graue Mauer, hinter der die Wachtürme und Schornsteine aus rot-braunem Backstein aufragen, stört sie ein wenig: „Da pflanzen wir noch Wein vor.“

Doch auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, verleugnet wird die Realität bei der Familie Höß nicht. Sie sind sich der Geschehnisse jenseits ihrer Gartenmauer bewusst. Ihr Alltag ist von den Zeichen geprägt: in der Nacht leuchtet der Himmel in einem tiefen orange-rot, ausgestrahlt von den Öfen der Krematorien. Der Ascheregen aus den Schornsteinen landet auf den Blumen in Hedwigs Garten, die Kinder spielen mit gefundenen Zahnstummeln. Und dann die Geräusche: im Hintergrund

Die Tonspur ist der dritte herausragende Hauptdarsteller des Films: beständig zischt, wummert und kreischt es im Hintergrund. Von SS-Männern gebrüllte Befehle, Hundegebell und Gewehrsalven mischen sich mit den Schmerzensschreien und dem Weinen der Lagerinsassen. Durch den Ton ist die Gewalt, trotz der fehlenden Bilder, omnipräsent.

Doch Rudolf und Hedwig Höß erscheinen trotz allem nicht als blutrünstige Monster. Vielmehr zeichnet Regisseur Jonathan Glazer sie als „nicht denkende, bürgerliche, karrieregeile Schrecken“. Menschen, denen es gelingt, das abgrundtiefe Grauen in ihrem engsten Umfeld in weißes Rauschen zu verwandeln. Menschen, deren beschauliche Existenz von der Maschinerie abhängt, die einen Steinwurf entfernt unzählige Leben zerstört. In einer der prägnantesten Szenen des Films verteilt Hedwig ein aus dem Lager stammendes Paket Kleidungsstücke an ihre polnischen Bediensteten, die sich jeweils ein Stück aussuchen dürfen. Sie selbst behält einen Pelzmantel, in dem sie sich vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers dreht und wendet. Aber es ist nicht allein diese Intimität mit den Vernichteten, die den Schrecken von „The Zone of Interest“ ausmacht. Es sind die Gefühle von Aktualität und Allgegenwärtigkeit, die durch die Handlung ausgelöst werden.


Eine universelle Botschaft

 Denn Jonathan Glazer wollte mit „The Zone of Interest“ eben nicht einen weiteren Holocaust-Film erschaffen, wollte das bekannte Grauen nicht erneut reproduzieren. Bewusst ließ er die Historizität des Geschehens aufheben, verzichtete auf eine möglichst genaue historische Rekonstruktion. Dieses bewusste „Auslassen“ sollte etwas Universaleres“ in den Mittelpunkt stellen: die Fähigkeit des Menschen, mit Gräueltaten zu leben, sich mit ihnen zu versöhnen und aus ihnen Nutzen zu ziehen. Rudolf und Hedwig Höß haben den Holocaust zu einem „Teil ihres Lebens“ gemacht, einer Kulisse, vor der sie ihre alltäglichen Familienprobleme – Ehekrach, Besuche der Schwiegermutter, schlaflose Kinder – bewältigen. Sie haben sich mit dem Massenmord vor ihrer Haustür bestens arrangiert.

Und Glazer ruft in Erinnerung, dass wir beständig das Gleiche tun: Denn viele der aus dem Holocaust bekannten Muster – Mauern, Ghettos, Massentötungen, bekundete Absichten zur Eliminierung, Massenhunger, Plünderungen, Entmenschlichung und Demütigung – begegnen uns bis heute immer wieder. Und zu viele blockieren die Bilder, blenden die Schreie aus und machen weiter wie gewohnt, während das Unrecht in dieser Welt zum „weißen Rauschen“ wird, zur Fahrstuhlmusik unseres Lebens. „The Zone of Interest“ ist somit viel mehr als (nur) ein weiterer historischer Spielfilm über den Holocaust. Er ist hochaktuell. Er ist Anprangerung, Mahnung und Herausforderung.

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