Beate Pelzer: Mein Abenteuer mit der Bahn … und 17 Screenshots später …

Vielen Dank an unsere Leserin Beate Pelzer für diesen wunderbaren Artikel …

Beate Pelzer
TrainSPOTTing mit dem 9-Euro-Ticket

Meine letzte körperlich anstrengende Schnapsidee bewegte mich im Sommer 2020 dazu, 10 Tage zu Fuß dem Jakobsweg von meinem Wohnort Osnabrück zu meiner Mutter nach Remscheid zu folgen. Warum? Ich fand die Idee witzig, meine Mutter zu Fuß besuchen zu kommen. Folglich kündigte ich mich zum Abendessen in 10 Tagen an.

Ein paar Blasen und diverse Begegnungen und Impressionen später, traf ich dann auch in der genannten Frist ein. Auf meine Füße und meinen eisernen Willen war Verlass!

Zwei Jahre später kündigte die Ampelkoalition die temporäre Einführung des 9-Euro-Tickets für Bus und (Regional-)Bahn an und bescherte mir somit eine weitere Chance, meiner Familie meine Zuneigung auf besondere Art und Weise auszudrücken. Diesmal sollte es in den Süden zu meiner Schwester nach Heidelberg gehen, von meinem Arbeitsort aus knackige 7:58 Stunden pures Bahnvergnügen in 4 Akten, sprich mit 4 Umstiegen.

Für mehrere Umstiege und eine solch lange Fahrzeit grenzt es daher fast an ein Wunder, dass ich am Ende „nur“ 9 Stunden gebraucht habe. Gut, aus den 4 Umstiegen wurden 5 und meine Route hat sich auch mehrfach geändert, aber es hätte schlimmer sein können. Das Gesamtergebnis lässt sich also sehen (wenn man mal auslässt, dass man mit dem Auto die Hälfte der Zeit gebraucht hätte).  Die Zwischenvorfälle, insbesondere die kommunikativen Defizite, häuften sich jedoch mit zunehmender Fahrzeit an. Ein kleiner Reisebericht:

15:15: Der Bus fährt mich zuverlässig von meiner Arbeitsstelle zum Bad Oeynhausener Bahnhof. Dort erreicht mich die erste Verspätungsmeldung. Mein Zug nach Hamm kommt ca. 15 Minuten später. Vor Ort habe ich nur 18 Minuten Umstiegszeit. Ungünstig. Entscheide mich, in Bochum umzusteigen.

Statt über Hagen soll es jetzt über Siegen gehen. Meinetwegen. Erreiche den Bahnhof pünktlich und hab sogar ein wenig Zeit auf dem Bahnsteig, ehe der Zug ankommt. Die RE16 ist für 17:47 angekündigt. Nach einer kurzen Verspätungsmeldung in der DB App, entscheidet diese um 18:00, dass der Zug um 17:47 pünktlich war. Ich warte jedoch weiter vergebens auf seine Einfahrt. Kurz nach 18 Uhr verschwindet der Zug ganz vom Display und der Folgezug eine Stunde später wird angezeigt.

Muss umplanen. Renne auf ein anderes Gleis, um die RE1 nach Köln zu nehmen, um über die Domstadt einen Anschluss in Siegen zu bekommen. Auch hier wird die angezeigte Umstiegszeit in Köln Messe/Deutz angesichts einer zunehmenden Verspätung knapper. Steige letztendlich in Düsseldorf um. Nun geht es allerdings mit der RE5 nach Koblenz, die ich auch nur deshalb erreiche, weil mein Zug die Verspätung dieses Regionalexpresses ausgelöst hat.

Es ist mittlerweile schon 19:05 und ich bin 4 Stunden nach Abfahrt immer noch in NRW. Als der Zug dann endlich kommt, wähne ich mich fast schon in Sicherheit vor dem Bahnchaos. Doch ich hatte vergessen, dass wir Köln passieren. Wie so häufig blieb der Zug auf der Rheinbrücke stehen. Interessanterweise, weil die RE1 – der Zug, in dem ich vorher saß und der insgesamt bis Aachen fährt, geräumt werden muss, weil technische Probleme auf der weiteren Strecke aufgetaucht sind. Mit mehr als 30 Minuten Verspätung erreiche ich schließlich um 21:20 den Koblenzer Hauptbahnhof. Wieder kommt mir die Verspätung meines Anschlusszuges von in diesem Falle 40 Minuten zugute. Leider verschwindet dieser auf der Anzeigetafel plötzlich und keine Durchsage über seinen weiteren Verbleib ertönt.

Ein anderer Zug Richtung Mainz fährt ein und ich begebe mich erst einmal in diesen hinein, bis ich aus dem Fenster den Zug sehe, den ich ursprünglich nehmen wollte – und der auch schneller in Mainz Hbf ankommen würde. Ich sprinte also zwei Gleise weiter und schaffe es zum Glück noch in den ursprünglich angedachten Zug. Ab Mainz wird es entspannter. Es ist mittlerweile auch schon 22:45. Um 23:08 soll mein Zug nach Mannheim abfahren. Versuche im Bahnhof Bier zu finden, vergeblich. Begnüge mich stattdessen mit einem Kaffee. Ab jetzt läuft alles nach Plan. Erreiche Mannheim um 00:14, hüpfe dort in die S-Bahn Richtung Heidelberg, wo ich gegen 00:40 fix und fertig ankomme. Nun noch zu Fuß zum Hotel und endlich in die Waagerechte gehen.

Fazit: Für 9-Euro ein durchaus angemessenes Preis-Leistungsverhältnis. Man braucht zwar lange, kann sich aber über mangelnde Action nicht beklagen. Letztendlich ist und bleibt die Bahn jedoch ein Transportmittel für Privilegierte, in dem Falle für junge Menschen ohne familiäre Verpflichtungen, die die Zeit und körperlichen Fähigkeiten haben, neun Stunden durch die halbe Republik zu krauchen.

Wie die ökologische Transformation im Mobilitätssektor schnell erfolgen kann, ist mir ein Rätsel. Ich hoffe jedoch, sie kommt. Solange übe ich mich an Zughaltestellen in Geduld.

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Kurz vorm Ziel zwischen 23 und 1 UhrKurz vorm Ziel zwischen 23 und 1 Uhr

 

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