Dienstag, 16. August 2022

Ansgar Schulz-Mittenzwei: stets auf Achse für weltweite Hilfsprojekte

Seit gut einem Jahr sind in der Osnabrücker Rundschau Kurzgeschichten des Autors Bernhard Schulz nachzulesen. Vermittelt hat uns diesen ungehobenen literarischen Schatz sein Sohn Ansgar Schulz-Mittenzwei.

Statt einer weiteren Story seines Vaters lassen wir dieses Mal ausnahmsweise seinen Sohn zu Wort kommen. Ansgars Vita ist gänzlich anders als die seines Vaters, aber nicht minder ereignisreich. Seine Lebensstationen und Spuren finden sich nicht im großen Weltgeschehen, sondern in humanitären Projekten in drei Kontinenten: Afrika, Lateinamerika und Asien Wir dokumentieren ein Interview, dass Ansgars Freund Jochen Bender im Juni 2022 mit ihm geführt hat

 


Das Leben des Ansgar Schulz-Mittenzwei
Jochen Bender hat es aufgeschrieben

Wer muss man sein, wie muss man sein, um ein so außergewöhnlich faszinierendes, beruflich auch entbehrungsreiches Leben zu führen wie unser Freund Ansgar. Ein Grenzgänger, immer am Rand des Möglichen? Ein Neugieriger, Tag für Tag auf der Suche nach Neuem? Ein Getriebener, immer in der Sorge, das Wesentliche im Leben zu verpassen? Ein Idealist, der mit der immer währenden Frage lebt, wo sein Beitrag für andere in seinem Leben ist? Ein Entdecker? Ein Leidenschaftlicher? Ein hart arbeitender Mensch? Bereit auch dorthin zu gehen, wo es sehr wehtun kann? Einer, der sich nicht selbst ins Zentrum stellt und Menschen entgegen kommt? Ein Individualist, der Routine nicht aushält? Ein Mutiger, der nicht die Gefahr sucht, aber bereit ist, vertretbare Gefahr für ein höheres Ziel einzugehen? Einer der Einsamkeit erträgt, auch wenn er offensichtlich schnell Kontakt zu allen Menschen findet? Dabei helfen ihm die Sprachen, die er beherrscht: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch. Französisch versteht er gut und auch etwas Chinesisch. Ein Mensch, der nie auf die Uhr, den Tag oder den Monat schaut, sondern seine Aufgabe erledigt. Ein extrem anpassungsfähiger Mensch, der sich in jeder überraschenden Situation, irgendwo und überall in der Welt zu Recht findet? Stress und Depression nicht kennt. Nie davon gehört.

Man mag das alles mit einem kräftigen „Ja“ beantworten, „Ja“ so ist er. Unser Ansgar.

Er ist im Jahr 1948 in Osnabrück geboren. Sein Studium als Dipl.-Geograph hat er an der Goethe Universität in Frankfurt am Main absolviert. Urbane und ländliche Entwicklungs-planung, Soziologie, Verkehrs-und Fremdenverkehrswissenschaft, Ozeanographie, Bodenkunde und Meteorologie. Seine Examensarbeit: Investitionsplanung von Verkehrs-wegen und regionale Entwicklung mit einer Fallstudie: Das deutsche Autobahnsystem.

Im Anschluss folgten Forschungsarbeiten zu: Anforderungen zur erfolgreichen Umsiedlung bei großen Infrastrukturprojekten in Entwicklungsländern, z. B. Staudämme.

Fortbildung an der Technischen Universität Berlin: Energieberatung. Fallbeispiele in Süd-Ost Asien, Lateinamerika und Afrika.

Tätigkeit, Beratung seit 40 Jahren in fast 70 Ländern der Erde, Afrika, Asien und Lateinamerika. Er ist auch heute mit 74 Jahren immer noch unterwegs auf der Welt.

Kürzlich hat Jochen Bender mit ihm gesprochen.


J.B. Lieber Ansgar, erzähle uns bitte wie es bisher war, Dein Leben. Nach dem Abitur. Was hat die Bundeswehr mit Dir gemacht? Und noch wichtiger, was hast Du mit der Bundeswehr gemacht?

A.S.M. Ich kam von vorneherein in ein Strafbataillon ins Emsland und mußte ein ABC Waffenlager der Amerikaner auf einem Wachturm wie an der DDR Grenze bewachen mit MG auf Lafette, Walther Pistole und G3 Gewehr. Verweigern war damals noch nicht soooo bekannt und ich habe auch viele willkürliche Disziplinarstrafen bekommen. Mehrfach teilgenommen an amerikanischen Transporten von ABC – Waffen auf abgeplanten Unimogs mit scharfer Munition an andere Lager/Standorte in Deutschland.

Im Anschluss Studium und erste Berufserlebnisse. Erste Berufserfahrungen habe ich im Architekturbüro Speer, der Deutschen Zentrale für Tourismus und Metra Divo Regionalplanungsinstitut, alles vom 1sten Semester an, gesammelt. Mein Vater gab mir 100 DM monatlich, das reichte gerade für das Untermieter-zimmer bei Frau Sawatzki in der Kaiserhofstr. 15. Der Club Voltaire in der Nähe, das Café Schwille und auch das legendäre Libresso Café am Opernplatz waren meine Bezugspunkte. Ich behaupte heute; bei all den Firmen habe ich mehr gelernt als an der Uni. Dennoch Diplom mit „Sehr gut“ und Doktorarbeit angeboten, die ich seit 30 Jahren halb fertig habe, Thema: Umwelt- und soziale Auswirkungen von großen Wasserkraftwerken und Staudämmen in drei Kontinenten.

J. B. Woher kam die Idee Geographie zu studieren?

A.S.M. Ich hatte immer schon Interesse an fernen Ländern, Raumordnung, Architektur, Stadt- und ländliche Entwicklung, Energie, Geologie, Ozeanographie, Meteorologie und Tourismus.

Meine ersten Jobs: Agrarstrukturelle Vorplanung in Bayern, Sanierung in vielen Altstädten in Deutschland, Suche und Standortplanung für Kernkraftwerke in Deutschland einschließlich Standorte 20km entfernt von der Hauptwache in Frankfurt, Kalkar und Gorleben Task Force.

Ab 1980 Solo Selbständig. Meine drei Firmen:
AUEN, Arbeitsgemeinschaft für Umweltplanung, Energieberatung und Naturschutz, selbstverwalteter Betrieb, Frankfurt
SfE, Sozietät für Entwicklungsplanung, Auftraggeber GIZ, KfW
SÜDASIEN IMEXPO, Import- und Großhandel für Bio-Lebensmittel, Tee und Kaffee, Öko-Beleidung und Kunsthandwerk aus aller Welt, erster Online Versandshop Linea Natura 1997

J. B. Wie lange warst Du typischerweise für Deine Untersuchungen vor Ort?

A.S.M. Hing ja von dem Auftrag selbst ab… ca. von 1 Woche bis 12 Monate

J. B. In wie vielen Ländern, auf welchen Kontinenten hast Du Gutachten erarbeitet?

A.S.M. Über 40 Jahre in 70 Ländern, vielleicht 50 Gutachten/Studien, mein Part in den letzten 10 Jahren war oft der Social Safeguard = der „Soziale Aufpasser“ von Projekten

J. B. Hast Du die Welt so angetroffen, wie Du sie Dir als Leser, Zuschauer deutscher Medien vorgestellt hast?

A.S.M. Im Wesentlichen ja, erster Schock allerdings in Bombay/Mumbai, sodaß ich eine Woche lang nicht in der Lage war Fotos zu machen…

J.B. Was war so völlig anders?

A.S.M. Die Slums, Kultur, Hunger, Armut, Ausweglosigkeit, Leben nur von einem Tag auf den anderen, Technologien auf Niedrigstand

J.B. Wie viele Fotos hast Du im Archiv?

A.S.M. 10.000de, hatte auch eine Website für all die Fotos.

J.B. Was wirst Du mit diesen so wertvollen Zeitzeugen Fotos aus über 40 Jahren und 70 Ländern machen? Öffentlich?

A.S.M. Werde mal ein oder zwei Veranstaltungen im Café Wacker in Frankfurt unternehmen und einige Projekte mit Fotos vorstellen.

J.B. Was sind die Haupteigenschaften, die man haben muss, um mit diesen so heraus-fordernden Aufträgen und den Menschen in all den Ländern gut zu Recht zu kommen?

A.S.M. Zunächst mal alle typisch deutschen Eigenschaften ablegen und sich auf die Kultur und Gegebenheiten in dem Land einlassen. Sprachkenntnisse gehören zum Handwerk, Kultur muß bekannt sein in seinem eigenen Nähkästchen. Z. B. Brasilien. Der Minister läßt mich vom Flughafen abholen, um ihn und seine Familie privat beim Rodizio/Churrasco kennenzulernen. Zunächst wird über Leben, Frauen, Sex, Kinder, Schule, Politik, Musik, Tanzen gesprochen und dann viel, viel später kommt die Arbeit. Wenn man das verstanden hat, sind einheimische Mitarbeiter dabei.

J.B. Mit wem musst Du vor Ort sprechen?

A.S.M. Ich mußte leider immer oben anfangen, Autoritätsangst unten, ist überall so weit verbreitet, dass Vieles ungesagt bleibt, bzw. die Wahrheit verklausuliert wird, besonders in muslimischen Ländern. Ein direktes Ja oder Nein sagt dort niemand.

J.B. Wie kann man das Vertrauen der Menschen vor Ort gewinnen?

A.S.M. Du musst ja dieses Vertrauen über eine Fremdsprache für Dich und Deine Gesprächs-partner finden. Zuhören, verstehen, seine Kultur kennen, motivieren, fördern, bilden/ausbilden. Zudem auf Augenhöhe sprechen, alles Arrogante /Überhebliche ablegen = dann gewinnst du gute Gesprächspartnerschaften.

J.B. Wie belastend ist es Elend vor Ort zu erleben? Kann man sich damit abfinden, einen Weg finden, es zu ertragen?

A.S.M. Ja, kann man. Habe unendlich viel Armut, Elend, Krankheit und die miesesten, kaum vorstellbare Wohnverhältnisse gesehen. Ich sage nicht, dass ich abgestumpft bin, beeindruckt bin ich immer wieder, es gehört zu meiner Arbeit. Die wasserverursachenden Krankheiten sind die Geisel der Dritten Welt, das muß man leider immer wieder mit ansehen und flehende Bitten der Einwohner aushalten. Psychotherapeuten lassen sich auch nicht ein auf die Nöte ihrer Patienten. Damit kann man dann umgehen, Gespräche, Bürgerversammlungen, Anhörungen, Partizipation, Besuche in Häusern, Anfragen bearbeiten, Einladungen annehmen etc. Dadurch aber auch, dass ich für sie gearbeitet hatte bei Sanierungen, Wasser, Energie, Umsiedlung war ich ja Teil der Planung, der Chancen, die den Armen bessere Verhältnisse für die Zukunft versprach.

J.B. Was muss man für sich selbst tun, um die Aufgabe objektiv zu erarbeiten und nicht seinen persönlichen Präferenzen oder den sympathischer Menschen im Land nachzugeben?

A.S.M. Streng bei der Arbeit bleiben. Persönliche Präferenzen? Hatte ich nicht, außer Neugierde. Von Trennung der Arbeit, Freizeit und Mitarbeiter halte ich nicht viel. Für mich war immer und ist immer ein privates, freundschaftliches Verhältnis zu meinen Gegenüber wichtig und hat sich auch als richtig erwiesen, denn dadurch entstand mehr Vertrauen, Solidarität, Verständnis auch für deren Familien und Nöte und deren Lebensverhältnisse, es diente also auch zur ihrer besseren Arbeitsleistung und Motivation.

J.B. Hat Politik im Land oder ein Bauunternehmen jemals versucht, auf Dein Gutachten Einfluss zu nehmen?

A.S.M. Nie, mit einer Ausnahme in Mexico City, da ging es um die Verbesserung der Umweltverhältnisse, Luftverschmutzung, auch Abgase der Autos und die 40.000 Taxi- VW Busse, Filter, TÜV, also war die deutsche Autoindustrie jeden Abend an meinem Ärmel im Hotel, um „Schreckliches“ für sie zu verhindern mit tollen Einladungen etc. Wir hatten 20 Mio. € zu vergeben v on der GTZ. Einfluss? Oft ganz im Gegenteil: mein Stadtentwick-lungsprogramm für Tegucigalpa, Honduras, ist bis heute noch die Bibel für die Planer dort, wie man hört. Pakistan: Präsident Musharaf persönlich, hat mich im TV erwähnt, ob der Leistungen als Teamleader bei der Umweltstudie mit14 Wissenschaftlern am Indus River in Sindh und für den Tsunamischutz.

J.B. Hat Dich die jeweilige Deutsche Botschaft unterstützt?

A.S.M. Nie, eine einzige Katastrophe fast überall, sitzen alle auf einem hohen Roß, machen ihren Stiefel, uninteressiert am örtlichen, politischen Geschehen, kulturell nicht beschlagen, sitzen im Schneckenhaus, wenig hilfreich, bin eher immer wieder ernüchtert, wie sie sich herausreden und Arbeit vermeiden wollen. Ich habe ziemliche Kämpfe mit einigen Botschaften hinter mir. Leider kann man sich auf sie nicht verlassen. Sie lassen einen gerne abblitzen, allein schon durch ihr, auch technisch schlechtes Kommunikationsmanagement in vielen Ländern.

J.B. Was war Dein menschlich schönstes Erlebnis?

A.S.M. Die Tochter meiner Köchin in Tegucigalpa, Honduras, sie habe ich ab dem 4ten Lebensjahr gefördert, christliche Nonnenschule in Tegucigalpa, Abitur, Studium, heute ist sie Dr. der Pharmazie und Chemie, Abteilungsleiterin der honduranischen Sozial- und Gesundheitsverwaltung. Sie kam aus einer Bretterhütte, tugurio oder auch Favela, lebt heute mit Mutter, 2 Kindern und 2 Brüdern in einem eigenen Haus in San Pedro Sula an der Karibikküste, ihr Mann, immerhin Rechtsanwalt, ist abgehauen wie üblich in Mittel- und Südamerika.

J.B. Dein tragischstes Erlebnis?

A.S.M. Zwei Flugzeugabstürzen durch Zufall entkommen, in Pakistan – Blue Air und in Äthiopien ET mit der Boeing 737 Max.

J.B. Hast Du Krankheiten erlebt und wie überstanden?

A.S.M. Kollateralschäden der Entwicklungszusammenarbeit ereilen einen immer wieder, heftig bis ertragbar. Ich hatte mir aber einen Mumps Virus in Tanzania eingefangen, am Mount Meru beim Besuch der Dörfer unterhalb des Gipfels, an einem Ohr das Gehör komplett verloren, dauerhaft bis heute, das andere stark reduziert, Tinnitus an beiden Seiten. War ein Auftrag für die KfW für die East African Community in Arusha als Selbständiger.

Keine Hilfe und kein Erbarmen: „Sie müssen sich selbst versichert haben….“. 25 Jahre Resochin als Malariaprophylaxe eingenommen (auf Anraten der Impfstelle der Uniklinik Frankfurt). Schäden heute trockene Makula Degeneration, Makula Foramen und nur noch 30% Sehkraft auf den Augen… nach einer missglückten OP in der Uni-Augenklinik Frankfurt!!!

Skoliose begleitete mich mein ganzes Leben, heute kommt dazu eine Facettengelenkarthrose.

J.B. Warst Du lebensgefährdet durch Kriminelle oder Aufständische?

A.S.M. Honduras ist ein heißes Pflaster, aber überstanden, Kleinkriminalität überall, die Mara Banden haben nichts zu verlieren. Sudan, die umzusiedelnden betroffenen Bauern verschiedener Stämme von den zwei geplanten Staudämmen am Nil protestierten und zwei von Ihnen wurden erschossen, wir waren in der Nähe.

J.B. Hätten Dich Deine Auftragsgeber im Kriegsfall unter allen Umständen rausgeholt?

A.S.M. Da bin ich mir nicht sicher, war aber nie in einer solchen Situation.Als in einem Dorf in Uganda , in dem ich tätig war, das Marburgvirus ausgebrochen war (schn 10 Tote), erhlielt ich den Rat der Infektiologie der Uniklinik, sofort meine Sachen zu packen. Sie haben mich öfter telfonisch unterstützt.

J.B. Wer hätte Lösegeld gezahlt, wenn Du gekidnappt worden wärst?

A.S.M. Ein Kollege von mir wurde in Kolumbien am Strand gekidnappt, ich war im Hotel. Seine Frau aus Nicaragua hat es geschafft, die Entführer zu überreden, ihn ohne Lösegeld, wieder freizulassen. Gefährdet waren wir alle in der Zeit in Kolumbien, weil wir teilweise in der sogenannten Roten Zone arbeiten mußten.

J.B. Wie hast Du Einsamkeit über so lange Zeit überstanden?

A.S.M. War niemals einsam, genügend Freundschaften, Kollegen, Gesprächspartner, Ausflüge und Abenteuer am Wochenende, viel gesehen und erlebt.

J.B. Wo und wie hast Du vor Ort über längere Zeit gewohnt?

A.S.M. Meistens in guten Hotels, ich liebe Hotels, manchmal auch in gemieteten Häusern, mit Kollegen und Köchin.

J.B. Kürzlich hast Du ein Angebot erhalten, fünf Jahre in Mozambique zu arbeiten. Warum hast du es abgelehnt?

A.S.MVerlockender Job als Teamleader für die Einführung von Regenerativen Energien im Land. Ich bin jetzt 74 und verheiratet, allein hätte ich es eventuell gemacht. Ich mache jetzt nur noch Kurzzeiteinsätze.

J.B. Wenn Du es Dir aussuchen könntest, in welchem Land, an welchem Projekt würdest Du gern in Zukunft arbeiten?

A.S.M. Brasilien, Äthiopien, Mozambique

J. B. Wie kam es dazu, dass Du in Addis Abeba den Marathon Verein gegründet hast? Wie konntest Du über so viele Jahre hunderte Laufschuhe dorthin schleppen?

A.S.M. Hatte in Addis einen jungen Mann, Marthonläufer kennengelenrt und…. mich engagiert. Unser Verein mit ca. 150 Mitgliedern besteht seit 2007 „Elite Club Spiridon Ethiopia“. Auch 2022 beteiligen wir uns noch einmal mit unseren Athleten an drei Rennen in Kassel, Münster und Frankfurt, aber die Zeit ist für mich vorbei ….nach 15 Jahren und Kämpfen mit der Deutschen Botschaft in Addis Ababa und dem Auswärtigen Amt in Berlin wegen der Visaerteilung. Laufschuhe habe ich von Schülern, Lehrern und deutschen Marathon Athleten, die habe ich jedes Jahr gesammelt, mindestens 120 Paar der besten Qualität und nach Adis Abeba geschleppt.

J.B. Du bist, gemeinsam mit Deiner Frau, Biogärtner in Frankfurt. Empfindest Du das als Deinen wohltuenden Wechsel von der großen in die kleine, aber sehr private, heile Welt?

A.S.M. Es ist entspannend, befriedigend und ablenkend vom Weltgeschehen und ab und zu neben meinem Aqua Training und Fitness Studio ist körperlich arbeiten gut.

J.B. Wer hat Dich gebeten, Deine Nachfolger auszubilden? Deine intensiven Erfahrungen weiterzugeben? Die GIZ? Die KfW? Die EIB? Andere?

A.S.M. Niemand hat mich je danach gefragt, obwohl ich zig Ideen hätte für Verbesserungen und auch Weitergabe von Wissen. Z. B. eine Assistenz der Entwicklungsexperten im fortgeschrittenem Alter, ich hätte gerne etwas von meinem Honorar abgegeben, wenn ich einen jungen Studenten oder Studentin mit entsprechend digitalem Wissen an meiner Seite gehabt hätte, Tandem, gegenseitiges Lernen und Erfahrungsaustauch, doch das war nie vorgesehen in den Internationalen. Entwicklungsorganisationen. Der Entwicklungshilfe Jetset will unter sich bleiben.

J.B. Man hat den Eindruck, dass die enorme Erfahrung, Deine und die vieler tausender Mitarbeiter aller Entwicklungs- und Finanzierungsinstitutionen, die viele Jahre unter Entbehrungen in Entwicklungsländern tätig waren, von Politikern und Journalisten, die nie im Ausland gearbeitet haben, nicht genutzt werden. Warum ist das so? Sie alle haben doch eine enorme Erfahrung, die man an keiner Universität lernen kann.

A.S.M. Genauso ist es. Aber das Interesse der Journalisten und Politikern an der Technischen Entwicklungszuusammenarbeit ist sehr, sehr begrenzt. Investigatives Handeln und Berichterstattung zeigt sich erst, wenn Skandale aufgedeckt werden. Die „normale“ Entwicklungszusammenarbeit, ist seit 50 Jahren vollkommen unterrepräsentiert in den Medien, obwohl es Stoff bis zum geht nicht mehr gäbe. Aber es sieht so aus, dass der Normalbürger daran auch kein Interesse hat, welche enormen Probleme in den Entwicklungs-ländern herrschen oder welche Lösungen angeboten werden. Ich werde bis heute oft genug von intellektuellen Verwandten und Bekannten gefragt „Was machst Du eigentlich?“ Da hat sich in 50 Jahren nicht viel geändert. Migrationshintergrund ist in aller Munde, nur den Hintergrund der Migranten, will wohl eher niemand so recht wissen.

J.B. Mit all Deiner Erfahrung; wie sieht die bestmögliche Entwicklungshilfe Politik aus? Wir haben über Jahrzehnte Schecks ausgestellt. Wo sind diese vielen Milliarden geblieben? Die Chinesen betreiben einen neuen Kolonialismus, bauen

1.000 km Eisenbahn mit chinesischen Arbeitern in Rekordzeit und bringen viele Länder in die Schuldenfalle. Hältst du die neue deutsche Strategie: wir helfen von Mensch zu Mensch, also vom Europäer zum Afrikaner, Lateinamerikaner, Asiaten, indem wir unser Wissen transferieren, wir bauen Autowerkstätten, eher für sinnvoll?

A.S.M. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit ist nach meiner Meinung gescheitert. Es bleibt nur die vollständige Zerschlagung aller Institutionen inkl. des EU Directorates. Aber das wird sich der Entwicklungshilfe Jetset niemals gefallen lassen.

Die Chinesen machen viel richtig, z. B. die Eisenbahn von Nairobi nach Mombasa, die 1,3 % zum BIP des Landes beisteuert, Nebeneffekt, der Hafen von Mombasa dient als Sicherheit. Für die Afrikaner fallen solche Infrastrukturprojekte ja direkt vom Himmel.

In Addis Ababa haben die Chinesen Fußballfeld große Hallen für die Bekleidungsindustrie errichtet. Äthiopische Familien arbeiten dort zu Tausenden, Familien deshalb, weil die 3 USD Lohn am Tag allein für den Lebensunterhalt nicht reichen würden. 40 Busse bringen die Arbeiter abends wieder in Ihre Dörfer und holen sie morgens um 5h wieder ab. Gelungene Entwicklungszusammenarbeit ? Immerhin gibt es Arbeit und Einkommen. Auch ich schüttele keine Lösung asu dem ärmel. Auf jeden Fall mehr konkrete technische Hilfe und nicht Beratung mit der Gießkanne wie bei der GIZ: Medien, Biosphärenreservate, Sport und vieles mehr, alles nicht vorrangig.

Das wichtigste ist Armut, Hunger bekämpfen mit Energieversorgung, damit Licht und TV zu den Menschen kommt, dann die Bildung/Ausbildung/Fortbildung, dann der Beruf, damit das Einkommen. Die Kette ist bekannt. Und warum investiert die deutsche Industrie nur 3% ihrer Auslandsinvestitionen in Afrika, und davon noch 90% in Südafrika? Toyota quält sich ab auf dem afrikanischen Kontinent, die deutschen Autobauer sind nicht einmal willens einen „afrikanischen Volkswagen“ zu entwerfen. Gescheitert ist ja auch schon das Volks-Laptop.

J.B. Der Westen schaut, nicht immer ganz genau, auf die Einhaltung der Menschenrechte in Ländern, die wir unterstützen. Dem kommunistischen China sind Menschenrechte völlig gleichgültig. Sie vertreten die Haltung, dass jedes Land leben soll wie es will. Sollte der Westen Entwicklungshilfe von der Einhaltung von Menschenrechten und „anständigen Regierungen“ abhängig machen und damit dem Einfluss den Chinesen überlassen?

A.S.M. Ich bin nach wie vor der Meinung, die Menschenrechte als Voraussetzung bei der Vergabe zu prüfen. Dennoch, die Scheinheiligkeit der deutschen Entwicklungszusammen–arbeit mit Good Governance stinkt zum Himmel. Das also soll dann die Lösung sein: verschleiern, verbrämen und zudecken? Nein! Dann lieber den Chinesen das Handwerk überlassen…

J.B. Manche Regierungen in Entwicklungsländern, die keinen Wert auf menschliche Gesell-schaftsverhältnisse legen, verweigern die Kontrolle von Geldern aus dem Westen, mit der Begründung: wir lehnen eine Einmischung in unser Land ab. Sollten wir in solchen Fällen unsere Hilfe einstellen? Unsere Gelder sind Steuergelder, auch das einer Aldi Verkäuferin.

A.S.M. Natürlich einstellen. Eritrea ist ein gutes Beispiel, Isayas Afewerki (Diktator Eritrea) nimmt nichts an, will keine Eimischung, entsprechend geht es zu in dem Land… Ortega, Managua, verweigert sich mittlerweile gänzlich der internationalen Entwicklungs-hilfe.

J.B. Der Westen spricht davon, dass wir Bildung in Entwicklungsländern fördern müssen und meint damit Wissen: Scheitert nicht häufig Entwicklung an der Kultur, an der Mentalität der Menschen in vielen Entwicklungsländern und falls das so ist, was können wir tun? Oder dürfen wir nichts tun, aus vielleicht falschverstandener Rücksicht auf die Kultur und die Traditionen eines Landes?

A.S.M. Auf die Kultur eingehen, die Mentalität verstehen, sind Grundvoraussetzungen. Wir benötigen 1 Mio. Einwanderer als Facharbeiter in Deutschland. Das wäre Wissens-transfer, wenn dann die Ausgebildeten wieder in ihre Länder zurückkehrten und dort Betriebe gründeten (das war das Konzept vom Shah Reza Pahlavi in den 70ern). Aber das neue Migrationsgesetz funktioniert immer noch nicht, obwohl die Klagen von Verbänden täglich zunehmen.

J.B. Wir haben in Deutschland rund 3 Mio. Studenten und rund 1.3 Mio. Azubis. Die Spitze einer großen deutschen Universität sagt, dass etwa ein Drittel der Studenten nicht studierfähig ist. Die Wirtschaft beklagt, dass Facharbeiter fehlen und Akademiker überzählig sind. Hier wird Jahr für Jahr ein erheblicher menschlicher und volkswirtschaftlicher Schaden ausgelöst.Nun könnte man das Niveau des Abiturs wieder auf den Stand der 70er Jahre anheben und würde damit erreichen, dass sich ein Drittel weniger junge Menschen für Universitäten qualifiziert. Dadurch würden eine Mio. Studienplätze frei. Diese freien Plätze bieten wir dann mit Stipendium einer Million junger Menschen aus Lateinamerika, Afrika und Asien an. Die Visa laufen nach Ende des Studiums ab, sodass diese hochqualifizierten Menschen zum Aufbau ihres Heimatlandes wieder in ihre Ursprungsländer zurückkehren. Die Rückkehrer bilden das zukünftige Rückgrat ihrer Länder, politisch und ökonomisch…..und demokratisch. Weitere EU Länder könnten sich beteiligen, sodass man vielleicht 5 Mio. junger Menschen aus Entwicklungsländer erreicht und fördert. Was meinst du dazu?

A.S.M. Genau richtig, stimme dieser Idee vollauf zu.

J.B. Die Insel Hispaniola. Das Leben in der Dominikanischen Republik ist verhältnismäßig gut. Über den Fluss in Haiti ist es kaum erträglich. Was bedeutet das für unsere Entwicklungs-politik? Beide Länder haben die gleichen klimatischen, landschaftlichen Gegebenheiten – und die gleichen Chancen?

A.S.M. Ich habe keine Antwort, keinen Hintergrund dazu.

J.B. Im demokratischen Costa Rica ist das Leben gut. Über den Fluß im sozialistischen Nicaragua schrecklich. Sollte Deutschland Nicaragua fördern, auch wenn dort eine sozialistische Misswirtschaft herrscht und die Menschrechte mit Füßen getreten werden?

A.S.M Auf keinen Fall Nicaragua mit Ortega fördern, solange sich da nichts ändert und er und seine Frau an der Macht sind.

J.B. Heutzutage verstehen zu viele Menschen das, was sie verstehen wollen, ohne sich der Mühe zu unterziehen, sich solide zu informieren. Kaum jemand stellt mehr Fragen. Die Vita eines anderen wird kaum mehr respektiert. Wie ergeht es Dir? Stellt man Dir fragen? Oder erklärt Dir jeder die Welt und das Leben?

A.S.M. Niemand stellt mir Fragen zu meiner Arbeit, s.o. Im Gegenteil, man hört mir müde und gelangweilt zu und hofft, dass ich bald fertig bin, wenn ich erzähle. Entwicklungszusammenarbeit interessiert nicht und man versteht das Ganze auch kaum. Dass es ihre Steuergelder sind, die verschwendet werden, ist Ihnen egal wie so Vieles.

J.B. Wo wirst Du in den nächsten Jahren Deinen Urlaub verbringen?

A.S.M. Wir fahren seit 30 Jahren nach Südtirol. Cabo Verde, KAZA und Botswana und das Pantanal, Brasilien sind die nächsten Ziele… und noch einmal zu den Gorillas und Schimpansen in Uganda.

Danke Ansgar.

Zweimal wurde Ansgar gekündigt, weil er sich gegen Unverantwortlichkeiten vor Ort
gewehrt hat. Er erzählt:

1. Altstadtsanierung für eine Frankfurter Firma. „Herr Schulz, Sie lassen ja alles
stehen, mit Ihnen kann man kein Geld verdienen….“. Das war die Zeit der Altstadtsanierungen/Abriß und Neubau in den70ern (Berlin Kreuzberg, Frankfurt Westend)

2. Frankfurter Firma, Beschäftigung in Luzon, Philippinen. Kaskade von Wasserkraftwerken geplant bei dem Stamm der Igorots. Die wehrten sich,
CEO wurde in seinem Hubschrauber beschossen, Delegation nach Frankfurt,

45 Film im ZDF. Ich nahm Stellung mit einem Artikel als Anonymus in der Zeitschrift für „Bedrohte Völker“, wurde entdeckt und die Entlassung, allerdings mit Abfindung folgte prompt.

3. Qattara Hydropower Project, Ägypten. Mein Protest gegen die erste zivile Nuklearsprengung eines Kanals vom Mittelmeer runter zur Senke Qattara, das
Wasser hätte dort einen See gebildet so groß wie Bayern (Elektrizitätsgewinnung durch das Gefälle). Süßwasserlinsen, die durch das Salzwasser vielleicht zunichte gemacht würden, allein meine Stimme zählte
natürlich nicht. Das Projekt wurde aber am Ende durch die KfW abgelehnt und
ist bis heute nicht realisiert worden.

4. Gorleben, ich war in der Taskforce für den Sicherheitsbericht, am Tag der Verkündigung war ich für meine Firma in Gorleben, als Ministerpräsident
Albrecht (Vater von der Leyen) den Standort verkündete.

Das war mein endgültiger Abschied (nur nach einem Jahr!) von der Nuklearabteilung.

Danach wechselte ich in die Entwicklungszusammenarbeit, allerdings in derselben
Firma.

Hier ein kleiner Einblick, in die von Ansgar betreuten Projekte, für die er Standortund szioökonomische Analysen und Auswirkungen auf Umwelt und Soziales
bewertet und Beratung geleistet hat.

Planung einer Hochspannungsleitung vom Hydro-Kraftwerk zu einem Nationalpark
Uganda

Beratung für Projekte im Regeneraiven Energiebereich, Social and Environmental
impacts of dam projects in Paraná
Brasilien

Umweltmanagement für eine Mülldeponie in Ibadan
Nigeria

Hydropower Project, Swanetien
Georgien

Turkmenistan-Afghanistan power interconnector, 20 kV power line from Mazar-e Sharif to the airport and the town of Marmal
Afghanistan

Beratung einer Incoming Agentur/ Tour Operator for incoming international tourists with Thomas Cook, Studiosus and numerous other international tourist companies, Sustainability Report for an Incoming Agency in Managua, Study on the Biomass potential
Centroamerica

Technische Lösung zur Beseitigung von Landminen
Mozambique

Umwelt und Soziales Management Thaton Gas Turbinen Kraftwerk
Myanmar

PV power plant / off-grid wind-solar hybrid plant, Hatiya Island
Bangladesh

Umwelt- und Soziale Auswirkungen für die geplanten Nil Kraftwerke Shereik und Kajbar
Sudan Nord

Outline of a marketing strategy for the products of the biosphere reservation BOSAWAS
Nicaragua

Acquisition and coordination of activities for new wind farms in Portugal and Italy
Portugal, Italy

Wiederherstellung der Lagune „Cienaga Grande de Santa Marta“. Investigation into the possibilities of a sustainable tourism to a Lost City „Tayrona“
Kolumbien

Environmental Impact Assessment Study (EIA) Wasserkraftwerk Bakun, Sarawak
Malaysia

Analysis and evaluation of legal and administrative aspects of air pollution control
Mexico City

Identification of a national strategy and elaboration of program of action to replace wood fires with alternative energy sources, Woodstove Improvement Program
Republic of Niger

Special Energy Program
Burkina Faso (früher Ober Volta)

Masterplan Wasserversorgung und Abwasser inTegucigalpa
Honduras

Qattara Hydropower Projekt.
Ägypten

Rehabilitierung von einer Kaskade von Hydropower Plants in der Port Moresby Region, Social assessment, Social Safeguard Policy
Papua Neu Guinea

Consulting services for wind power investors, Consulting Services related to development of irriated agriculture, Umweltstudie am Indius River Kotri Barrage, Sindh, Hyderabad. Environmental and Social Impact Assessment for Munda Multipurpose Hydropower Dam Project
Pakistan

Elaboration of the EIA for the proposed Headquarters of the EAC, East African Community in Arusha
Tanzania

Metra Divo (Deutsches Institut für Volksbefragung, Gründung GALLUP/USA 1961): Agrarstrukturelle Vorplanung in Bayern. DSK, Deutsche Stadtentwicklungsgesellschaft: Sanierung von Altstadtkernen nach dem StBauFG u.a. in Bamberg, Mosbach, Wittmund, Coesfeld
Deutschland

J.B. Menschen, die sich solchen herausfordernden und hoch verantwortungsvollen Aufgaben widmen, sollten wir alle respektieren und ehren. Sie leisten Menschen in großer Armut und Not enorme Hilfen, verbreiten Hoffnung, wo es keine gab, gewinnen Menschen in Entwick-lungsländern für die westliche Welt, fördern die Chancen deutscher Unternehmen und sichern damit viele Arbeitsplätze in unserem Land.

Man kann ein sehr viel sicheres und bequemeres Leben führen, niemand muss sich diesen Strapazen aussetzen. Aber wie viele grandiose Erlebnisse, die sich tief in der Seele ansiedeln, wie viel Anerkennung und Zuneigung erfährt man in diesen Ländern, wie viele hundert Anekdoten und wie viel Verständnis für das Leben und die Welt kann man durch ein „Leben wie Ansgar“ gewinnen.

Aufgeschrieben von Jochen Bender, am 50sten Breitengrad und 8ten Längengrad – im Juni 2022

 

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