Donnerstag, 22. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz heute ohne Fritz Wolf – „Wer wollte eigentlich den Krieg?“  (1948)

Bernhard Schulz
„Wer wollte eigentlich den Krieg?“ (1948)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Literarische Miniaturen  

In Kaminka war es Wassilij Semnowitsch, der uns zum Abendbrot einlud. Es gab Kartoffeln, Gurken, Ziegenfleisch und Wodka. Wassilij sang zur Balalaika. In den Stimmen der Mädchen war viel Traurigkeit. Wassilij schluchzte in seinen langen weißen Bart. „Stalin nix gutt“, sagte er und machte die Gebärde des Halsabschneidens. „Hitler nix besser“, sagten  wir.

Auf Guernsey spielten wir mit englischen Angestellten Fußball. Es ging heiß her, und es endete 3:0 für die Engländer. Nach dem Spiel  tranken wir im Old Government House eine Masse Whisky. Wir umarmten uns, und die Engländer sagten: „Churchill nix gutt“, und wir Deutschen gaben zu: „Hitler nix gutt“ und es entstand eine famose Freundschaft daraus.

In Siouville gab es eine prächtige Kneipe am Strand mit Mädchen, Fischgeruch, Rum aus Jamaika und trunkene Männer mit roten Schärpen um den Bauch. Die Poilus* tranken uns zu, und wir tranken zurück, und gegen zehn etwa klopften wir uns gegenseitig auf den Rücken und lärmten: „La guerre nix gutt“, und Madame weinte sogar. „Krieg grand malheur“, weinte  sie.
*Poilus, gespr. Poili  (franz. die Haarigen, die Bärtigen) ist eine französische umgangssprachliche Bezeichnung für Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges. Sie entspricht in etwa dem deutschen Begriff Landser für einen einfachen Soldaten.

In Rom führte uns Lukretia in die Oper. Wir hörten den Rosenkavalier. Nachher tranken wir in einer Osteria sizilianischen Landwein, und der Mond stand über den Gärten. „Faschist nix gutt“, bekannte Lukretia. „Diesen ganzen Verein soll der Satan holen“, bestätigten wir. Lukretia gab uns einen Kuss. Wir verstanden uns ausgezeichnet.

In Drontheim fragte Olav eines Abends: „Du sagen – Krieg für dich gutt?“ „Nein“, erwiderte ich, „Krieg ganz große Pleite.“ „Gutt“, sagte Olav, „du nix angefangen — ich nix angefangen. Für wen eigentlich gutt Krieg?“

Das haben wir bis heute noch nicht herausbekommen, Olav.

 


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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