Sonntag, 4. Dezember 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Der dritte Mann“ (1965)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Der dritte Mann“ (1965)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Sie waren in derselben Stadt zur Welt gekommen, hatten dieselbe Schule besucht und hatten ein und dasselbe Mädchen angehimmelt. Aber das Mädchen mit Namen Friedelind war zu Verwandten nach Amerika gezogen und hatte den Liebhabern daheim eine Karte geschrieben, auf der ihnen mitgeteilt wurde, dass es dort, wo Friedelind jetzt lebte, Waschbären gäbe. Die Waschbären kämen nachts aus den Wäldern, schrieb Friedelind, um die Mülltonnen nach Fressbarem zu untersuchen. Nichts von Liebe oder Heimweh oder Anhänglichkeit. Richtig undankbar, das konnte man doch wohl sagen.

Sie hatten dann auch nicht allzu lange getrauert um diese amerikanische Friedelind mit den überquellenden Mülltonnen, sondern sich an andere nette Mädchen gehalten und geheiratet. Sie hatten Berufe erlernt und es zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Einer von ihnen war sogar Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes geworden.

Das Erfreulichste war vielleicht dies, dass sie in ihrer Jungmännerzeit, nach dem Reinfall mit Friedelind, einen Skatklub gegründet hatten, der heute noch bestand. Die Herren trafen sich an jedem Sonntagnachmittag gegen 16 Uhr abwechselnd bei dem einen oder anderen Skatbruder. Sie machten ihr Spiel auf dem Esszimmertisch mit der Decke aus Straminarbeit, indes die Damen einträchtig plaudernd im Nebenzimmer handarbeiteten und Tee tranken. Es war eine liebgewordene Angewohnheit, die sich über Jahrzehnte hinzog und nur durch den Krieg unterbrochen worden war.

An der Hektik der Zeit gemessen, gaben die drei Herren mit ihren Damen ein lobenswertes Beispiel nachbarlichen Zusammenhalts und besonderer Lebensweise ab. Sie hatten sich vorgenommen, nett zueinander zu sein. Das Geld, das sie beim Spiel kassierten, steckten sie in ein Porzellanschwein, das süßer Rache wegen Friedelind hieß und einmal im Jahr geöffnet wurde, wobei sie die Münzen zu kleinen Säulen stapelten und sich unentwegt verzählten, was zu Neckereien Anlass gab. Es geschah meist in der Vorweihnachtszeit. Auch dies war Tradition, dass sie ihre Damen zum großen Essen mitnahmen und zum Nachtisch gab es jedes Mal „Birne Helene“, weil eine der Damen Helene hieß.

„Gut, dass wir unseren Skatklub haben“, sagten sie. Aber eines Tages ereignete sich etwas, das sie nachhaltig erschütterte. Einer der Herren, er war Vertreter für landwirtschaftliche Maschinen und befand sich häufig auf Reisen, kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Ihn traf keine Schuld. Ausgerechnet ein Mann mit einem Mähdrescher hatte die Vorfahrt nicht beachtet.

Die beiden hinterbliebenen Kartenspieler schauten sich verdutzt an: Was nun? Sie fingen an zu begreifen, dass Irdisches nicht auf ewig hält. „Ehre seinem Andenken“, sagten sie, „wir werden ihn nicht vergessen, er war ein untadeliger Gefährte, aber er war auch unser dritter Mann und der fehlt uns jetzt.“

Wo finden wir ihn, den Dritten? Sie dachten daran, in der Zeitung ein Inserat aufzugeben. Suchen wir ihn auf dem schwarzen Brett am Rathaus? Können wir ihn von der Kanzel herab anfordern? Die Damen lehnten ab, nein, sie hatten keine Lust, das Kartenspiel zu erlernen, sie wollten weiterhin der Handarbeit obliegen.

Mussten sie jetzt die Sonntagnachmittage, auf die man sich die Woche hindurch gefreut hatte, aufgeben? Plötzlich schwärmten die Damen davon, wie gemütlich es immer gewesen war, die Männer nebenan lärmen zu hören und zu wissen, dass sie beschäftigt waren. Und was wurde aus dem großen Essen, wenn das Porzellanschwein Friedelind nichts mehr hergab?

Den guten Menschen hilft der Zufall, und der Zufall fügte es, dass eine der Damen im Kosmetiksalon auf eine Auszubildende traf, die verlauten ließ, sie spiele mit ihren Brüdern Skat, was ja für 16jährige nicht gerade typisch ist. Die Auszubildende, ein Mädchen von angenehmem Äußeren und wacher Intelligenz, erklärte sich einverstanden, das Skatspiel mit den beiden Männern, die ja bereits im Rentenalter standen, zu versuchen.

Hannelore erschien zur vereinbarten Zeit, trank ein Tässchen Tee mit, mischte die Karten, gab aus, reizte, stach, passte, verlor, gewann und es stellte sich heraus, dass sie den beiden Herren durchaus gewachsen war. Hannelore aus dem Kosmetiksalon brachte jugendliche Begeisterung und wohltuende Frische mit. Alles in allem erinnerte sie die beiden Herren an Friedelind, als Friedelind noch nicht entschlossen gewesen war, Amerikanerin zu werden und Waschbären zu füttern.

Die erste Begegnung an einem dunklen Sonntag im November, untermalt von aufkommender Adventsstimmung, liegt nun schon fünf Jahre zurück und das Mädchen aus dem Kosmetiksalon ist inzwischen verheiratet. Eisern hält die junge Frau an der Porzellanschweinbruderschaft fest und erscheint an den Sonntagen pünktlich zur Skatrunde, was durch den Umstand erleichtert wird, dass der Ehemann Mittelstürmer ist und aufs Fußballfeld eilen muss. Der Mittelstürmer ist jedoch zum traditionellen großen Essen eingeladen und es wird auf einen Tag gelegt, an dem weder Training noch Spiele stattfinden.

Ich weiß, diese Geschichte von der jungen Frau aus dem Kosmetiksalon, die mit zwei alten Burschen Skat drischt, lässt sich nicht vergleichen mit der Spannung, die in Berichten über Bankräuber, Geiselnehmer und Flugzeugentführer aufkommt. Wenn ich jedoch umherschaue und erlebe, wie die Leute mit Fäusten und Zähnen aufeinander losgehen und sich Alt und Jung so schwer vertragen, dann, meine ich, sollte man’s doch erzählen.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022
Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022
Geschichte vom 21.08.2022
Geschichte vom 28.08.2022
Geschichte vom 04.09.2022
Geschichte vom 11.09.2022
Geschichte vom 18.09.2022
Geschichte vom 25.09.2022
Geschichte vom 02.10.2022
Geschichte vom 09.10.2022
Geschichte vom 16.10.2022
Geschichte vom 23.10.2022

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