Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – Der Indianer überm Schreibtisch (1962)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
Der Indianer überm Schreibtisch (1962)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Über dem Schreibtisch meines Vaters hing ein gerahmter Druck, der einen Indianer darstellte. Ich wette, dass dies die einzige Rothaut war, die irgendwo in Europa über einen Schreibtisch hinwegblickte.

Meine Kinderjahre hindurch habe ich diesen Indianer betrachtet, aber ich habe mir nie Gedanken über ihn gemacht. Ich weiß nur so viel, dass es sich um ein Plakat handelte, das für eine Biermarke Werbung trieb.

Der Indianer auf dem Bild sollte den Amerikanern Durst machen, und wenn sie genügend Durst hatten, dann sollten sie ihre Cents auf jeden Fall nur für Hotops Beer ausgeben, denn Hotops Beer war das beste Bier in den Staaten.

Außer dem Plakat hatten wir noch ein bemaltes Tongefäß, einen präparierten Ochsenfrosch und allerlei klimpernden Silberschmuck in der Wohnung, lauter Dinge, die aus dem Wigwam eines Indianers herrühren mochten.

Aber das Bewundernswerteste war doch das Bild; denn der Mann, der darauf dargestellt war, kam uns so edel und so traurig vor, dass wir mit seiner Person die ganze indianische Rasse in unser Herz schlossen.

Er war ein junger schöner Mann, der in seiner Lederkleidung, mit der Häuptlingsfeder im blauschwarzen Schopf, auf einer Felsenklippe stand und zum Sternenhimmel aufschaute. Unter ihm lagen Abgründe voller Nebel und Feindseligkeit. Auf den ersten Blick hatte dieser Mann mit Durst und Bier und Business nicht das Geringste zu tun. Gewiss sollte das Bild ausdrücken, dass sich der Indianer mit Manitou, dem großen Geist besprach und ihm sein Leid klagte.

Mein Vater las mit Vorliebe Bücher über das Leben der Rothäute, und das Bild des Indianers über seinem Schreibtisch nötigte allen Besuchern ein seltsames Lächeln ab. Sie fragten jedes Mal: „Ist das ein Indianer“, und „wo haben Sie den bloß her“.

„Aus Amerika“, antwortete der Vater. Das war nicht gelogen. Eine Schwester meines Vaters, die mit achtzehn Jahren ausgewandert war, um bei Verwandten zu leben, hatte das Plakat, den Ochsenfrosch und das Silbergeklimper geschickt. Sie wollte damit wohl die Existenz der Indianer belegen und ein wenig auch mit ihren Reiseerlebnissen prahlen.

Wenn man Vater glauben durfte, und das durfte man ja, war Tante Modesta eine schöne Frau, die drüben einen Heiratsantrag nach dem anderen erhalten hatte, natürlich in der Hauptsache von Millionären, die es sich leisten konnten, Tante Modesta nach Kansas zur Jagd oder nach Texas zum Derby einzuladen.

Tante Modesta war heute in New York und morgen in San Francisco, mal in Detroit und mal in Chicago, und von überallher schickte sie bunte Ansichtskarten in die Stadt, die sie verlassen hatte, um sich zu überzeugen, dass Indianer keine Erfindung von Romanschreibern seien.

„Es wimmelt hier von Indianern“, schrieb sie einmal, „einer wird als Bauarbeiter und einer als Fensterputzer beschäftigt.“

Tante Modestas Karten wurden in einem Album gesammelt und lieben Gästen vorgezeigt. Man amüsierte sich über ihre burschikose Art, und heimlich beneidete man sie um die Abenteuer, von denen sie schrieb.

Ich weiß heute, dass es da nicht viel zu neiden gab. Eines Tages kehrte Tante Modesta zurück, ohne Millionär. Sie litt an Heimweh. Allerdings hatte sie einen großen Auftritt, was ihre modische Erscheinung anging. Sie übertraf an Eleganz alles, was in unserer Stadt lange Röcke trug.

Mein Vater bekam damals den Revolver geschenkt, mit dem Tante Modesta in Ohio einen eifersüchtigen Liebhaber gezähmt hatte. Sie war jetzt dreiundzwanzig Jahre alt, und sie sagte, dass sie den Indianer über Vaters Schreibtisch hätte bekommen können, wenn sie gewollt hätte. Er war Besitzer jener Brauerei, für die das Bild Reklame mache. „Bier für Indianer“, sagte sie.

Ein Jahr nach der Rückkehr heiratete Tante Modesta einen Postangestellten. Sie starb in ihrem ersten Wochenbett, und zwar an jenem Tage, an dem der indianische Brauereibesitzer eintraf, um Tante Modesta zu besuchen.

Mein Vater sagte später, er hätte nie in seinem Leben einen Mann gesehen, der trauriger und enttäuschter gewesen wäre als Mister Hotop. „Er sah gar nicht wie ein Häuptling aus“, sagte er, „aber im Geschäftsleben tragen sie ja wohl keinen Federschmuck.“


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022

 

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