Donnerstag, 22. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Der kleine Stellberg“ 1976

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber zu Unrecht in Vergessenheit geraten, dessen Geschichten häufig von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden. Die Ergebnisse sind auch ein Spiegelbild des damaligen, heute oft äußerst befremdlich wirkenden Zeitgeistes.

Bernhard Schulz
„Der kleine Stellberg“ 1976
(Ein Link zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Den Anstrengungen zum Trotz, die im letzten Krieg unternommen wurden, um meine Habseligkeiten zu vernichten, ist mir ein Album aus meiner Schulzeit erhalten geblieben. Es war wohl nicht so wertvoll, dass es jemanden gelockt hätte, es als Beute mitzunehmen. Die Fotos sind ein wenig vergilbt, und der Einband ist stockfleckig, als hätte er im Regen gelegen. Die meisten Dinge, die uns erhalten geblieben sind, haben ja entweder mit Feuer oder mit Wasser zu tun gehabt.

Da ist also ein Klassenfoto. Ich war damals zehn Jahre alt, und die Jungens, mit denen ich zur Schule ging, waren wohl ebenfalls zehn. Auf dem Foto ist die Klasse in drei Reihen aufgebaut, und der Lehrer sitzt in der Mitte.

Wenn ich uns heute betrachte, fällt mir auf, dass wir alle miteinander Hosen bis zur halben Wade anhaben. Das Material, das für Knabenhosen verwendet wurde, hieß Manchester, und »Manchester« lag in England oder wo. Es war ein dicker gerippter brauner Stoff, der die Eigenschaft besaß, jeweils den Geruch des Hauses anzunehmen, in dem der Schüler wohnte. Wenn jemand mit Ziegen zusammenwohnte, dann roch er auch nach Ziegen. Bei Regenwetter erstickten wir beinahe in diesem Mief von Ziege, Kuh und Hühnern. Manchester wurde sehr geschätzt, denn dieser Stoff widerstand dem Stacheldraht der Kuhweiden und sogar den Dornenhecken, in denen die Zaunkönige und die rotrückigen Würger nisteten.

Die Prozedur der fotografischen Aufnahme, der pyramidenförmige Aufbau der Schüler und ihr dümmliches Hinstarren auf die Linse, als sei dort tatsächlich ein Vögelchen verborgen und würde »Knips« das geheimnisvolle Gehäuse im nächsten Augenblick verlassen, wiederholte sich in jedem Jahr und immer dann, wenn die Klasse weiterrückte und der alte Lehrer sich verabschiedete. Links auf dem Bild hält ein Schüler eine Schiefertafel vor dem Bauch, auf die mit Kreide die Jahreszahl aufgemalt wurde: ANNO 1927. Ich stehe in der zweiten Reihe, und mein Kopf überragt das Haupt des Lehrers, der Johann Dresbach heißt. Er sitzt auf einem Schemel. Seine Hände liegen ausgestreckt auf den Oberschenkeln, sie schneiden mit der Kniescheibe ab wie bei einem Rekruten, dem Instruktionen erteilt werden. Es ist anzunehmen, dass Lehrer Dresbach gedient hat. Ich erinnere mich, dass er den Sportunterricht »Exerzierstunde« nannte. Wir traten nicht zum Hundertmeterlauf und zum Völkerball an, sondern zum Exerzieren, und wir mussten mit »Jawohl« antworten. Jawohl, Herr Lehrer.

Auch an den Fotografen kann ich mich erinnern. Es ist ein kleiner buckliger Mann namens Victor Stellberg. Gott habe ihn selig. Stellberg ist so klein, dass er sich beim Fotografieren auf eine Fußbank stellen muss, um durch die Linse schauen zu können. Die Fußbank geht auf dem Gepäckträger seines Fahrrads mit, indes er das wertvolle fotografische Gerät auf der Brust trägt. Es hängt ihm an einem Lederriemen um den Hals. Dieser Victor Stellberg ist ein vielseitig begabter Mensch und weit und breit der einzige, der mit einer Kamera umgehen kann. Wenn die Leute im Dorf ein bedeutendes Ereignis im Bild festhalten wollen wie zum Beispiel Konfirmation, Erste heilige Kommunion, Schulentlassung, Gesellenprüfung, Beförderung zum Bürovorsteher, Eheschließung und Berufsjubiläum, dann lassen sie den kleinen Stellberg kommen. Er baut seine Kamera auf, knudelt sich ein schwarzes Tuch über den Kopf und knipst. Meistens sitzen die Kunden dann steif da wie Lehrer Dresbach, und auf den Hochzeitsbildern steht die Braut neben dem Bräutigam und legt ihm die Hand auf die Schulter. Diese Bilder stehen dann ein Leben lang auf der Kommode im Wohnzimmer.

Aber vom Fotografieren allein kann der kleine Stellberg nicht leben. Er ist Friseur von Beruf, er betreibt einen Salon für Herren, und auch beim Rasieren und Haarschneiden nimmt er die Fußbank zu Hilfe, jedenfalls, wenn er es mit großen Männern zu tun hat. Er hantiert das Hin- und Herschieben der Fußbank sehr geschickt, und es fällt niemandem auf, daß er Schwierigkeiten hat.

Im Salon steht nur ein einziger Rasierstuhl, dessen Höhe sich nicht verändern lässt. Die Kunden sitzen auf Bretterstühlen und warten, und sie schauen sich die Kästen an, in denen Stellberg Schmetterlinge gesammelt hat, oder sie starren auf den Topf mit der Aufschrift ANTISEPTIK.

Der übrige Raum ist ausgefüllt mit Regalen, auf denen Krimskrams lagert, der das Jahr hindurch verlangt wird: Christbaumschmuck, Narrenpritschen, Pappnasen, Masken und Osterhasen mit einer grünen Kiepe auf dem Rücken, die man mit Eierchen aus Schokolade oder Zucker füllen muss. Weiterhin künstliches Birkengrün, Laternen, Heiligenbilder, Ansichtskarten, Rosenkränze, Gesangbücher und Romanhefte.

Was sich da so in Jahrzehnten angesammelt hat, gibt dem Raum einen eigenartigen Geruch, der den Duft von Rasierwasser und Haarpomade übertönt. Es ist ein freundlicher Geruch, der mit Erinnerungen verknüpft ist. Heute zum Beispiel, wo ich dieses Klassenfoto betrachte, auf dem ich einen kahlgeschorenen Kopf vorzeige, den ich mir in Stellbergs Salon eingehandelt habe für zwei Groschen – so teuer war das Haareschneiden – erinnert mich dieser Geruch an jene aus Neuruppin stammenden Ausschneidebogen, die damals des deutschen Knaben liebster Zeitvertreib waren. Aus den Neuruppiner Bogen schnitt ich mit der Schere pappene Fertigteile aus und klebte sie zu herrschaftlichen Villen zusammen, die mit Türmchen, Balkonen und Kaminen verziert waren, und aus den Kaminen ließ ich weiße Watte hervorquellen, was ihnen einen Hauch von Gemütlichkeit und Betrieb in der Küche gab.

Meine Knabenkammer in der elterlichen Wohnung war vollgestopft mit solchen Papiervillen, eine noch protziger als die andere, und vor einigen standen kleine Kerlchen, die Gärtner und Kutscher waren, und es ist wahr, dass ich es im wirklichen Leben zu keinem Haus gebracht habe, schon gar nicht zu einer Neuruppiner Villa.

Eine andere Aufnahme zeigt meinen Vater, einen mittelgroßen Mann, vor der Tür seines Hauses. Es ist der Tag, an dem mein Vater fünfzig Jahre alt wird, und er hat dem kleinen Stellberg Bescheid sagen lassen, er möge kommen und eine fotografische Aufnahme machen.

Vater trägt einen schwarzen Anzug, hat einen Hut mit viel zu breitem Rand auf dem Kopf, und der Hut ist ebenfalls schwarz. Mein Vater stützt sich mit beiden Händen auf den Spazierstock, ohne den er niemals das Haus verlässt. Ein Kneifer – das ist eine Brille ohne Bügel – verleiht ihm amtliche Strenge und zwingt ihn, die Nase oben zu halten. Typisch an seiner Aufmachung ist der brettsteif geplättete weiße Stehkragen mit eingeknickten Ecken, und um diesen hölzernen Kragen, der in die Unterwange hineinstößt, das kann man deutlich erkennen, schlingt sich ein schwarz-weiß gestreifter Binder mit einer Perle im Knoten. Die Perle ist sein einziges Zugeständnis an die Lebensfreude.

Kerzengerade steht er da, für den fotografischen Akt in Pose gebracht. In seinem Gesicht ist kein Anflug von Heiterkeit zu entdecken, obwohl er heute doch Geburtstag hat und die Familie und die Nachbarn ihm Glück wünschen werden. Gutes Essen, und eine Flasche Wein stehen bereit. »Hoch soll er leben«, werden sie singen, wenn er in wenigen Minuten das Haus betritt und die Geburtstagsfeier beginnt.

Der kleine Stellberg hat mehrere Aufnahmen gemacht. Er hat Mann und Frau zusammen geknipst und Mann und Frau zusammen mit den Kindern, die Grimassen schneiden, und auf einem Bild ist auch Frau Schatz zu sehen. Frau Schatz ist die Freundin meiner Mutter. Sie ist eingeladen worden, am Frühstück teilzunehmen, und sie bringt ein paar graue Socken als Geschenk mit.

Vier oder fünf Aufnahmen waren es einmal, außer der einen sind sie alle verschwunden, vom Winde verweht, aber auf jedem Bild war Vater derselbe mittelgroße Mann mit Kneifer, Handstock und beruflicher Verdrossenheit im Gesicht. Kein alter Mann, sondern ein uralter Mann, mehrere tausend Jahre alt. Ein Mann, der nichts aus sich gemacht hat und der immer diesen brettsteifen weißen Stehkragen trägt, den die Witwe Rembold, Im Gäßchen 3, für ihn geplättet hat. Der Stehkragen schneidet ihm ins Fleisch, er kann den Kopf nicht frei bewegen, und diese ständige Unbequemlichkeit hindert ihn daran, lustig zu sein.

Ich erinnere mich, dass er diesen Kragen auch beim Obstpflücken und beim Teppichklopfen, ja sogar beim Kegeln trug, und dass ihm diese kleinen aus Metall und Horn gefertigten Knöpfe, die den Kragen mit dem Hemd verbanden, das Leben schwer machten, ohne dass er oder einer seiner Freunde je den Mut gefunden hätten, sich von gestärkten Hemdbrüsten, hölzernen Stehkragen und piksenden Knöpfchen zu befreien.




Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

 

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Alle bislang in der OR erschienenen Geschichten gibt es hier

Neugierigen seien darüber hinaus diese Internetseiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf

Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

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