Donnerstag, 22. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Die Frau des Tanzlehrers“  (1958)

Bernhard Schulz
„Die Frau des Tanzlehrers “ (1958)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Die Frau des Tanzlehrers? Die jungen Burschen, die zur Tanzstunde gingen, gaben sich Mühe, herauszukriegen, wie alt sie sein mochte. „Ich bin alt“, gab sie lachend zu, aber die genaue Zahl der Jahre hatte bisher niemand ergründen können. Sie war unvergleichlich schön. Die Burschen liebten die Frau des Tanzlehrers. Die Mädchen machten einen Knicks, wenn sie ihr die Hand gaben.

„Ihr seid alle zusammen Büffel“, sagte die schöne Frau in ihrem hellblauen Spitzenkleid. „Habe ich Büffel gesagt? Warum seid ihr nur so ungelenk, so tollpatschig, so schwerfällig? Gebt euch doch mal ein bisschen locker!“

Sie nahm einen der jungen Männer bei der Hand und zeigte ihm, wie er schreiten müsse und wie die Partnerin aufzufordern sei zum Tanz.

Oh, es war großartig, zu sehen, wie die Burschen sich unter ihrer Hand verwandelten. Sie wurden weich wie Wachs. Sie versuchten tatsächlich, den Schritt nachzumachen und galant zu sein. Sie hoben den Fuß… denselben Fuß, mit dem sie tagsüber den Gashebel am Trecker bedienten. Dabei starrten sie auf die silbernen Pumps der Tanzlehrersfrau.

Der Tanzlehrer schlug mit einem Rohrstöckchen den Takt auf den Wirtshaustisch. Er trommelte auf diese Weise Walzer, Tangos und Rumbas in die trägen Waden seiner Kundschaft. Er bereiste die Dörfer. Er musste jeden Abend woanders sein. Er stand da und trommelte: „Nicht so grob, meine Herren. Erwürgen Sie ihre Gazellen nicht!“

Einmal wären die Gazellen beinahe böse geworden. Bildete der Tanzlehrer sich ein, besser zu sein als andere Menschen? Wenn er ihnen die vom Melken hornige Hand auf der Schulter des Partners zurechtlegte, spürte er deutlich genug den eigensinnigen Widerstand. Er hatte früher in Breslau Studenten unterrichtet. Nun war er Vertriebener und wohnte in einem Kuhstall, wie er sagte. „Aufstellen, meine Herrschaften. Geben Sie Obacht. Zahlen Sie Ihr Geld nicht umsonst. Ich zeige Ihnen jetzt die Samba.“

Die Büffel langweilten sich, Samba war nicht ihre Sache. Auf dem Lande war man mehr für Walzer, rumtata, rumtata. Das verstanden sie. Das konnten sie auch mit Holzschuhen auf der Tenne tanzen. Ob die Tanzlehrersfrau mitmachen würde? Sie klatschte in die Hände vor Begeisterung. „Gerne“. Der Tanzlehrer knurrte.

Den Abtanz veranstalteten sie also auf der Tenne.

Die Kühe glotzten auf die hopsenden Paare. Der Schnaps brannte in den Kehlen. Der Frau hatten sie Holzschuhe an die Füße getan, und trinken

sollte sie auch. Die Burschen hatten unter sich Wetten abgeschlossen, oh die Frau in Holzpantinen würde tanzen können. Nun warteten sie, auch in Holzschuhen war die Frau ganz Dame. Wie aus Porzellan modelliert. Das hellblaue Spitzenkleid schwebte vor den Viehtrögen. Auf der Tenne war plötzlich dieser bezaubernde Duft, den das Taschentuch in ihrer Hand ausströmte, „Wir bewundern Sie“, konnten sie sagen. Einer küsste ihr sogar die Hand. Ein anderer trug sie auf den Armen in die Bauernstube. Dort sagte sie „Ich bin fünfundvierzig Jahre alt, wenn ihr es durchaus wissen müsst. Ich habe fünf Kinder. Abend für Abend muss ich tanzen und lächeln, für euch, für meinen Mann, für meine Kinder…“.

Sie weinte nicht. Sie bestand auch jetzt nur aus Lächeln. Sie hob ihr Spitzenkleid, dass die Tänzer ihre bloßen Füße in den Holzschuhen sehen konnten. Von den scharfen Kanten waren sie blutig geworden. Sie hatte ihre silbernen Pumps ja nicht angehabt – diesmal.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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