Dienstag, 27. Februar 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Ereignisse vor dem Postschalter“ 1962

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber zu Unrecht in Vergessenheit geraten, dessen Geschichten häufig von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden. Die Ergebnisse sind auch ein Spiegelbild des damaligen, heute oft äußerst befremdlich wirkenden Zeitgeistes.

Bernhard Schulz
„Ereignisse vor dem Postschalter“ 1962
(Ein Link zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Die Postbehörde hat in unserem Zustellbezirk eine Zweigstelle eingerichtet. Wenn wir jetzt unsere Raten einzahlen oder ein Telegramm aufgeben wollen, dann können wir das in Zukunft hier erledigen. Es ist ein kleines, freundliches Büro. Hinter dem Schalter sitzt ein junger Mann, der vor kurzem erst die Prüfung abgelegt hat und mit Herr Postsekretär angesprochen wird. Er ist voller Eifer und hat Freude daran, Auskunft zu geben.

Selbstverständlich ist in unserer Zweigstelle nichts von jener Erregung zu spüren, die auf dem Hauptpostamt herrscht, wo die großen Firmen ihre Schließfächer haben und wo in der Minute dreißig Ferngespräche geführt werden. Es geht fast ein wenig familiär zu; denn die Kunden kennen sich und unterhalten sich miteinander. Man fragt nach den Geschäften und nach der Gesundheit, lässt die Frau Gemahlin grüßen und lobt die Kinderchen. „Jaja“, heißt es dann, „es geht, es geht.“

Heute war ein seriöser Herr anwesend, der folgendes vortrug: „Ich habe vor acht Tagen ein Paket aufgegeben. Können Sie feststellen, ob mein Sohn, die Sendung erhalten hat?“ Der Sohn ist nämlich bei den Soldaten und macht zurzeit eine Übung mit. „Im Ausland“, sagt der seriöse Herr aufgeregt, und nun möchte er Bescheid haben, ob die auf der Schreibstube wohl so liebenswürdig gewesen sind und das Paket ins Ausland weitergeleitet haben. Der seriöse Herr sagt eine Liste der Dinge auf, die das Paket enthält: „Topfkuchen, Äpfel, Schokolade, Hustenbonbons, warmes Unterhemd, Buch mit Gedichten.“ Die Zusammenstellung erinnert an Krieg und Weihnachten.

Dann ist eine Dame an der Reihe. Der Geldbriefträger hat ihr irrtümlich zehn Mark zu viel ausgezahlt. Seitdem kann die Dame nicht zur Ruhe kommen, weil der Geldbriefträger vielleicht wie ein Verzweifelter umherrennt und den fehlenden Betrag sucht. Die Dame wird aufgefordert, den Geldbriefträger zu beschreiben. „Er ist hager“, sagt die Dame, „mittelgroß, hat graues Haar und trägt eine Brille mit Nickelfassung.“  „Das ist Herr Korspeter“, sagt der Schalterbeamte. Auch die Kunden, die umherstehen, sind der Ansicht, dass es sich nur um Herrn Korspeter handeln kann. Herr Korspeter ist alt geworden in letzter Zeit. Es stellt sich heraus, dass der seriöse Herr den Geldbriefträger kennt. Er ist sogar bereit, bei Korspeters vorbeizugehen und mitzuteilen, dass die zehn Mark wieder da sind. Die Dame bedankt sich und erklärt, dass ihr ein Stein vom Herzen gefallen sei.

So geht es also in unserer Postfiliale zu, familiär und kleinstädtisch, und der Schalter ist wie ein Herz, das klopft.

Heute stehen da zwei junge Italiener und wollen Geld einzahlen. „Due cento Mark“, sagen sie, „prego, espresso, per piacere.. „, „come si chiama?“

Und nun erweist es sich, welch ein vortrefflicher Beamter der junge Mann ist, der soeben zum Postsekretär befördert wurde. Italienisch gehört nicht zu seinen Pflichten, das ist sicher, aber er weiß sich zu helfen. Er schiebt den jungen Männern Papier und Bleistift hin und lässt sich die Summe aufschreiben: 200 (in Worten: zweihundert).

Und jetzt die Anschrift: Signora Maria Nell‘ Emilia, Pescasseroli, L’Aquila, Italia. Das geht mit urgente und mama mia und prego und grazie und per favore und sisisi eine Weile hin und her, und der Herr Postsekretär trägt alle Angaben in das Überweisungsformular ein, rechnet Mark in Lire um, fügt die Gebühren hinzu, zählt die Scheine ab und lächelt: „In Ordnung, meine Herren.“

Die Italiener wissen jetzt, dass ihre Lire auf dem Wege sind, per Eilpost in ein abseitiges Dorf in den Abruzzen, wo Signora Maria darauf wartet. Wetten, dass die Signora die Mutter dieser beiden tüchtigen Burschen ist? Ihre arme Mutter, ihre kranke Mutter, ihre ferne Mutter. Weit, weit in Pescasseroli, wo es außer Oliven und Feigen nichts zu ernten gibt.

Die Freude der Italiener ist so groß, dass sie sich vor dem Schalter in unserer familiären, kleinstädtischen Postfiliale in die Arme fallen und sich im Kreise drehen, als wollten sie tanzen. Dann zeigen sie dem Herrn Postsekretär mit einem Schwall von Worten eine Fotografie ihrer Mutter: Mama mia…

Und wir Deutschen, die wir mit unseren Ratenzahlungen um den Schalter herumstehen, sind ganz gerührt.




Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

 

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Alle bislang in der OR erschienenen Geschichten gibt es hier

Neugierigen seien darüber hinaus diese Internetseiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf

Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

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