Bernhard Schulz
„Im Knast wird viel gelesen“ (1965)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Dante schrieb nicht für Häftlinge – Beliebt sind Kriegsbücher

Schon mal am Neumarkt gewesen – in Untersuchungshaft? Kleine Messerstecherei? Betrügerischer Bankrott? Fahrerflucht? Naja ein Wort, ist `ne dumme Frage, ich weiß. Aber es gibt Leute, die haben Pech, die sitzen dann am Neumarkt und warten auf ihren Termin.

Und weil sie `ne Menge Zeit haben, Zeit von morgens bis abends sehnen sie sich nach Lektüre. Die Literatur, die sie bisher als etwas völlig Nebensächliches betrachtet haben, gelangt nun zu Ansehen. „Kann ich ein Buch bekommen“ fragt der Häftling den Wachtmeister, der die Suppe bringt, und der Wachtmeister antwortet: „Selbstverständlich. Was darf`s denn sein?“

Der Häftling traut seinen Ohren nicht. Was darf`s denn sein, deutet darauf hin, daß es im Untersuchungsgefängnis eine Bücherei gibt, und es gibt tatsächlich eine. Sie ist in einer Doppelzelle untergebracht, eine Gefängniszelle nur für Bücher und umfaßt eintausend Bände. In einem von Hand geschriebenen Katalog sind die Bücher nach Sachgebieten geordnet. Mehr als die Hälfte besteht aus Romanen und Erzählungen, der Rest ist Bildungsgut.

Der Häftling darf lesen. Er darf sogar über den Handel Bücher beziehen. Die Frau des Häftlings darf keine Bücher schicken, denn von ihr befürchtet man, daß sie Feilen und Schlimmeres im Buchrücken versteckt. Dagegen sind Tageszeitungen und Zeitschriften erlaubt. Sogar Transistorgeräte sind zugelassen, und auf Antrag dürfen junge Leute in Ausbildung gewisse Lehrmittel benutzen, z.B. Reissbrett und Zirkelkasten. Der Gefangene nimmt Schaden an seiner Freiheit, aber das Gefängnis duldet nicht, daß er auch an seinem Geist Schaden leidet.

Die Ausgabe der Bücher erfolgt jeweils am Donnerstag. Der Bücherei-Kalfaktor, vom Wachtmeister stets begleitet nimmt den Wunsch des Häftlings entgegen und bringt ihm das Werk an die Zellentüre: „30 Stunden Russisch, bitte sehr.“

Wie in jeder ordentlichen Bibliothek werden Eingang und Ausgang in einer Karteikarte eingetragen. Verloren geht nie das ganze Buch, sondern immer nur ein einzelnes Blatt, und man vermutet, daß es sich da um eine Pikanterie gehandelt hat. Die Gefängnisleitung ist nämlich in dieser Hinsicht mit Recht prüde: Erotika und Krimis sind nicht erlaubt. Kein Günter Grass und kein Georges Simenon schlüpfen durchs Gitter. Es sind Klassiker, die das Regal beherrschen. Goethe, Schiller, Uhland, Lessing, Kleist, Eichendorff, altmodisch in Fraktur gesetzt, wirbeln in keines Schurken Seele Staub auf. Sie sind irgendwann gespendet worden und gilben nun dahin. Oder der Oberlehrer, der Anno dazumal den Gefangenen Unterricht erteilte, hat sie guten Sinnes angeschafft.

Nein, da sind Felix Dahn, Jules Verne, Ludwig Ganghofer, Peter Rosegger, Rudolf Herzog, Gorch Fock und Heinrich Spoerl schon eher gefragt. Hier ist Leben, und jeder kann`s begreifen. „Die Barrings“ von W. von Simpson und Gulbranssons „Ewig singende Wälder“ samt dem „Erbe von Björndal“ erfreuen sich großer Beliebtheit. Am begehrtesten sind Bücher über den Krieg. Vielleicht erinnern sich die Männer, die hier einsitzen, jetzt nicht ungern der mörderischen Jahre, die sie hinter sich gebracht haben. Carells „Unternehmen Barbarossa“, Ryans „Längster Tag“, Nathansons „Dreckiges Dutzend“ und sogar Edwin E. Dwingers „Letzte Reiter“ finden von Zelle zu Zelle begeisterte Leser.

Das Buch „Der Arzt von Stalingrad“ hat die meisten Leser gehabt, ein zerknautschtes, verweintes, schief gedrücktes Buch, indes Dantes „Göttliche Komödie“ seit der Stunde, in der es die Gefängnisschwelle überschritt, keinen Interessenten mehr gefunden hat.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.