Samstag, 26. November 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „“Keine Fahne für den 1. FC Köln“ 1964

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Keine Fahne für den 1. FC Köln“ 1964
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Von einem, der von Fußball keine Ahnung hat
Unser Feuilletonist Bernhard Schulz besuchte das Spiel Hannover 96 gegen 1. FC Köln.

Am Freitag ruft Hartwin Kiel, unser Sport-Boß, in meinem Büro an: „Haben Sie schon mal ´n Fußballspiel gesehen?“ Ich sage: „Nein. Ich gehe nur zu römischen Wagenrennen. Aber die gibt es ja nicht mehr.“ „Haben Sie Lust, nach Hannover zu fahren? Zu einem Bundesligaspiel? Hannover 96 gegen 1.FC Köln.“ „Was soll ich da?“ „Schreiben. Über das Kleine und Große Drum und Dran.“ „Was heißt ‚Bundesliga‘, und was ist „FC?“. Schweigen. Dem Boß hat’s die Sprache verschlagen. Oder dem Telefon ist der Draht gerissen. So blöd ist den beiden noch nie jemand gekommen. „Was ist nun? Fahren Sie? Sie sollen nur erzählen, was Sie als Feuilletonist dabei erleben.“ „Wieviel Zeilen?“ Keine Antwort mehr. Hat eingehängt der Sportsfreund.

Am Sonnabend fahre ich nach Hannover, heiter und zuversichtlich, wie Feuilletonisten so sind. Aber erst ordentlich essen, denke ich. Und eine Tasse Kaffee kann auch nicht schaden. Im Bahnhofsrestaurant ist ein Fensterplatz frei. Um den Landesvater schwirren Tauben und Halbwüchsige. Ich verzehre ein Schnitzel mit Salat, bevor ich es wage, jemanden die Frage zu stellen: „Wo liegt das Stadion!“

Langsam rantasten, sage ich mir. Mit Fußballern muß man vorsichtig sein. Die verstehen uns Feuilletonisten nicht. Aber der Kellner ist kein Fanatiker. „Sehen Sie die jungen Leute drüben?“, sagte er, „die mit den Fähnchen und Strohhüten und Kuhglocken? Die marschieren zum Kampfplatz. Gehen Sie man immer hinterher!“

Kampfplatz? Zwei Stunden vor Spielbeginn bin ich da. Die Reihen sind schon fest geschlossen. Lauter Männer. Hie und Da ein weibliches Wesen, aber ohne Kuhglocke. Eine Stimme im Lautsprecher versichert, daß es bereits 50 000 sind und daß noch 25 000 Fußballfreunde erwartet werden. „Stehplätze zusammenrücken, immer noch ein bißchen zusammenrücken, damit alle Platz finden. Und nicht auf den Rasen treten.“ Inzwischen hat das Vorspiel begonnen, das den bereits 50 000 anwesenden Herren Gelegenheit zu einer Generalprobe bietet. Man lärmt mit Glöckchen, Rasselchen, Trommelchen, Autohupen, Jagdhörnern und Fahrradschellen. Man räuspert die Kehlen und schwenkt die Fähnchen. Haa-ess-vau…haa-ess-vau…haa-ess-vau…Das spornt den Nachwuchs zu munterem Treiben an.

Vor den Toren des Stadions hat indes die große Stunde von Coca-Cola und Ahrbergs Würstchen geschlagen. Der Jahrmarktgeruch von gebrannten Mandeln weht über den Platz. Schokolade, Zigaretten, Eis. Berittene Polizisten verhindern durch bloße Anwesenheit Messerstechereien und Taschenraub. Im Sog der 75 000 verkauften Eintrittskarten wirken diese lebenden Standbilder wie Felsen in der Brandung eines Ozeans. Tonnen von Papier rieseln zu Erde: Zeitschriften, Programme, Spielpläne, Pappbecher, Bratwürstchenteller, Obsttüten. Eßt mehr Bananen, und HSV wird siegen. Trinkt mehr Apfelsaft und der deutsche Meister ist Euch gewiß. 74 999 Männer sprechen, brüllen, weissagen, diskutieren, trommeln, rasseln, trompeten, klingeln, singen für den Sieg von Hannover 96.

Für den Gegner brüllt niemand. Die Kölner tun mir leid. Kein Rasselchen tönt zu ihrer Ehre. Kein Trommelchen stärkt ihnen das Rückgrat. Kein Fähnchen rührt sich ihrem moralischen Beistand. Wenn es in dieser tobenden, kochenden, rumorenden Menge einen einzigen Kölner gibt, dann macht er sich jetzt unter seinem Sitzplatz ganz klein.

16.00 Uhr. Es geht los. Die Kölner traben ins Stadion. Gnädiger Beifall, der sich beim Auftritt der Hannoveraner zur orkanartigen Begrüßung steigert. Haa-ess-vau…haa-ess-vau…Es gab Jahre, da sich zu spielen der 96er nur 3 000 Zuschauer hier im Stadion einfanden. Heute sind es 75 000. Ein Hexenkessel, in dem der Sieg des hannoverschen Vereins gargekocht wird. Das Publikum sorgt für die Zutaten. Fähnchen, Lärm, Sprechchöre. Es muß den Kölnern Spaß machen, folgendes zu hören: „Pi-pa-po, die Kölner gehen k.o.“ Oder: „Ri-ra-raus, die Kölner gehen nach Haus.“ Es ist keine feine Art, aber sie ist sehr wirkungsvoll.

Unter den Sitzreihen ist der Boden ausgelegt mit Tausenden von gedruckten Farbfotos, die die Kölner Mannschaft mit heiterem Lächeln auf den sportlich gebräunten Gesichtern zeigen. Ein Spieler wird sogar in Einzelaufnahme vorgestellt, nämlich der Brasilianer José Ze’ze‘, den sie gar nicht mitgebracht haben, weil er ihnen zu pomadig war. Das Foto kündigt ihn noch als interessanteste Neuerwerbung an. Der Ausdruck „erwerben“ beschwört peinlich den Eindruck von Menschenhandel.

Zwei Tore sind gebucht. Hannover steht Kopf vor Begeisterung. Der Einsatz war nicht vergebens. Fähnchenschwenken hilft immer. Die Kölner lassen die Ohren hängen. Das Rückgrat hängt ihnen lappig zum Trikot heraus. Der rheinische Frohsinn geht unter im Pipapo und Riraraus. Und jetzt kommt es besonders saftig. Es ist der Spotlust grausamster Einfall. Das Stadion brüllt: „Wumbawumbawumba Täteräh, Wumbawumbawumba Täteräh…“ Der deutsche Meister 1964 geht mit einem Karnevalsschlager in die Knie.

Wumbawumba…Köln resigniert.  Hannover hält an den beiden Toren fest. Geplänkel ohne Spannung. Ich habe Muße, den Schiedsrichter anzuschauen. Im Programmheft steht, daß er Sparing heißt. Er sieht aus wie der Filmschauspieler Ernst Schröder. Ein viereckiger, schwerer Mann mit dem dramatischen Gehabe eines Vaters, der seinen Sohn erzieht. Bohrt Kindern den Zeigefinger ins Herz, redet mit Händen und Bauch, ermahnt, droht, zürnt. Bläst sich zum Stabsfeldwebel auf. Zieht Notizbuch und Bleistift aus der Brusttasche und schreibt unter dem ungeheuren Jubel von 75 000 Obergefreiten die Schmeicheleien und die Namen der betreffenden Spieler auf. Es kommt immer wieder zu erregten Szenen, die Zeitgewinn jedoch kein neues Tor einbringen.

Dann streicht ein Eiszapfen sachte über das Genick von 75 000 Menschen: „Herr Lewandowski aus Duderstadt soll sofort in einer dringenden Angelegenheit seine Frau anrufen!“ Was ist denn so dringend, daß es hier verkündet werden muß? Ist ein Kind tödlich verunglückt? Ist das Heim abgebrannt? Hat die Polizei ein Verbrechen entdeckt? Das Schicksal hat sich soeben eingemischt.

Noch zehn Minuten bis Spielschluß. Es tut sich nichts mehr auf dem Rasen. Die Spannung ist dahin. Langeweile breitet sich aus. Man erwartet nicht mehr, daß der Gegner sich zu einem Ehrentreffer aufrafft. Die Masse reckt sich. Die Fähnchen werden eingerollt. Aufbruch. Die Stimme im Lautsprecher ordnet bereits den Ausmarsch an. Seit schön brav. Schont den Rasen. Rasen kostet Geld. Herr Meier von der Mineralwassergesellschaft hat einen Fußball gestiftet.

Noch acht Minuten. Parkplätze sind durch Ausgang A und B zu erreichen. Wir bitten dringend den Anweisungen der Ordnungshelfer Folge zu leisten. Vorsicht bei umherfliegenden Flaschen. Der Verein haftet nicht für…

Noch fünf Minuten. Noch drei Minuten. Noch eine Minute Punkt. Pfiff. Aus. 2:0 für Hannover 96.

Wumbawumba…Täteräh…


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021

Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022

Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022
Geschichte vom 21.08.2022
Geschichte vom 28.08.2022
Geschichte vom 04.09.2022
Geschichte vom 11.09.2022
Geschichte vom 18.09.2022
Geschichte vom 25.09.2022
Geschichte vom 02.10.2022
Geschichte vom 09.10.2022
Geschichte vom 16.10.2022
Geschichte vom 23.10.2022
Geschichte vom
30.10.2022
Geschichte vom 06.11.2022
Geschichte vom 13.11.2022

Aktuelles
überall erhältlich spot_img
erscheint 2023 spot_img