Dienstag, 16. August 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Knirschender Gartenkies“ (1954)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Knirschender Gartenkies“ (1954)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Wer am Wochenende mit seiner Familie einen Ausflug macht, will ein Ziel haben. Das Ziel heißt Gartenwirtschaft. Recht besehen ist es entweder eine Gastwirtschaft „Zur Erholung“ oder „Zur schönen Aussicht“, je nachdem ob nun Erholung oder auch Aussicht geboten wird. Manche Lokale nennen sich „Bellevue“, was auch schöne Aussicht heißt, und die haben dann einen Stich ins Vornehme.

Das Wort Gartenwirtschaft schließt ein wenig vom Zauber jener alten Tage ein, da unsere Vorfahren sonntags zu Fuß ins Grüne strebten oder wenn sie wohlhabend waren, per Landauer.

Alte Gastwirtschaften auf dem Lande haben deshalb immer noch Vorrichtungen für das Unterstellen der Pferde und Kutschen, sogenannte Remisen. Dort steht dann noch eine Futterkrippe, wie auf dem Bilde des Moritz von Schwind. Aber im Trog liegen statt des Hafers Benzinkanister und Handwerkszeug für Blitzreparaturen an Kraftwagen.
Neben der Haustüre sind im Gebälk Eisenringe zu finden für das Anknoten der Reitpferde. Das muss Anno Tobak gewesen sein, als Landärzte, Amtsrichter und Pastöre beritten waren. Wenn die hohen Herren über Land zockelten, ließen sie sich nach getanem Werk zu einem Schwatz am Biertresen nieder.

Heute hat kaum noch jemand Zeit zum Schwatzen, schade. Doch ob Reitpferd oder Landauer, Fahrrad oder Auto – die Gartenwirtschaft hat sich ihren Reiz bewahrt. Sie ist unentbehrlich. Es ist nun einmal so, dass wir im Sommer lieber im Freien sitzen wollen, unter Kastanien und Linden. Es soll nach Heu und Vieh duften. Es soll über uns in den Kronen rauschen, die Vöglein sollen zwitschern, und im Übrigen schmeckt es im Freien besser als im Zimmer, jedenfalls anders, und darauf kommt es an bei Ausflügen. Nur die Abwechslung erfreut, nicht das Beständige. Und der Sommer ist so kurz.

Moderne Gastwirtschaften haben statt der Kastanien, die ja so schnell nicht wachsen, wie sie verlangt werden, bunte Sonnenschirme, die wie riesige Fliegenpilze das muntere Völkchen am Tisch beschatten.
Der Aufenthalt in einem Ausflugslokal rechnet mit zu den kleinen Freuden unseres Sommers. Wir sitzen da auf den Klappstühlen, die so hervorragend unbequem sind, und warten auf den Kaffee.

Der Kies knirscht unter den Sohlen des Kellners …

An dieses Knirschen werden wir uns erinnern, wenn der Sommer vergangen ist und der Winter uns eingeholt hat. Vielleicht ist dieses Knirschen das Beste gewesen, was wir gehört haben. Es ist eben nur da draußen zu vernehmen, im Sommer, in der Nähe der Kuhweiden und Getreideäcker, in Gottes ungezäuntem Garten.

Knirschender Gartenkies ist mein Lieblingsthema. Ich habe jetzt Lust zu erzählen, wie aus der Klangfarbe bereits zu hören ist, welche Gattung von Romanen der Kellner liest, ob es Regen gibt, oder ob der Kaffee dünn oder stark ist. Aber ich fürchte, dass dies genau die Sorte von Naturbeschreibung ist, die auf den Leser keinen Eindruck macht.

Fest steht, dass knirschender Gartenkies noch von keinem Dichter gerühmt wurde. Er kommt weder im Schlagertext noch im Tonfilm vor. Er ist als musikalischer Effekt bisher einfach übersehen worden.

Und das macht ihn mir so rar.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022

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