Sonntag, 4. Dezember 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Rosita am schwankenden Mast“ (1959)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Rosita am schwankenden Mast“ (1959)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Eines Tages wurde auf der Wiese hinter unserem Haus ein Zirkus aufgebaut. Es war ein kleines Unternehmen, das aus dem Direktor, der Frau Direktor, dem dummen August Und Rosita bestand. Ferner gehörten zum lebenden Inventar zwei Ponys, drei Rhesusaffen und der Hund Donatello, der aufrecht gehen und einen Schirm tragen konnte.

Die Vorstellungen fanden im Freien statt. Der Direktor, der dumme August und Rosita hatten wohl noch nicht so viel Geld verdient, daß sie sich ein Zelt für die Zuschauer leisten könnten. Rings um die Manege wurden Holzbänke ohne Rückenlehne aufgestellt, und die Frau Direktor sammelte das Eintrittsgeld, das jeder nach Ermessen zahlen konnte, auf einem Suppenteller. Indes der Direktor und der dumme August ihre Späße machten, saß Rosita in einem rosafarbenen Ballettröckchen in steifer Würde auf einem Stuhl.

Rosita war der Star des Programms. Sie war elf Jahre alt und so schön, als ob sie aus dem Himmel für Zirkusleute geradenwegs herabgeschwebt sei. So lieblich wie Rosita stellte ich mir die Engel vor, von denen im Gebet die Rede war und in der Tat hatte Rosita im Programm einen Engel darzustellen.

Der Direktor rieb ihre Hände mit Kreide ein und forderte sie auf, an einem dreißig Meter hohen Mast emporzusteigen. „Hepp!“ rief der Direktor, „Rosita hepp!“ Vom Scheinwerfer angestrahlt, den der dumme Au­gust bediente, kletterte Rosita den Stamm empor und ließ sich in schwindelnder Höhe an einer Fußschlaufe herabhängen, den Kopf nach unten.

Sie stemmte sich mit dem freien Fuß waagerecht ab, und so, ein überirdisch im dunklen Nachthimmel pendelndes Wesen, setzte sie den Mast in Schwingungen.

Durch die Reihen der Zuschauer lief bei Rositas Auftritt jedes Mal ein Schrei der Angst, den der Direktor ausnutzte, um für die Künstlerin eine Geldzulage zu erbitten. „Rosita setzt ihr Leben aufs Spiel“, rief der Direktor. „Zuschauer in aller Welt bewundern ihren Mut. Herrschaften, dieser Akt am schwankenden Mast ist einmalig!“ Im Lautsprecher röhrte der Schlager „La Paloma“ ab, eine Melodie, die eindringlich das Bild eines auf wilder See schwankenden Schiffsmastes hervorrief.

Das Herz klopfte mir bis in den Hals hinauf. Mit Rosita verglichen. war ich einTrottel, der nicht die geringste Chance besaß, jemals im Zirus auftreten zu dürfen und berühmt zu werden. Für mich war Rosita der berühmteste Mensch, den es gab. Niemand außer ihr war imstande, an dem seifigen Mast emporzusteigen, geschweige denn, dort oben auch noch zu schwanken.

Ich versuchte es einmal, als die Leute weggegangen waren, und Rosita sah aus dem Wohnwagenfenster meinen Bemühungen zu und lächelte.

Es sah eher danach aus, als hätte sie Lust zu weinen.

Meine Frau hatte die Frau Direktor kennengelemt und war ihr in alltäglichen Dingen, die den Haushalt betrafen, behilflich. In unserer Küche holte sch Frau Rossi, so hieß die Zirkusfrau, das Wasser zum Kochen, und oft saßen die beiden Frauen bei einer Tasse Kaffee zusammen, um zu schwatzen.

Eigentlich hieß Frau Rossi gar nicht Rossi, sondern Sedlmayr. „Wissen Sie, meine Teuerste“, sagte sie. „wenn Artisten einfach nur Sedlmayr heißen, glauben die Leute nicht daran, daß sie es mit Künstlern zu tun haben, und die Rossis, sind Künstler.“ Aber auf diese Weise, gewissermaßen über die Kaffeekanne, kam ich dem Engel näher, Hand in Hand durfte ich mit Rosita spazierengehen und ihr die Kirche und die alten Fachwerkhäuser im Dorf zeigen, und das Wetter war mild um diese Zeit.

Als die Tage gezählt waren und die Manege abgebrochen werden sollte, überkam uns große Traurigkeit. Rosita, obgleich sie doch am Mast schwanken konnte, schluchzte herzzerreißend, und auch mir war übel vor lauter Liebe. In dieser Not einigten sich die beiden Mütter, daß ich Rosita im Wohnwagen bis zum nächsten Dorf begleiten und dann mit der Kleinbahn zurückkehren sollte.

Wir waren einen ganzen Tag unterwegs. Der Wohnwagen wurde von den beiden Ponys gezogen, der Hund lief nebenher und ging bisweilen sogar aufrecht, um nicht aus dem Dreh zu kommen, und die Affen rumorten an ihren Ketten auf dem Dach, Rosita und ich durften neben dem dummen August, der im wirklichen Leben Ferdinand hieß, auf dem Kutschbock sitzen.

Es war eine abenteuerliche Fahrt, und ihr Reiz wurde noch gehoben durch den Umstand, daß ich von unserem Dorfpolizisten befreit werden sollte, weil er argwöhnte, die Zirkusleute hätten mich entführt. Der Polizist begleitete uns bis zum nächsten Fernsprecher, um meinen Vater anzurufen, und der Vater sagte, alles sei in Ordnung. „Glück gehabt“, sagte der Polizist, der Direktor rief „hepp!“ und dann ging die Reise weiter.

Ich verbrachte glückliche Ferientage im Wohnwagen dieser Künstlerfamilie. Während der Vorstellungen durfte ich für Rosita kassieren. „Dieser kleine Künstler wird sich erlauben“, rief Direktor Rossi, „ein Extrageld für Rosita zu sammeln. Sie ist die einzige Artistin auf der Welt, die den Akt am dreißig Meter hohen Mast beherrscht. Möge das hochverehrte Publikum bedenken, daß die Künstlerin sich stets in Lebensgefahr be­indet. Rosita, hepp!“ Ich rechnete also zum Personal, ich wurde als Künstler angesehen, und in den letzten Vorstellungen trat ich als Dompteur des Hundes Donatello auf, der aufrecht gehen und einen Schirm tragen konnte. Ich schwang die Peitsche und schrie begeistert „hepp!“ Die Manege wurde abgebrochen, die Bänke zusammengelegt und der Mast verpackt.

Die Rossis zogen weiter. Rosita schwor mir ewige Treue, wir heulten gemeinsam, und dann fuhr die Kleinbahn ab, Briefe gingen her und hin, wochenlang, monatelang, bis keine Antwort mehr kam.

Erst viel später habe ich erfahren, daß Rosita damals von ihrem Mast herabstürzte und im Sägemehl der kleinen Arena starb. Der alte Sedlmayer gab seinen Zirkus auf. Er wollte niemals wieder „hepp!“ rufen.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022
Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022
Geschichte vom 21.08.2022
Geschichte vom 28.08.2022
Geschichte vom 04.09.2022
Geschichte vom 11.09.2022
Geschichte vom 18.09.2022
Geschichte vom 25.09.2022
Geschichte vom 02.10.2022
Geschichte vom 09.10.2022
Geschichte vom 16.10.2022

Aktuelles
überall erhältlich spot_img
erscheint 2023 spot_img