Sonntag, 4. Dezember 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – „Schiffe versenken“ (1958)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
Schiffe versenken“   1958
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Unsere Kinder haben ein altes Gesellschaftsspiel neu entdeckt. Es heißt „Schiffe versenken“ und sieht folgendermaßen aus: Jedes Kind braucht ein Blatt Papier mit Rechenmuster und einen Kugelschreiber. Dann werden zwei Felder mit je zehnmal zehn Kästchen angelegt. Die Felder sind waagrecht mit Buchstaben und senkrecht mit Ziffern markiert.

Ins Feld eines werden Schlachtschiffe, Kreuzer, Unterseeboote und Rettungsboote versteckt und der Gegner im Spiel muss durch Zuruf etwa „4 D“ oder „7F“ erraten, in welchem Kästchen sich ein Schiff versteckt hält. Feld eins ist die See, gewissermaßen das Schlachtfeld. In Feld zwei werden Treffer und Fehlschüsse eingetragen. Feld zwei ist die Kommandobrücke.

Hat der Gegner das Versteck erraten, gilt das Schiff als versenkt. Gewonnen hat selbstverständlich jenes Kind, das im Feld seines Spielgefährten alle Schiffe auf den Meeresboden geschickt hat. Die Artillerie des modernen Krieges, die ja das Planquadrat kennt, verniedlichte sich hier im Rechenheft des Tertianers zu einem Duell mit Kreuzchen aus Tinte.

Natürlich wissen die Kinder, was sie tun. Sie waren das ewige „Mensch-ärgere-dich-nicht“ leid. Sie wollten etwas Neues, Aufregendes, Zeitgemäßes haben. Aber wer, frage ich, hat ihnen dieses Spiel „Schiffe versenken“ angeboten? War es ein Matrose? Ein Waffenfabrikant? Ein Herr aus dem Verteidigungsministerium?

Munter sitzen unsere Kinder da und versenken Schiffe. Gottlob ist es ihnen gleichgültig, welcher Nationalität die Schiffe angehören, die sie mit ihrem Kugelschreiber torpedieren. Wahllos gehen auf dem Rechenpapier, das doch dem erstrebenswerten Ziel mathematischer Gewitztheit dienen soll, Schlachtschiffe, Kreuzer, Unterseeboote und Rettungsboote „in den Keller“.

Aus dem Jargon jener Männer, die den Krieg überdauerten, haben sie Ausdrücke wie „müder Dampfer“, „dicker Brocken“, „Sondermeldung“ und „Treffer“ übernommen. Auch im Munde unserer Kinder sind Schiffe nicht einfach Schiffe, sondern „Pötte“. Und „Pötte“ sind dazu da, versenkt zu werden. Es steckt so viel Tradition dahinter.

Hans-Ulrich, der das Spiel gewonnen hat, hat nicht einmal die Ahnung, wie ein Schlachtschiff beschaffen ist und was es gekostet hat. Es hat vor allem Menschenleben gekostet.

Ach, ich kenne Mütter, deren Söhne nicht zurückgekehrt sind – sie lebten auf einem Schlachtschiff.

Ich kenne Frauen, deren Männer als vermisst gemeldet wurden – sie taten Dienst auf einem Kreuzer.

Ich kenne Mädchen, deren Freunde keine Antwort geben – sie schlafen in einem Unterseeboot.

Ich kenne Kinder, deren Väter sich um gar nichts kümmern – sie wurden in einem Rettungsboot ermordet.

Und das spielen wir jetzt.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021

Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022

Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022
Geschichte vom 21.08.2022
Geschichte vom 28.08.2022
Geschichte vom 04.09.2022
Geschichte vom 11.09.2022
Geschichte vom 18.09.2022
Geschichte vom 25.09.2022
Geschichte vom 02.10.2022
Geschichte vom 09.10.2022
Geschichte vom 16.10.2022
Geschichte vom 23.10.2022
Geschichte vom
30.10.2022

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