Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz mit Fritz Wolf – Sieger mit 345 Holz (1957)

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
Sieger mit 345 Holz (1957)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Am Gasthaus hängt der Briefkasten des Ortes, gelb und fortschrittlich, wie überall im Vaterland. Aber wo gewöhnlich unter „Leerung“ eine Skala von Uhrzeiten vermerkt ist, heißt es hier „Dienstag und Freitag“. An diesen beiden Tagen wird der Briefkasten geleert. Hurra, der Anschluss an die Welt geht nicht verloren. Außerdem kommt zweimal am Tage aus der Kreisstadt, die achtzehn Kilometer entfernt liegt, ein Omnibus. Er hält genau vor der Tür der Gastwirtschaft. Der Fahrer ist mit dem Inhaber befreundet. Er muss irgendwo im Haus ein Sofa kennen, auf dem er sich ausruht; denn, wenn er kurz vor Abfahrt zum Kassieren einsteigt, ist er merkwürdig aufgeräumt und tatenfroh.

Manchmal bringt der Omnibus einen Fremden mit, den der Fahrer geschickt an die Theke lotst. Die Gastwirtschaft ist das einzige Haus am Platze, wo ein Fremder trinken, essen und übernachten kann. Der Wirt bedient selbst. Durch ein Schiebefenster werden ihm die Speisen aus der Küche zugereicht. Jedes Mal, wenn der Schieber hochgeht, wirft die Köchin einen unglaublich erstaunten Blick auf den Gast.

Über dem Büffet, das in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geschreinert wurde, hängt ein Bild des Feldmarschalls von Hindenburg. Wenn das Haus nicht abbrennt, toi, toi, toi, wird das Bild in fünfzig Jahren noch an der gleichen Stelle zu sehen sein, obwohl dann niemand mehr weiß, welche Schlachten der alte Herr gewonnen und verloren hat.

Auf einer Schiefertafel, die sich an eine Doppelkornflasche lehnt, macht der Wirt den Gästen Mitteilungen. Heute ist folgendes zu lesen: „Für den hiesigen Kegelklub werden noch einige Herren gesucht.“ Offenbar mangelt es dem Ort an Herren. Darauf bezieht sich auch die Nachricht vom gestrigen Tag, „dass der diesjährige Ball des Theatervereins aus zwingenden Gründen ausfallen muss.“ Da werden die Mädchen aber traurig sein! Nun, vielleicht dürfen Sie stattdessen heim Preisskat zuschauen; denn der Skatklub hat „jeden Donnerstag Treffen“ – das steht sogar auf einem Emailletäfelchen. Das gesellschaftliche Leben des Ortes spielt sich im Gasthof ab. Die Kegelbrüder treffen sich auf der Kegelbahn. Die Theaterfreunde vermotten gelegentlich ihren Kostümfundus. Die Skatdrescher veranstalten einen Preisskat. Die Freiwillige Feuerwehr, deren Fahne in einer Vitrine ausgestellt ist, lädt monatlich zu einer Mitgliederbesprechung ein mit anschließendem gemütlichen Beisammensein, wozu auch Damen erscheinen dürfen.

Und sollte dies gerade nicht stattfinden, dann halten Viehhändler, und Kraftfuttervertreter vor der Theke eine Versammlung ab. Die Versammlung beginnt morgens gegen elf und dauert bis in die Abendstunden. Wenn das Wetter genügend besprochen ist, fängt der Gastwirt an, mit bedächtiger Stimme aus dem Kreisblatt vorzulesen. Es ist die Art von Unterhaltung, die am wenigsten langweilt. Die Gäste hören zu und wundern sich ob des schlimmen Treibens in der Welt draußen.

An das Kreisblatt haben sich die Gäste gewöhnt, aber auf neumodische Musikautomaten und Fernsehprogramme legen sie keinen Wert, behauptet der Wirt. Die Zeit ist in dem kleinen Ort stehengeblieben oder auf schafwollenen Socken vorübergeschlichen. Den Krieg hat man hingenommen, wie man auch den Rotlauf und die Rindertuberkulose hinnimmt. Dass der Mensch sterben muss, wundert niemanden. Es ist gut so. Von den großen und schrecklichen Ereignissen des Jahrhunderts ist kaum etwas haften geblieben. An der Wand hängt kein Schild, auf dem daran erinnert wird, dass in der Gemeinde mehr als tausend Vertriebene leben. Oder dass der Sohn des hiesigen Bäckermeisters in Popkowo von Partisanen gekreuzigt wurde. Oder: dass im Mai 1945 sieben Höfe in Flammen aufgingen und sämtliche Bewohner ermordet wurden.

Ach, es zählt nicht mehr. In den Chroniken, die von Dorfältesten, Pfarrherren und schreibenden Käuzen seit je geführt worden sind, stehen genauso scheußliche Dinge verzeichnet, und wer spricht heute noch davon? Der Ort ist alt, älter als es ein Atommeiler je werden kann. Der Pulsschlag des gesunden Lebens übertönt den schrillen Ruf der Sterbenden.

Wenn es etwas gibt, das sie hier für wichtig genug halten, in eine silberne Platte eingraviert zu werden, dann vielleicht dies: „Am 9.11.1947 war Kegelbruder Werner Alldicks Sieger mit 345 Holz.“ Ich weiß nicht, ob das ein großartiger Sieg ist und ob dem Sieger das irgendwo angerechnet wird. Aber ich fange an zu lernen, dass der Mensch nur auf simple Weise davonkommt …


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022

 

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