Bernhard Schulz
„Tante Milla und der Bösewicht“ (1964)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Von meinem Sohn wurde ich gefragt, warum ich, als der Krieg ausbrach, nicht in ein „Land ohne Krieg“ geflohen sei. Mein Sohn ist Gymnasiast und muß einen Aufsatz schreiben über das Thema „Warum Thomas Mann in der Schweiz zu Grabe getragen wurde“.

„Als der Krieg ausbrach“, begann ich zögernd, „war ich ein Jüngling und ich wußte nicht, was es bedeutete, Soldat zu sein und marschieren zu müssen. Außerdem ist es ein Unterschied, ob ein Mann persönlich bedroht ist oder das Schicksal der Masse erleidet.“

Ich sagte dies und jenes, was jedoch alles nicht so recht einleuchtend war. Du lieber Himmel ja, es war im Grunde genommen unvernünftig in Rußland so lange herumzustehen, bis einem die Füße erfroren waren. „Hinterher dumm reden“, sagte ich, „ist leichter als vorher zu klug zu handeln.“

„Tante Milla ist aber abgehauen“, erwiderte mein Sohn. Dagegen war nichts zu sagen. Tante Milla war tatsächlich abgehauen, und das ist eine Tatsache, die mich beschämt. Als Tante Milla begriffen hatte, daß sich in ihrer Verwandtschaft niemand ernstlich gegen die Forderung erhob, auf Butter zu verzichten und stattdessen Kanonen anzuschaffen, packte sie ihre Reisetasche, nagelte die Türe zu und entfloh.

Tante Milla war Näherin, und mit Thomas Mann hatte sie nichts gemein. Sie ging bei den Leuten ein und aus, nähte Hemden für Kinder, flickte Weißwäsche und machte Mädchenkleider länger, indem sie unten den Saum ausließ. Sie verdiente dabei gerade soviel, daß es für das Notwendigste reichte. Tante Milla war arm und hatte die Hoffnung, einen Mann zu finden, der sie ernähren würde, längst aufgegeben. Aber in ihrem Herzen lebte der Drang zur Freiheit, und wenn es die Freiheit hinter einer alten Nähmaschine im Dachstübchen war.

Sie hat uns ihre Empfindungen geschildert, als sie im Lautsprecher zum ersten Male die Stimme jenes Mannes vernahm, der später unser aller Kriegsherr und oberster Verderber war. In ihrer rheinischen Mundart – sie stammt aus Düren – klang es etwa so: „Jezz jibbet Kriesch. Tante Milla hab‘ ich jesacht, nix wie weg. Dat is’n Bösewicht.“

Durch die Erinnerung an einen geistlichen Herrn, der als Missionar ausgewandert war, kam sie auf den Gedanken, Brasilien liege weit genug abseits. Tante Milla, die nur Weißnäherin war und keine Aussichten besaß, einem Mann zu gefallen, nicht einmal einem Bösewicht, bewarb sich um eine Aufenthaltserlaubnis für jenes Land, das sie nur dem Namen nach kannte. Und sie erhielt sie. Auf die Frage, was sie dort zu unternehmen gedächte, antwortete sie dem Konsulatsbeamten, daß sie sich kreativ betätigen wolle.

Ihre Ersparnisse reichten aus, um ihr die Überfahrt zu ermöglichen. Was niemanden in ihrer Umgebung geglückt war, Tante Milla glückte es. Das alte Mädchen sah dem Krieg aus der heiteren Stille eines ländlichen Arzthaushaltes zu, indem sie Unterkunft gefunden hatte und Spitalwäsche ausbesserte. Heute noch streut sie gelegentlich portugiesische Brocken in die Unterhaltung, was ihr das Ansehen einer weitgereisten Dame verleiht. Auch weiß sie humorvoll über Schiffsreisen zu berichten.

Nach dem Krieg kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück, um den Leuten beim Ausbessern der Wäsche zu helfen. Sie kam darauf, dass es nützlicher sei, Socken zu stopfen als Krieg zu führen, was ihr niemand mehr bestritt. Sie tat sich nichts darauf zugute, klüger gewesen zu sein, als andere. Sie hatte Angst vor Bomben gehabt, und sie hatte auf ihre simple Weise die Rede jenes Mannes durchschaut, der ihr nicht die Butter auf dem Brot gönnte.

Den Rundfunk behielt sie immer scharf im Ohr. Sie ließ sich keinen Nachrichtendienst und keine Parlamentsdebatte entgehen. Als sie eines Tages jemanden sprechen hörte, der mit „Herr Bundesverteidigungsminister“ angeredet wurde, sagte sie wiederum: „Jezz jibbet Kriesch. Tante Milla, pack dein Köfferchen. Dat is’n Bösewicht.“

Als sie drüben in der Zeitung las, der Herr Bundesverteidigungsminister sei abberufen worden, nahm sie den nächsten Dampfer heimwärts. Und da näht sie also wieder, stopft und flickt und ein Transistorchen steht immer in ihrer Nähe, damit sie die Worte der Bösewichte nicht überhört. Ob der abberufene Herr Bundesverteidigungsminister weiß, daß seinetwegen einmal eine Weißnäherin nach Brasilien geflohen ist? „Dat hat mich jedenfalls viel Jeld jekostet“, sagt Tante Milla.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.