Samstag, 2. März 2024

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz ohne Fritz Wolf – „Bilder im Januar“ – 1956

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

Bernhard Schulz
„Bilder im Januar“ – 1956
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Tage voller Schwermut und Einsamkeit. Sanft weint der Regen in die Dämmerung. Schnee fällt und erlischt auf den Straßen. Durch die Türritzen faucht Wind.

Letztes Erinnern an Weihnachtskerzenglanz und Orgelmusik. Auf den Straßen liegen Lamettafäden. Rote und silberne Scherben von Christbaumglas. Der Himmel hängt bleigrau über der Landschaft. Der Wind presst den Schornsteinrauch in die Straßen.

Der Wind bringt den Schrei der Lokomotiven mit, den Sirenenruf der Fabriken, den Bremsschrei der Kraftwagen. Der Januar ist der Monat der Vereinsbälle und Stiftungsfeste.

Jetzt am Ofen sitzen und in einem Bauernkalender blättern. Oder die Zeitung lesen. Ein Freund ist gestorben, mit dem wir zur Schule gegangen sind. Eisblumen schmücken die Fenster. Ein Mann geht mit Ohrenklappen und Fausthandschuhen hinter einem Hund her. Weißer Nebel dampft von den Mündern. Auf den Dörfern lastet das Schweigen des Winters.

In den Wäldern ziehen die Pferde Baumstämme durch den verharschten Schnee. Unter ihren Hufen fetzt die Wald Erde rot und blättrig auf. Rehe tippeln durch den Tann und ein Fuchs späht nach dem Hühnerstall,

Die Bäume sind kahl. An den schwarzen Ästen krustet Regenwasser. Manchmal kommt Frost und überzieht die Pfützen mit hauchdünnem Eis, das unter den Autoreifen silbern splittert. Die Kälte beißt an den Ohren. Nasse Kälte, fressender Wind, zehrende Traurigkeit, das haben wir jetzt. An solchen Tagen tut heißer Kaffee gut. Kaffee mit Rum oder mit Schwarzwälder Kirschwasser.

In den Kirchen knien die Kinder vor dem Stall von Bethlehem. Auf einer Wiese aus grüner Holzwolle weiden Gipsschafe. Ein Hirtenknabe spielt auf dem Dudelsack und ein Engel spricht Latein. Aber die Stille ist so eindringlich, dass die Nüsse in den Hosentaschen der Buben zu hören sind.

In einer Dachkammer sitzt ein Mann über einen Globus gebeugt und schaut auf Alaska. Er weiß, dass in dieser Stunde Schiffe unterwegs sind. Unter seinen Fingerkuppen dreht sich die bunte Kugel, die den Erdball darstellt. Länder. Meere. Völker. Licht. Finsternis. Der Mann sagt Wörter vor sich hin. Lusitanien. Weihrauchstraße. Costa Rica.

Ein Käuzchen schreit. Die Furcht geht um. Vor einer Truhe knien und Gewänder auffalten. Die brokatenen Ballschuhe einer Frau streicheln, deren Andenken längst erloschen ist. Einen Fächer aufmachen und einen Zettel finden: „Ich liebe dich. Kommst du morgen? Ich erwarte dich.“
Es wäre schön, jetzt mit einem Mädchen verabredet zu sein und sie in einer Bauernwirtschaft zu Schinkenbrot und Bier zu überreden. Auf dem Heimweg leuchtet uns rubinrote Wintersonne und Wildgänse schreien am Himmel.

Eine Maschine hört auf zu dreschen. Strohduft wölkt über die Straße.

In der Ferne blitzen die Lichter der großen Stadt mit ihren Straßenbahnen, Häusern und Autos. Violett rotes Geleucht kriecht am Horizont. In einem Konzertsaal neigt sich eine Sängerin über einen Nelkenstrauß, bevor sie zu singen anhebt.

Krähen pflügen den Himmel auf. Ein Mann fragt nach dem Weg. Vielleicht bekommen wir morgen Tauwetter.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

 

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Alle bislang in der OR erschienenen Geschichten gibt es hier

Neugierigen seien darüber hinaus diese Internetseiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

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