Montag, 27. Juni 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Bernhard Schulz ohne Fritz Wolf – Bleistiftumriss eines Auferstandenen* (1946)

Der SPIEGEL: „Wer überlebte, war oft lebenslang traumatisiert. Bernhard Schulz war Soldat der deutschen Wehrmacht – und verfluchte am Ende den Krieg. 1946 schrieb er auf, wie das Grauen in Russland ihn innerlich zerriss. Der Autor spiegelt auf beklemmende Weise das lange tabuisierte Kriegstrauma der Veteranen wieder. Ein bedrückend und gleichzeitig grandioser Text.“ Erstveröffentlichung 2018.

Bernhard Schulz
Bleistiftumriss eines Auferstandenen* (1946)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Und er sprach: „Jüngling, ich sage dir, steh auf.“ Da richtete sich der Tote auf und fing an zu reden. Lukas 7, 11-16

Schulz links. Die Aufnahme machte der Gefreite Hoffmann. Er wurde dabei mit Kopfschuss getötet.

Ich bin, wenn ich das sagen darf, aus dem Massengrab auferstanden. Ich bin krank. Ich bin vermutlich eine Zeitlang zu schlecht ernährt worden. Was an mir gesund war, haben die Läuse gefressen. Das Fleckfieber war nicht das Einzige. Auch das wolhynische Fieber befiel mich. Das tat mir in den Schienbeinen am meisten weh. Dann  kam  Malaria  hinzu,  in  Schirokowka,  glaube  ich  wohl.  Die  Leber  war geschwollen und die Milz einmal vergrößert. Die Erreger hochzeiteten in meinem Blut. Oh, als ich krank war, lernte ich Blutbilder betrachten und Fieberkurven lesen. Ich unterhielt mich vortrefflich dabei.

Ich sagte eben, die Läuse fraßen an mir. Das ist ein Ausdruck, den ich eigentlich nicht verwenden dürfte. Ich bin längst nicht mehr so vornehm, wie ich früher war. Ich sage heute geradeheraus „fressen“. Die Läuse haben mich aufgefressen, nitschewo*** (macht nichts). Wissen Sie übrigens, was aus meinen erfrorenen Zehen geworden ist? Die sind im Gemüsegarten hinter der Baracke Sieben des Seuchenlazaretts in Shisdra beerdigt worden. Ich hoffe, dass sie dort einigermaßen seelig ruhen.

Sehen Sie, die ganze Sache wäre ohne Bedeutung, wenn ich tot wäre. Aber ich bin nicht tot. Ich bin halb tot. Ich habe Glück gehabt, dass ich mit dem halben Tode davongekommen  bin.  Wahr  ist,  dass  ich  für  ein  Massengrab  in  Suchinitschi projektiert war.  Nicht als Einzelner projektiert, sondern als Masse. Die Masse liegt zwei Kilometer westlich vom Bahnhof Suchinitschi, da wo die Schlucht ist.

Ich als Einzelner bin der Schlucht entronnen. Ich habe also einen Betrug begangen. Ich habe den Armeeführer um 4,3 Gramm Leichtmetall beschummelt. Das war meine einzige Korruption im Kriege, ich gestehe das ein. 4,3 Gramm – soviel wiegt nämlich die Hälfte einer Erkennungsmarke, dieser Eintrittskarte in „Walhall“. Die Hälfte wollte der Armeeführer haben, damit er meiner Mutter in Osnabrück melden konnte: „Gefallen auf dem Felde der Ehre.“

Das war faustdick gelogen gewesen. In Suchinitschi sind sie nicht gefallen, sondern von   sibirischen   Scharfschützen   mit   Gewehrkolben   erschlagen   worden.   Und außerdem nicht auf dem Felde der Ehre, sondern bei 56 Grad Kälte zwischen Lokomotiven und Panjehütten. Wolken von Krähen ließen sich auf ihrem Fleisch nieder wie auf Holz.

Das war vielleicht ein Achtel Tod, den ich damals erlitt. Eine MG-Garbe zwitscherte durch meine Schenkel und versengte die weiße Haut. Das hat mich veranlasst, wegzulaufen. Hinter mir brannte der Bahnhof lichterloh. In Popkowo wollten mir die Partisanen die Ohren abschneiden. Sie benutzten kleine Schälmesserchen dazu. Aber   in   Popkowo   hatte   ich   einmal   einer   Madka   Schokolade   aus   einem Frontpäckchen geschenkt für ihre Kinder (ich versuchte, den Krieg wieder gut zu machen, indem ich mein Brot russischen Kindern gab). Die Madka küsste meine erfrorenen Hände und sagte: „Dobre pan“** (Guter Mann), und die Partisanen ließen mich in den Schnee hinausgehen. Dann schossen sie nach mir wie nach einem Fuchs.

Das war wieder ein Achtel Tod. So kam ein Achtel zum anderen, und bisweilen waren es auch bloß Sechzehntel und Vierundzwanzigstel.

Jetzt nach meiner Entlassung, mitten in der Arbeit, oder sonntags in der Kirche, oder abends auf dem Feuerwehrball, oder wenn gesungen wird, kommen sie an, die Achtel und Sechzehntel Tode, diese Bruchstücke des Krepierens einer Menschenhülle, heulende Granaten und knisternde Grade Frost, Läuse, Mücken, Wanzen, Marschbefehle, Angriffsziele, Feuerpläne, und die Schälmesserchen der Partisanen…

Wer dies liest, hat den Vorteil, dass er meine Auferstehungsrede angewidert aus der Hand legen kann.

Es braucht ihn nicht zu interessieren, warum der eine ganz tot und der andere halb tot ist. Der ganz Tote hat alles erledigt. Ich, der ich halb tot bin, bin nicht mehr im Stande, etwas zu erledigen. Ich schreite nicht mehr. Ich taumele. Ich bin immer ernst. Ich stehe da und schaue auf meine Füße, oder auf einen Hausgiebel, und weiß der Himmel, was in mir vorgeht. Ich beteilige mich an nichts mehr. Wer mich mitnimmt auf einen Sängerball, muss sehen, wie er mit mir zurechtkommt.  Wahrscheinlich gehe ich weg. Kann sein, dass ich dann auf der Landstraße, an einen Baum gelehnt, stehen bleibe.

Was ich sehe, sind weite öde Flächen Schnee und aufzuckendes Feuer von Geschützen. Was ich fürchte, sind die mahlenden Raupen der Panzer und die schwellenden Bäuche der Panjepferdchen im Morast der Schneeschmelze. Was ich betrachte, sind die kahl geschorenen Köpfe erhängter Mongolen und roter Mull  von einem eisverkrusteten Wasserloch. Was ich anstiere, sind, weiße schwebende Pünktchen über dem glitzernden Schnee, die einen Granatwerfer aufbauen und mich mit Feuer überschütten. Was ich begreife, sind die Rohre der Ratschbumm, die sich auf den Fleck zwischen meinen Augen einschießen. Was ich haben will, sind Brot und Schmalz und Tabak und Schnaps und einen Brief von daheim. Was ich besitze, sind faulige Kartoffeln, Losanthintabletten, Patronen und Klopse aus gefrorenem Pferdefleisch. Was ich kenne, sind Leichen, Krähen, Kapusta (Eintopf mit Sauerkraut), Läuse und Läuseeier. Was ich nicht kenne, sind, ausruhen und Schlaf und Vormichhinlächeln …

Ich sagte schon, wenn ich tot wäre, brauchten wir nicht darüber zu reden. Aber ich bin nicht tot. Jedenfalls nicht ganz. Ich lebe. Das Leben besteht für mich aus Bruchteilen, wie auch der Tod für mich nur Bruchwerk ist: Ein Achtel Granatsplitter im Kreuz, ein Achtel erfrorenes  Zehenfleisch, ein Achtel vergiftetes Blut, ein Achtel angeknackte Lunge, ein Achtel verseuchte Milz, ein Achtel …

Ich glaube, ich muss in Vierundzwanzigsteln rechnen. Der Tod geht nicht auf. Das ist das Schreckliche an mir.


   * Mit dieser Überschrift versah B. Schulz den folgenden Text. Er bezieht sich auf den Kampf um die zentralrussische Stadt Suchinitschi, die Anfang Oktober 1941 von der Wehrmacht besetzt und knapp drei Monte später von der Roten Armee zurückerobert wurde.
  ** Dobre pan, russ. Guter Mann
*** nitschewo! russ. Macht nichts!


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard SchulzSohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

 


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022

Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

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