Bernhard Schulz (1913 – 2003) war ein Osnabrücker Autor, der keinen Vergleich zu scheuen braucht: 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden und sind ein Stück Zeitgeschichte. Nach Auffassung der OR-Redaktion ist dieser markante Schreiber, dessen Geschichten zumeist von seinem Freund Fritz Wolf mit einer Karikatur begleitet wurden, zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

 

Bernhard Schulz
„Theaterbesuch Anno Dunnemals“ (1959)
(Links zu früheren Folgen und Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Auf das Theater bin ich zuerst aufmerksam gemacht worden durch meine Großmutter. Wir hatten an einem Herbstnachmittag zusammen ein Stück gesehen, das „Schneewittchen“ hieß und von den Kindern eines Waisenhauses in unserem Dorfkrug aufgeführt wurde. Die Nonne, die mit den Kindern das Werk einstudiert hatte, stand während der Aufführung auf der Bühne und klatschte jedesmal in die Hände, wenn die Wichtelmänner irgendetwas tun sollten.

Nach der Vorstellung sagte der Pfarrer, dass er und mit ihm alle Anwesenden ergriffen wären und dass man den Waisenkindern dankbar sein müsse für den hohen Kunstgenuss, den sie der Gemeinde geboten hätten. Es war im Dorf eigentlich nicht üblich, Theater zu spielen.

Daheim erzählte mir die Großmutter, dass es gar nicht das richtige Theater gewesen sei, sondern eben nur so ein Waisenhauskindertheaterchen, das in der großen Welt keineswegs ernst genommen würde. Die Großmutter war einmal in der großen Welt gewesen und hatte eine richtige Vorstellung mit richtigen Künstlern in einem richtigen Theater erlebt. Es war eine Darbietung gewesen mit Musik und es war dazu gesungen worden. Den Titel des Stückes hatte die Großmutter vergessen. Nun, es war ja auch schon lange her, seit sie die Vorstellung gesehen hatte.

Wenn Großmutter nicht gerade „in der Welt“ war, wie sie sich auszudrücken pflegte, lebte sie auf einem Bauernhof bei Bersenbrück. Damals verkehrte noch keine Eisenbahn zwischen Osnabrück und Oldenburg. Wer in der Stadt zu tun hatte, musste sich den Rössern anvertrauen. Einmal im Jahr, gewöhnlich in der Zeit vor Weihnachten, machte Großmutters Familie einen Ausflug in jene Welt, darin so wunderbare Dinge geschehen konnten wie Theater und Musik und Bühnengesang.

Die Eintrittskarten wurden durch die Post bestellt. Wochen hindurch sprach Großmutters Familie von nichts anderem als vom Theater. Man bereitete sich auf den Kunstgenuss vor wie auf ein unerhörtes Fest. Das Lederverdeck der Kutsche wurde mit Fett geschmeidig gemacht, die Achsen wurden geschmiert und die Polster ausgebürstet.

Dann war die große Morgenstunde da. An der Landstraße fielen die letzten Äpfel in den Graben. Brot und Wurst und Eingemachtes lagen in der Haferkiste; es war ein Vorrat für mehrere Wochen. Großmutter konnte sich nach so vielen Jahren noch daran erinnern, wie ihr Jungmädchenherz gezittert hatte bei dem Gedanken, dass sie leibhaftige Künstler zu Gesicht bekommen und ein vollständiges Orchester hören würde. Auf der ganzen Fahrt war nur von Kunst die Rede. Die Eltern saßen auf dem Bock. In der Kutsche hockten drei Töchter, alle miteinander mit Grütze vollgestopft und in derbe Woilache eingehüllt.

Das Theater war – nach Großmutters Angaben – ein palastartiges Gebäude, das „gut genug war für den Kaiser“.  Ach, ihr Geist ging unter in dem Glanz, der sich da auftat. Sie war einfach nicht so stark, all diese Pracht und Kunst gefasst hinzunehmen. Ihr ganzes Leben lang hat sie von den schönen Damen in den Logen, von den Offizieren im Parkett und von dem Gehabe der Künstler geschwärmt.

Im Herzen dieser Frau hatte eine gewiss nicht erstklassige Operettenaufführung ein loderndes Feuer für die Bühne entfacht. Großmutter hat nie wieder ein Theater besuchen dürfen, sie hatte sogar den Titel des Werkes vergessen, aber der Glanz, der Glanz dieses Schmierentheaters in der Großen Gildewart umgab sie bis zuletzt.


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten. Wir drucken die Geschichten im Original ab.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946 Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz Sohn Ansgar und Bernhard Schulz
Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951 Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.


Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:
Webseite von Bernhard Schulz
Wikipedia über Bernhard_Schulz 
Webseite Fritz Wolf
Interview mit Ansgar Schulz Mittenzwei, dem Sohn von B. Schulz

Bislang in der OR erschienen:
Geschichte vom 21.11.2021
Geschichte vom 28.11.2021
Geschichte vom 05.12.2021
Geschichte vom 12.12.2021
Geschichte vom 19.12.2021
Geschichte vom 26.12.2021
Geschichte vom 02.01.2022
Geschichte vom 09.01.2022
Geschichte vom 16.01.2022
Geschichte vom 23.01.2022
Geschichte vom 30.01.2022
Geschichte vom 06.02.2022
Geschichte vom 13.02.2022
Geschichte vom 20.02.2022
Geschichte vom 27.02.2022
Geschichte vom 06.03.2022
Geschichte vom 13.03.2022
Geschichte vom 20.03.2022
Geschichte vom 27.03.2022
Geschichte vom 03.04.2022
Geschichte vom 10.04.2022
Geschichte vom 17.04.2022
Geschichte vom 24.04.2022
Geschichte vom 01.05.2022
Geschichte vom 08.05.2022
Geschichte vom 15.05.2022
Geschichte vom 22.05.2022
Geschichte vom 29.05.2022
Geschichte vom 05.06.2022
Geschichte vom 12.06.2022
Geschichte vom 19.06.2022
Geschichte vom 26.06.2022
Geschichte vom 03.07.2022
Geschichte vom 10.07.2022
Geschichte vom 17.07.2022
Geschichte vom 24.07.2022
Geschichte vom 31.07.2022
Geschichte vom 07.08.2022
Geschichte vom 14.08.2022
Geschichte vom 21.08.2022
Geschichte vom 28.08.2022
Geschichte vom 04.09.2022
Geschichte vom 11.09.2022
Geschichte vom 18.09.2022