Mittwoch, 26. Januar 2022

Sonntag, 12.00 Uhr: Eine neue Kurzgeschichte und Zeichnung des legendären Osnabrücker Duos Bernhard Schulz & Fritz Wolf

Bernhard Schulz
Mitten im dicksten Winter (1961)
(Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie am Ende des Textes)

Bisweilen geht ein Knabe nach draußen, um das Ohr an die Schiene zu legen und zu horchen, ob der Zug unterwegs ist. „Sie lassen sich Zeit“, sagt er. Der Güterzug soll gegen fünf da sein, aber aus irgendwelchen Gründen wird es oft sogar sieben, bis er an der kleinen Station hält. Es ist eine Station ohne Dorf. Es gibt hier nicht einmal eine Kneipe oder einen Laden, wo man Schokolade oder Tabakwaren kaufen könnte. Es ist eine Haltestelle für Leute, die in den Dörfern ringsum zu tun haben: Vertreter, Gelegenheitsarbeiter und Schüler.

Aber es ist ein Warteraum da mit einem gusseisernen Ofen, mit Wandbänken und eichenen Tischen. An den Wänden hängen vergilbte Bekanntmachungen der Eisenbahnbehörde, Transporttarife, Fahrpläne und Fahrt-durch-die-schöne-Welt-Plakate. Außerdem wird Reklame gemacht für Bier, Strickwolle und Kautabak. Von der Decke herab hängt eine Petroleumlampe, die niemals nachgefüllt wird. Die Leute hocken im Dunkel um den Ofen, dessen Klappe geöffnet ist, sodass die Gesichter von dem roten Geleucht fleckig werden.

Sicher gibt es nirgendwo auf der Welt eine Eisenbahnstation, die uninteressanter ist. Es ist eine Nebenstrecke in flaches Land hinein, in die Region der Äcker und Kuhweiden, der eingleisige Schienenstrang in vergessene Dörfer.

Und doch kann ich diesen Warteraum nicht vergessen. Geruch nach Kohle und Fußbodenöl und Menschen schwebt mir um die Nase. Ich höre das Ticktack der Standuhr. Ich höre den Fernsprecher im Dienstraum läuten und den Morseapparat klicken. Kein Mensch weiß, was es da alles zu klicken gibt – es geschieht doch nichts!

Ich betrachte die Plakate: Es sind Schiffe und Flugzeuge und feuerspeiende Berge darauf abgebildet und auf einem ist die Akropolis dargestellt mit der Aufforderung, Athen so schnell wie möglich zu besuchen.

Niemand, der je auf diesen Bänken saß, empfand auch nur das leiseste Begehren, die Akropolis zu sehen. Die Leute sitzen da und sprechen von Tausendern, die man gewinnen müsste, von Männern, die im Viehhandel reich geworden sind und von Krankheiten.

Ich besinne mich in der Hauptsache auf Schnee, der auf die Wälder, Äcker und auf das Dach des Stationsgebäudes herabsank. Schnee, Schnee, Schnee. In meiner Erinnerung liegt der Wartesaal mit dem Kanonenofen mitten im dicksten Winter, kein Winter für Sportler, aber ein Winter für Holzfäller, Schnapsbrenner und Leute mit einem Bauchladen. Auf ihren Gesichtern mischt sich das Rot des Ofens mit dem blauen Licht des vom Mond erhellten Schnees. Durch ihre Geschichten perpentikelt die Zeit mit ihrem metallischen Atem. Ich sehe einen Mann in den Warteraum stapfen. Er stößt an der Schwelle den Schnee ab und schließt die Tür mit dem Fuß. Der Mann trägt auf der Schulter ein Reh, trägt es wie auf dem Bild in unserer Schulbibel der Gute Hirte das verlorene Schaf. Aber es ist kein verlorenes Schaf, sondern ein Reh, das in einem Tellereisen gefangen wurde und das der Mann befreit hat.

Die Leute stehen auf und machen Platz. Der Mann lässt das Tier behutsam herabgleiten und bettet es auf den Fußboden in die Wärme und in das Geleucht des Ofens. Stille. Die Menschen starren wie gebannt auf den Mann und auf das Reh zu seinen Füßen. Das vereiste Fell fängt an zu tauen, aber niemand weiß, ob dem Reh damit geholfen ist. Beide Vorderläufe sind arg geschunden und vielleicht gebrochen…

Jetzt kniet der Mann sich hin und untersucht die Wunden und das Reh richte seine braunen Lichter auf die Hände, die es betasten. Der Mann hat keine Erfahrung mit Tieren, die in einem Tellereisen gelegen haben. Waren es Stunden, waren es Tage? Es ist das erste Reh seines Lebens, das er auf der Schulter getragen hat. Er ist gut eine Stunde unterwegs gewesen, im Wald, im Schnee, in einer Landschaft voller Kälte und Wind. Er hat die Wärme des Tierleibes in seinem Genick gespürt, er hatte den hechelnden Atem dicht an seinem Ohr und er hat den Frevel, die Menschensünde, die Untat in den Wartesaal geschleppt.

Das Reh liegt ganz still da, mit geschlossenen Lichtern. Der Mann hat seine Jacke ausgezogen und unter die Vorderläufe geschoben. Er setzt sich auf einen Stuhl und wartet. Wartet auf den Tierarzt, den der Stationsvorsteher angerufen hat und wartet auf den Förster.

Der Zug läuft ein. Der Mann ist jetzt allein in dem Raum, der nach Kohle und Fußbodenöl und Krankheit riecht. Das Reh verendet auf seiner Jacke und der Mann streicht mit der Hand über den schmalen, goldbraunen Kopf.

 


Anmerkungen zu dieser exklusiven OR-Serie

Bernhard Schulz (1913 – 2003) dürfte ein Osnabrücker Autor sein, der nicht nur in seiner Heimatstadt wahrhaftig keinen Vergleich zu scheuen braucht: Stolze 24 Bücher und fast 2.400 (!) Kurzgeschichten sind seit 1934 erschienen. Letztere fanden sich in Zeitungsausgaben, Anthologien und Sammelbänden. Völlig zu Unrecht, das ist zumindest die Auffassung der OR-Chefredaktion, ist dieser markante Schreiber heutzutage fast in Vergessenheit geraten.

Eine bemerkenswerte Resonanz erfuhr in der Osnabrücker Rundschau eine Reportage von Heiko Schulze, der sich Anfang Juli dieses Jahres mit dem reichhaltigen Wirken des Osnabrücker Journalisten und Schriftstellers auseinandergesetzt hat. Dies nebenbei nicht ohne Anlass: Wie Hans Wunderlich, Josef Burgdorf oder Karl Kühling zählte Schulz anno 1946 zum Redaktionsteam der damaligen Osnabrücker Rundschau, der leider nur ein kurzes Zeitungsleben zuteil wurde.

Redakteur Bernhard Schulz mit der OR-Erstausgabe vom 1. März 1946

Ganz im Gegensatz zu Bernhard Schulz hat es sein enger Freund Fritz Wolf (1918-2001) bis heute in die Ahnengalerie von solchen Osnabrückerinnen und Osnabrückern geschafft, die über Jahrzehnte, von der NOZ bis zum Stern, erfolgreich versucht haben, den deutschen Zeitgeist textlich oder zeichnerisch zu spiegeln. Immer wieder ergeben sich bis heute aktuelle Anlässe, um an den Meister des feinen Federstrichs mit seinen stets liebevoll in Szene gesetzten Prominenten zu erinnern.

Sohn Ansgar und Bernhard Schulz

Kurzum: Anlässe genug, fortan eine neue OR-Serie zu starten, in der ausgewählte Kurzgeschichten von Bernhard Schulz mitsamt ihrer zeichnerischen Begleitung durch Fritz Wolf vorgestellt werden. Herzlich gedankt sei an dieser Stelle Ansgar Schulz-Mittenzwei, der die neue Serie im vertrauensvollen Kontakt zur OR-Redaktion erst ermöglicht hat und der bis heute in liebevoller Weise das literarische Erbe seines Vaters verwaltet.

Bernhard Schulz und Fritz Wolf 1951

Alle Schulz-Geschichten sowie etliche Wolf-Zeichnungen besitzen eine einzige Quelle, die in jüngster Zeit, ebenfalls durch das entscheidende Mitwirken seines Sohnes Ansgar, erscheinen konnte. Entnommen sind sie nämlich dem Schulz-Buch „Den Löwenzahn zermalmt nicht die Kesselpauke oder Hinwendung zur Geborgenheit. 200 kurze Geschichten der Jahre 1945-1965.“ Das kompakte Werk ist im Buchhandel (beispielsweise bei Wenner), online oder direkt über die Website www.BernhardSchulz.de erhältlich.

Neugierigen seien überdies diese Internet-Seiten ans Herz gelegt:

http://www.BernhardSchulz.de
https://de.Wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schulz 
http://www.Fritz-Wolf.de

Geschichte vom 21.11.2021

 

 

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