Sonntag, 14. Juli 2024

Der Schwarze Obelisk oder wie ich Pastor Bodendiek wurde …

Pastor Bodendiek im Film Der schwarze Obelisk (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)

Schon seit Wochen gibt es einen regelrechten Hype um „Im Westen nichts Neues“, einen Film, der für den Oscar sogar in mehreren Kategorien nominiert war und bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles in der Nacht zum vergangenen Montag tatsächlich insgesamt vier dieser begehrten Trophäen abgeräumt hat, darunter den Oscar für den besten ausländischen Film. Anders als die erste, betont sachliche Darstellung von Remarques Roman in dem amerikanischen Film von 1930, die den Nazis ein Dorn im Auge war, scheint die bildgewaltige Darstellung der Schlachten in der deutschen Netflix-Produktion mit ihren drastischen Eindrücken vom Leid und Sterben der Soldaten die Jury überzeugt zu haben. Vielleicht haben auch die täglichen Bilder und Schreckensnachrichten des seit einem Jahr tobenden russischen Angriffskrieg auf die Ukraine dazu ein wenig beigetragen.

Man könnte meinen, Remarque, der am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren wurde, erlebt nach 125 Jahren eine Wiedergeburt. Doch weit gefehlt: Remarque selbst, der sich in vielen seiner Romane mit Krieg und Diktatur auseinandergesetzt hat, findet im Zusammenhang mit dem aktuell laufenden Film kaum Erwähnung. Einer seiner wichtigsten Romane, der die Entstehungsbedingungen der deutschen Nazi-Diktatur beschreibt, könnte dabei durchaus einen aktuelleren Bezug haben: Der schwarze Obelisk.

„If Jesus was the sheriff and I was the priest” säuselt der “Boss” Bruce Springsteen mir gerade mit seiner rauhen Stimme ins Ohr und lenkt damit meine Gedanken auf ein Ereignis, das schon ein paar Jahre zurückliegt: ich war auch mal Priester, und zwar in einem Film. Genauer: in der filmischen Betrachtung von Remarques Roman „Der schwarze Obelisk“ …


Mit Mark im Biergarten

Alles fing damals an mit einem Treffen mit Mark Mathew, einem stets gut gelaunten Osnabrücker (ich bin mir nicht sicher, ob das was Besonderes oder schlicht normal ist?), dem man seinen britischen Anteil im Blut besonders dann anmerkt, wenn es british humorvoll wird … Wir waren im Biergarten verabredet. Mark hatte ich kennengelernt, als er mit dem Film „Flucht 1937“ beschäftigt war. Eigentlich sollte seine Tochter Abigail ein Referat für die Schule über ein Ereignis aus der Familiengeschichte erarbeiten, bei dem ihr Vater Mark sie unterstützte. Doch Mark konnte seine Tochter von der Idee überzeugen, die Geschichte, die sie recherchierten, in Filmsequenzen mit nachgespielten Szenen festzuhalten. Dass es so kam, war eigentlich nicht verwunderlich, denn Mark, von Beruf Sparkassenangestellter in Melle,  hatte eine Zeit lang in London in der Filmbranche gelernt. Die Filmaufnahmen wurden mit relativ einfachen Mitteln gemacht. Für die gespielten Szenen konnten Freunde und Bekannte gewonnen werden, darunter auch einzelne Akteure, die ihre Erfahrungen aus Theaterstücken von den Waldbühnen des Osnabrücker Landes mitbrachten. Und Mark fand eigentlich für jeden etwas, das er in dem Film machen konnte, und sei es auch nur, einfach durchs Bild zu laufen. Ich sollte für das Making of im Abspann des Films einen vorbereiteten Text mit zwei Sätzen über den ehemaligen Flugplatz Achmer in die Kamera sprechen. Das war zwar ungewohnt, brachte mir aber dennoch die Aufnahme in die illustre und muntere, ja multikulturelle Filmgruppe um Mark ein.

Initiator der Filmenthusiasten: Mark Mathew (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)

Zurück im Biergarten … Nach dem zweiten Bier eröffnete mir Mark: „Wir wollen über den schwarzen Obelisken von Remarque einen Film machen und könnten uns vorstellen, dass du eine kleine Statistenrolle übernimmst und den Pastor spielst.“ Auf meinen überraschten Blick – oder war er gar entsetzt? – beruhigte mich Mark mit einem breiten Grinsen im Gesicht, „du brauchst nicht viel sagen, nur in einer kleinen Kapelle die Gläubigen begrüßen, später einen echten Braten anschneiden und Wein trinken“. Als er mir auf meine wiederholten Nachfragen bestätigte, dass er es ernst meinte, musste ich erst einmal schlucken. Geneigte Leser*innen werden sofort festgestellt haben, dass ich den erwähnten Roman „Der schwarze Obelisk“ nicht kannte, denn sonst hätte ich durchaus wissen können worum es bei den angesprochenen Szenen geht. Hatte ich schon erwähnt, dass Mark über einen Film sprechen hören noch aufregender ist als ein spannendes Buch zu lesen. Man merkt sofort: Filme sind seine Leidenschaft. Immerhin bekam ich Bedenkzeit, denn schließlich kannte ich weder den Inhalt des Romans, noch wusste ich als Protestant etwas über den Ablauf katholischer Messen und wie das mit dem Bekreuzigen ist …


Wer ist Pastor Bodendiek?

Um es abzukürzen: ich.

Nach zwei weiteren Treffen mit Mark habe ich zugesagt, da mich die reale(n) Figur(en), die Remarque offensichtlich als Vorlage für den Charakter des Pastors diente(n), neugierig machten …

Ich besorgte mir eine Taschenbuchausgabe des Romans und fand im Internet sogar eine Pdf-Version mit dem gesamten Inhalt. Letzteres hatte den Vorteil, dass ich nicht gezwungen war, die ganzen vierhundert Seiten des Taschenbuchs zu lesen. Und es bot die Möglichkeit, nach den Stellen im Text zu suchen, in denen die Figur des Pastors erwähnt wurde.

Remarque hat die Handlung seines Romans in die Gesellschaft der 1920er Jahre gelegt, eine Zeit, in der die noch junge Weimarer Republik an den Folgen des Ersten Weltkriegs leidet, mit der Hyperinflation und einer wirtschaftlichen Rezession zu kämpfen hat und die Armut der Bevölkerung und die politische Instabilität den Alltag prägen. Hauptfiguren sind der junge Kriegsheimkehrer Ludwig Bodmer, der für eine Firma arbeitet, die Grabsteine verkauft, und die von ihm angehimmelte Genevieve Terhoven, die an Schizophrenie leidet, sich Isabelle nennt und in einer Irrenanstalt untergebracht ist. Mit Pastor Bodendiek, der in der Kapelle der Irrenanstalt die Messe liest, und Dr. Wernicke, dem Anstaltsarzt, trifft sich Ludwig Bodmer zum gelegentlichen Gespräch. Die Örtlichkeiten der Handlung hat Remarque seiner Heimatstadt Osnabrück nachempfunden, die er, wie auch in anderen seiner Werke, „als Folie einer typisch deutschen Durchschnittsstadt benutzt“, wie der ehemalige stellvertretende Leiter der Osnabrück Stadtbibliothek, Peter Junk, es in einem Vortrag 1994 beschrieb. Die Charaktere hat Remarque zwar angelehnt an reale Personen der (Osnabrücker) Gesellschaft, aber dennoch fiktional angelegt.

So auch bei Pastor Bodendiek, dessen Rolle ich übernehmen sollte. Folgt man Martina Sellmeyer in ihrem Aufsatz, der im Erich Maria Remarque Jahrbuch-Yearbook VII/1997 unter dem Titel „Erich Maria Remarque und Osnabrück“ veröffentlicht wurde, kommen zwei reale Osnabrücker für die Figur des Pastor Bodendiek in Frage: einmal der katholische Pfarrer Theodor Biedendieck von der Kreuzkirche in Schinkel oder der evangelische Pastor Hans Bodensieck von St. Marien. Es scheint danach so, dass Pfarrer Theodor Biedendieck wie die Romanfigur als „katholischer Geistlicher den Gottesdienst in der Michaeliskapelle auf dem Gertrudenberg abhielt, wo Remarque sonntags Orgel spielte“, während für die oppositionelle Haltung gegenüber dem NS-Regime die reale Figur Pastor Hans Bodensieck als Vorbild gedient hat.


Vorbereitungen auf die Rolle

Eine Messe eröffnet man nicht in Jeans und T-Shirt. Also musste die passende Kleidung her. Anprobe war im Benediktinerinnekloster am Hasetorwall. Dort gab es einen reichhaltigen Fundus an Kleidungsstücken für die Kirchenoberen. Nicole Janssen, die dort tätig ist und auch zu unserer Film-Crew gehörte, ließ mich verschiedene Talare anprobieren. Gelegentlich kam eine der dort wohnenden Nonnen vorbei, die mich mit zweifelnden, später auch schmunzelnden Blicken betrachteten. Das Gefühl war schon ungewöhnlich, so einen Talar anzuhaben. War es ein Zeichen von oben, dass der Ehering an der rechten Hand ein wenig drückte? Immerhin war das für mich der Hinweis, den Ring im bevorstehenden Sommerurlaub abzulegen, damit bei den Filmaufnahmen später kein verräterischer heller Streifen zu sehen sein würde …

Warten auf die Aufnahmen im Garten auf dem Gertrudenberg (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Warten auf die Aufnahmen im Garten auf dem Gertrudenberg (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)

Erster Drehtag auf dem Gertrudenberg

Relativ unaufgeregt und tiefenentspannt nach einem erholsamen Wanderurlaub erschien ich zum ersten Drehtag in der kleinen Kapelle auf dem Gertrudenberg, bis ich „von der Regie“ erfuhr, dass man sich überlegt hatte, ich sollte bei der Eröffnung der Messe doch etwas sagen. Es war sommerlich warm und auf meiner Stirn bildeten sich Schweißperlen oder lag es daran, dass ich seit Jahrzehnten keinen Text mehr auswendig lernen musste und jetzt sollte das ganz spontan funktionieren? Also: Kopf hoch und durch … Mit einem Handy-Video wurde mir erklärt, mit welcher Gestik man eine Messe eröffnet. Talar übergestreift und los ging es. Bei dem Anblick der paar Crew-Mitglieder, die sich in die Kirchenbänke gesetzt, die ansonsten aber leer blieben, wurde es mir doch etwas mulmig. Aber nach mehreren Wiederholungen hatte ich es „überstanden“ und die anderen auch …

Eine weitere Szene, in der ich mitspielen sollte, wurde im Außenbereich gedreht. Laut Regieanweisung sollte ich „beim Spaziergang im Garten der Heilanstalt Ludwig und Isabell begegnen und kurz mit ihnen sprechen“; wir sollten uns irgendetwas sagen, ohne dass der Ton aufgenommen wurde, aber der Betrachter trotzdem mitbekam, dass es dort ein Gespräch zwischen den Dreien gab. Nils Diekmann, der den Ludwig spielte, sagte zu mir: „Ich hätte jetzt gerne ein Stück Apfelkuchen.“ Es kostete mich viel Beherrschung, um nicht laut zu lachen. Stattdessen entgegnete ich, dass ich nicht backen könne. Bei der Wiederholung der Szene sagte ich dann zu ihm: „Ich habe das Rezept im Internet gegoogelt, beim nächsten Mal bringe ich dir ein Stück mit“…


Der Braten

Bei meinem zweiten Drehtag ging es um eines der wichtigsten Dinge im Leben: Essen und Trinken. Die Szene mit dem Braten sollten Ludwig, der Pastor (also ich) und der Anstaltsarzt am Tisch sitzend essen und trinken. Das Gute daran war, dass der Pastor „das Heft des Handelns in der Hand hielt“: er schnitt sich das größte Stück des Bratens ab und gab den anderen beiden nur kleinere Stückchen und er goss sich sein Weinglas voll, während er den anderen nur ganz wenig einschenkte. Ich will ja nicht gehässig sein, aber das war der Moment, wo das Filmen besonderen Spaß gemacht hat. Hierzu gab es ein für meinen Geschmack nicht gerade kurzes Drehbuch mit Dialogtexten. Das Auswendig-Lernen war für mich nicht so sehr das Problem, sondern die Schwierigkeit, seinen Text mit der richtigen Betonung im Gespräch vorzubringen. Aber irgendwie nach mehreren takes, wie man in der Filmbranche sagt, war die Szene „im Kasten“. Übrigens: es gab echten Rotwein und echten Braten, beides sehr lecker!


Am Zechenbahnhof

Nicht vorenthalten möchte ich den äußerst aufwendigen Dreh am Zechenbahnhof Piesberg, wo mit Unterstützung der Eisenbahnfreunde die Bahnhofsszenen gedreht wurden. Aufmerksame Leser*innen der Remarque-Romane werden sofort einwenden: da kommt der Pastor doch gar nicht vor. Richtig. Ich hatte dort meinen ersten Einsatz als Kamera-Assistent von Dr. Eva Berger und bekam einen Eindruck davon, wie anstrengend ein kompletter Drehtag sein kann vor, neben und hinter der Kamera. Aber auch das hat großen Spaß gemacht, vor allem wegen der vielen netten Leute, die mitgewirkt haben und der überaus netten Atmosphäre, die auch noch nach der x-ten Wiederholung einer Aufnahme zu spüren war.

„Ich hätte Lust auf ein Stückchen Apfelkuchen“ (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)„Ich hätte Lust auf ein Stückchen Apfelkuchen“ (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)
Bahnhofsszene aufgenommen am Zechenbahnhof Piesberg (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Bahnhofsszene aufgenommen am Zechenbahnhof Piesberg (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)
Gleich wird Der Braten angeschnitten (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Gleich wird Der Braten angeschnitten (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)
Der Schwarze Obelisk läuft bei der Premiere in allen Kinos des Cinema Arthouse (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Der Schwarze Obelisk läuft bei der Premiere in allen Kinos des Cinema Arthouse (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)

Abspann

An den Drehtagen bekommt man ja nur mit, wie einzelne Szenen oder Einstellungen gefilmt werden. Gespannt war ich, wie aus diesen vielen Einzelaufnahmen ein Film „zusammengebaut“ werden würde und ob man sich unter den Kinosessel verkriecht, wenn man sich auf der großen Kinoleinwand sieht. Die Premiere im Cinema-Arthouse in Osnabrück am 1. März 2020 war überwältigend: Mehr als 800 Sitzplätze waren belegt und der Film war dort in allen fünf Kinosälen gleichzeitig zu sehen, das gesamte Kino nahezu ausverkauft. Und nein, ich habe mich nicht unter meinem Kinosessel verkrochen, aber ich habe den ganzen Tag irgendwie in Trance erlebt.

Massenandrang bei der Premiere des Films Der schwarze Obelisk am 1. März 2020 im Cinema Arthouse (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Massenandrang bei der Premiere des Films Der schwarze Obelisk am 1. März 2020 im Cinema Arthouse (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)
Filmenthusiasten Mark & Friends (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Filmenthusiasten Mark & Friends (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)

Trailer Der schwarze Obelisk 1
Trailer Der schwarze Obelisk 2
Trailer Der schwarze Obelisk (Making Of)
Weitere Informationen

 

Cover der DVD zum Film Der schwarze Obelisk erhältlich über die homepage der Filmenthusiasten (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)Cover der DVD zum Film Der schwarze Obelisk erhältlich über die homepage der Filmenthusiasten (Foto: Filmenthusiasten Mark & Friends)

Weitere Filmprojekte:

Flucht 1937
Trailer https://youtu.be/iP0UXV7XBcM
Trailer (Making Of) https://youtu.be/mIJMfMKn3Fs

De Loop de Haase
Trailer https://youtu.be/2lBcrq0_Upw
Lebenswerkstatt: 33 Kurzportraits aus Osnabrück und Umgebung (zu 75 Jahre Niedersachsen)
Trailer https://youtu.be/9Q3uvh1yIEQ

Aktuelles Projekt:

Wer war Sir Arthur Conan Doyle (kurz vor der Fertigstellung)
Trailer https://youtu.be/8qcPuemM2Ks

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